Thomas Meyer
Sehr geehrtes Präsidium, sehr geehrte Abgeordnete, liebe Gäste. Wenn fast jedes fünfte Kind sprachlichen Förderbedarf hat, dann ist das kein individuelles Versagen. Das ist ein politischer Auftrag. Wir teilen die Sorge über den steigenden Sprachförderbedarf, denn diese Zahlen sind real. Aber Sprache fällt nicht vom Himmel. Sprachentwicklung hängt eng zusammen mit sozialer Herkunft, mit Wohnverhältnissen, mit Armut und vor allem mit der Frage, kommt ein Kind früh, verlässlich und gut ausgestattet in die Kita oder nicht? Denn nicht die Kinder haben sich verändert, nein, die Bedingungen haben sich verschlechtert. Die CDU schlägt vor, das Viereinhalbjährigen- Verfahren um ein halbes Jahr vorzuziehen. Das klingt erst mal nach Aktivität. Aber früher testen, liebe CDU, heißt noch lange nicht früher helfen. Ein Test, auch ein früherer, ersetzt keine Förderung. Er ersetzt keine Fachkraft, keinen qualitativ hochwertigen Kita-Platz und keine Zeit für Gespräche mit den Eltern. Im schlimmsten Fall sorgt er nur dafür, dass Kinder noch früher als auffällig abgestempelt werden. Früher messen, ohne besser zu fördern, ist für uns keine Lösung, sondern nur wieder Symbolpolitik. Dabei zeigen die eigenen Zahlen des Senats doch sehr klar, was wirklich wirkt, denn der Kita-Besuch ist der stärkste Schutzfaktor für gute Sprachentwicklung. Kinder, die länger in der Kita sind, haben deutlich seltener Förderbedarf. Aber ausgerechnet Kinder, die am meisten profitieren würden, besuchen Kitas kürzer oder gar nicht. Das ist ein individuelles Problem. Das ist ein Strukturproblem, denn... Denn wer über Sprachförderung spricht, muss auch über kostenfreie Kita-Plätze, ausreichendes Personal und Qualität in der Betreuung sprechen. Die Antwort darauf kann nicht sein: noch ein Test, noch ein Verfahren, noch eine Verpflichtung. Unsere Antwort ist eine ganz andere. Wir wollen keine Momentaufnahme vor der Schule, sondern ein Verlaufsdiagnostik ab der Krippe, regelmäßig, kindgerecht und entwicklungsorientiert, nicht um Kinder auszusortieren, sondern um Förderung laufend anzupassen. Dafür braucht es qualifiziertes Personal mit Sprachförderzusatzausbildung und vor allem Zeit und Ressourcen. Denn gute Diagnostik entsteht durch Beziehung, nicht durch Checklisten. Besonders auffällig ist, was im CDU-Antrag fast komplett fehlt. Kinder mit Behinderung oder mit drohender Behinderung, gerade diese Kinder brauchen frühzeitig kontinuierliche und interdisziplinäre Förderung. Sprache, Motorik, Wahrnehmung, das gehört alles zusammen. Wer hier nur über Verfahren spricht, aber nicht über Fachkräfte, Therapien und Kooperationen greift viel zu kurz. Denn Inklusion beginnt nicht mit einem Formular, liebe Damen und Herren, sondern mit einer Haltung. Wir sagen deshalb klar: Diesem Antrag können wir so nicht zustimmen. Nicht, weil wir dieses Problem nicht anerkennen oder kleinreden wollen, nein, weil wir es ernst nehmen. Wir sind jederzeit bereit, über eine grundlegende Weiterentwicklung des Verfahrens zu sprechen. Aber dann richtig: mit mehr Ressourcen für Kitas, mit besserem Zugang, mit früherer Förderung statt früherer Selektion, denn Chancengleichheit entsteht nicht durch früheres Aussortieren, sondern durch bessere öffentliche Verantwortung. Vielen Dank.
