Deniz Çelik
Sehr geehrter Herr Präsident, liebe Hamburger:innen! Meine Vorredner:innen haben schon dargestellt, welche Gefahren von humanen Papillomviren ausgehen: Sie können Krebs verursachen. Und jede Impfung, die davor schützt, ist ein Gewinn für die Gesundheit junger Menschen. Die Impfquoten sind nicht befriedigend, sie müssen höher sein – und das wurde auch schon dargestellt: Deshalb müssen wir alle gemeinsam darüber nachdenken, wie wir die Impfquoten verbessern können. Aber liebe Kollegen, wenn ich mir Ihren Antrag anschaue, da stelle ich mir schon auch die Frage, welcher politische Mehrwert mit diesem Antrag einhergeht. Sie beschreiben ja Maßnahmen, die längst beschlossen und durchgeführt wurden. Informationskampagnen, Impfaktionen, Kooperationen mit Schulen und Vereinen – das alles ist nicht neu, das alles läuft schon bereits. Und bei dem, was darüber hinausgeht, bleiben Sie auffallend vage. Es soll wieder geprüft werden, welche Maßnahmen in Betracht gezogen werden können. Es soll geprüft werden, wie Angebote ausgebaut werden können. Und das ist ein wiederkehrendes Muster, wenn ich Ihre Anträge mir immer anschaue. Sie beschreiben das Problem, listen Bekanntes auf, aber vermeiden jede verbindliche Festlegung – keine Zielmarken, keine zusätzlichen Ressourcen, keine strukturellen Konsequenzen. Und das genau ist der entscheidende Punkt. Die niedrigen Impfquoten sind nicht nur allein ein Kommunikationsproblem, sie sind auch ein Zugangsproblem und auch ein soziales Problem. Schauen wir doch die Realität in unserer Stadt an in bestimmten Quartieren. Wie wollen wir Kinder und Familien erreichen, wenn es zum Beispiel in Steilshoop für rund 4.000 Kinder nur einen einzigen Kinderarzt gibt? Wie soll das mit der niedrigschwelligen Prävention funktionieren, wenn zwei Hausärzt:innen über 20.000 Menschen in diesem Quartier versorgen sollen? Und wie glaubwürdig ist es, hier über bessere Impfquoten zu reden, wenn dieser Senat es nicht schafft seit Jahren, in Bezirken wie Hamburg-Nord oder Wandsbek ein lokales Gesundheitszentrum einzurichten, welches genau eine zentrale Anlaufstelle für Prävention sein sollte. Wer erreicht wird, hängt stark davon ab, ob Eltern Zeit haben, sich zu kümmern, ob sie das Gesundheitssystem gut kennen, ob es vor Ort verlässliche Angebote gibt und ob Prävention im Alltag tatsächlich niedrigschwellig stattfindet. Und hier gibt es viel zu tun. Gesundheitschancen sind in unserer Stadt ungleich verteilt. Prävention folgt leider oft der sozialen Spaltung, die in dieser Stadt vorherrscht. Gestatten Sie eine Zwischenfrage, Zwischenbemerkung von Herrn Görg? - Ja. - Herr Görg! - Ja. Ja, ich wollte einmal noch mal kurz auf das eingehen, - was Sie jetzt in Bezug auf Steilshoop gesagt haben. - Ja. Dass die Versorgungssituation dort verbesserungswürdig ist, da sind wir uns, glaube ich, alle einig, und dafür gehen wir ja auch gerade jetzt in der nächsten Sitzung des Gesundheitsausschusses in den Austausch mit den entsprechend Verantwortlichen. Was ich aber nicht so stehen lassen möchte, ist, dass wir nicht auch zielgruppenspezifische Angebote machen und nicht gerade eben auch mit den im Antrag ja genannten Maßnahmen und den Ausweitungen des Impfangebotes der Bezirksämter, gerade eben genau auch für Menschen beispielsweise in Steilshoop, aber auch anderswo ein ergänzendes Angebot machen. Ich glaube, dass wir hier das schon auch richtig adressieren. Herr Görg, wenn ich mir Ihren Antrag anschaue, da wird nur allgemein sehr vage formuliert, welche niedrigschwelligen Angebote noch geschaffen werden. Sie haben in Ihrem Redebeitrag jetzt auch gesagt, in welchen Stadtteilen zum Beispiel niedrigschwellige Angebote notwendig sind. Sie sagen Steilshoop. Steilshoop ist nicht der einzige Stadtteil. Wir haben Billstedt, wir haben Wilhelmsburg und andere Stadtteile. Warum schreiben Sie dann das nicht in den Antrag rein und setzen konkrete verbindliche Zielsetzungen, die auch von uns hier im Parlament geprüft werden können und bleiben so vage und unverbindlich? Das ist nicht konsequent! Und ein weiterer Punkt, worauf ich eingehen möchte: Es reicht auch nicht, dass wir Kampagnen starten und Plakate aufhängen. Denn Prävention ist keine reine Imagefrage; Prävention ist auch eine Frage der öffentlichen Infrastruktur. Deshalb sind wir für eine dauerhafte Stärkung des öffentlichen Gesundheitsdienstes statt projektbezogene Einzelmaßnahmen; regelhafte aufsuchende Angebote an Schulen, flächendeckende Schulgesundheitsfachkräfte, nicht nur in einzelnen Schulen, sondern flächendeckend in allen Schulen, die Vertrauen aufbauen und Gesundheitsberatung im Alltag leisten. Quartiersbezogene Präventionsarbeit muss ausgebaut werden gerade dort, wo die soziale Belastung hoch ist; und ausreichend Personal, das Zeit hat für Aufklärung und Nachverfolgen. Das sind die Faktoren, die tatsächlich darüber entscheiden, ob Prävention wirkt – und nicht die nächste Kampagnenwebseite. Wer Prävention ernst meint, muss Strukturen finanzieren. Deshalb finden wir, dass dieser Antrag zu dünn ist. Wir werden aber Ihr Anliegen, Prävention zu stärken, unterstützen und auch dem Antrag zustimmen. Aber wir möchten schon betonen, dass es nicht reicht, wohlklingende Imagekampagnen zu starten, sondern wir brauchen eine nachhaltige Strategie für den Abbau sozial bedingter gesundheitlicher Unterschiede. Und da gibt es viel zu tun in dieser Stadt. Vielen Dank!
