Mareike Engels
Frau Präsidentin, verehrte Kolleg:innen. Die Scham muss die Seite wechseln. Dieser Satz ist zu einem kraftvollen politischen Anspruch geworden, und er gilt heute mehr denn je auch für den digitalen Raum. Wir haben es Collien Fernandes zu verdanken, ihrem Mut und ihrer unvorstellbaren persönlichen Stärke, dass wir heute über das so wichtige Thema sprechen. Collien Fernandes hat öffentlich gemacht, was viele Betroffene erleben: dass digitale sexualisierte Gewalt kein abstraktes Phänomen ist, sondern tief in den Alltag eingreift, dass sie verletzt, entwürdigt und das eigene Leben beeinträchtigt. Deswegen möchte ich direkt am Anfang klarstellen: Digitale Gewalt ist reale Gewalt. Und für uns ist klar: Gewalt gegen Frauen muss ein Ende haben. Das muss der Konsens in diesem Saal sein. Digitale Gewalt findet nicht losgelöst in einer abstrakten Parallelwelt statt, sondern oft im engsten Umfeld. Täter stammen aus dem Nahbereich gewaltbetroffener Frauen, Partner beziehungsweise Expartner, die kontrollieren, die bedrohen, die intime Bilder verbreiten. Beratungsstellen und Frauenhäuser berichten seit Jahren, dass digitale Gewalt zunimmt. Damit wird klar: Diese Debatte ist keine "über das Internet", sondern eine Debatte über Gewalt gegen Frauen, und es geht darum, patriarchale Gewalt zu beenden. Diese Gewalt hat Folgen. Sie führt zu Angst, zu Kontrollverlust. Sie untergräbt das Grundrecht der Betroffenen auf ein selbstbestimmtes und gewaltfreies Leben. Sie zwingt Menschen zum Rückzug. Geschlechtsspezifische Gewalt, sowohl analog als auch digital, ist kein individuelles Problem; sie ist ein gesellschaftliches, ein strukturelles und am Ende auch ein demokratisches Problem. Frauen, die in der Öffentlichkeit stehen, werden häufig sexualisiert angegriffen. Auch mir wurden online schon Vergewaltigungen angedroht. Da bin ich nicht die einzige Frau in diesem Saal. Junge Aktivistinnen werden gezielt eingeschüchtert. Wer zusätzlich rassistisch oder queerfeindlich diskriminiert wird, ist zudem besonders betroffen. Dabei müssen wir die Perspektive der Betroffenen endlich ins Zentrum stellen. Noch immer erleben viele Opfer, mit den Folgen alleingelassen zu werden, dass es kompliziert ist, Inhalte löschen zu lassen, dass Verfahren zu lange dauern, dass Zuständigkeiten unklar sind. Während sich Inhalte in Sekunden verbreiten, kämpfen Betroffene oft jahrelang und das oft erfolglos um ihre Rechte und ihre Würde. Das ist nicht hinnehmbar und das müssen wir ändern. Und auch Plattformen tragen Verantwortung. Diese Gewalt verbreitet sich über Systeme, die auf maximale Reichweite ausgelegt sind, oft ohne ausreichende Schutzmechanismen. Wer solche Räume bereitstellt, muss dafür sorgen, dass sie nicht zu Tatorten werden. Wir brauchen einen besseren rechtlichen Schutz vor digitaler Gewalt. Es braucht einen Ausbau an Unterstützungsstrukturen, die niedrigschwellig beraten. Und gerade mit KI ist es heute erschreckend einfach geworden, täuschend echte sexualisierte Bilder zu erzeugen. Das ist kein Zufall. Technologien sind nicht neutral. Wenn Apps gezielt dafür entwickelt werden, Frauen zu entkleiden, dann ist das kein Kollateralschaden, dann ist das ein Geschäftsmodell. Und deshalb müssen wir Technikregulierung und Gewaltschutz zusammen denken. Prävention bedeutet, Risiken zu erkennen, bevor sie sich realisieren, durch klare Regeln, durch Prävention und durch eine digitale Kultur, die nicht wegschaut. Und wir müssen über die Täter sprechen, denn die Scham muss die Seite wechseln. Und die große Mehrheit der Täter sind Männer. Das ist eine unbequeme, aber notwendige Wahrheit. Deshalb richtet sich diese Debatte auch ganz direkt an Sie und an euch. Seid nicht Teil des Problems! Werdet Teil der Lösung! Unterbindet aktiv die Verbreitung von Deepfakes! Meldet Missbrauch, unterstützt Vereine und Initiativen, die Frauen beistehen! Und mehr noch: Macht es zu eurem Thema, wie ihr selbst mit Frauen umgeht, online wie offline. Gewalt beginnt nicht erst bei einer Straftat. Sie beginnt bei Grenzüberschreitungen, bei Entwürdigungen, bei fehlendem Respekt. Beschäftigt euch mit Sexismus und Rollenbildern, damit ihr diese im Alltag erkennen und euer Verhalten ändern könnt. Denn Alltagssexismus geschieht oft unbewusst. Seid gute Vorbilder für eure Söhne. Educate your sons! Verehrte Kolleg:innen, eine Gesellschaft, in der Frauen und Mädchen sicher leben können, zu Hause, im Netz und auf der Straße, das ist nicht die Utopie einiger weniger verrückter Feministinnen, sondern muss Anspruch aller Demokrat:innen sein. Ich bitte um Unterstützung in diesem Anliegen. Herzlichen Dank für die Aufmerksamkeit.
