Julia Barth-Dworzynski
Sehr geehrter Herr Präsident, meine Damen und Herren. Jedes Jahr werden in Hamburg rund 20.000 Kinder mit ihren Eltern in die Grundschule eingeladen, zu einem Termin, der ihren Bildungsweg merklich verändern kann. Sie lernen dort nicht nur die Schule kennen, sie bekommen vor allem eine sorgfältige Einschätzung, welche Stärken sie mitbringen und wo sie noch Unterstützung und Förderung brauchen. Dieses Verfahren zur Vorstellung der Viereinhalbjährigen gibt es seit 20 Jahren. Es ist gesetzlich verankert und Teil des Hamburger Sprachförderkonzepts. Es ist kein Test, keine medizinische Untersuchung, kein Durchfallen, sondern ein kindgerechtes Screening mit Spielen und Gesprächen, in enger Kooperation zwischen Kita und Schule. Das Verfahren ist Teil einer durchgehenden Bildungskette von frühem Kita-Alter bis zur Sekundarstufe, die jetzt erfreulicherweise gemeinsam in einer Behörde geführt werden und gesteuert werden. Es ist auf viereinhalbjährige Kinder zugeschnitten. Die Diagnoseinstrumente sind fachlich für dieses Alter entwickelt und erprobt. An dieser Stelle ist die Entwicklung stabil genug für valide Einschätzung und nah genug an der Einschulung, damit Förderung gezielt organisiert werden kann. Ein Vorziehen kann man aus fachlicher und praktischer Sicht nicht befürworten. Weil frühere Vorstellungen bei noch jüngeren Kindern deutlich weniger stichhaltige Ergebnisse liefern. Die Kinder sind noch weiter von der Schulreife entfernt und haben zu stark unterschiedliche Entwicklungsstände, als dass die Lehrkräfte belastbare Aussagen über die Förderbedarfe treffen können. Insgesamt haben 21,8 Prozent der Kinder einen ausgeprägten Sprachförderbedarf – und ja, über 3.900 Kinder allein im Schuljahr 2024/2025. In Hamburg besuchen zwar insgesamt fast 57 Prozent der Kinder schon länger als drei Jahre eine Kita, aber wie Sie, Frau Stöver, ja auch benannt haben, ist es bei Familien ohne deutsche Familiensprache etwas anders. Hier hat jedes vierte Kind weniger als ein Jahr Kita-Erfahrung. Und genau dort, wo Kinder nur kurz oder gar nicht in die Kita gehen und zu Hause kaum Deutsch gesprochen wird, haben etwa zwei Drittel bis drei Viertel von ihnen einen ausgeprägten Sprachförderbedarf. Das liegt am Ende ja auf der Hand. Die CDU suggeriert hier aber, man müsse nur ein halbes Jahr früher schauen, um das Problem zu lösen. Aber alle Monitoringberichte kommen zum klar anderen zentralen Befund. Der entscheidende Hebel ist die Dauer des Kita-Besuchs. Je länger Kinder gerade aus belasteten Lagen eine gute Kita besuchen, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie später einen ausgeprägten Sprachförderbedarf haben. Die Antwort ist also: mehr Kita, bessere Kita, frühere Kita – und nicht noch frühere Vorstellungen. Genauso irreführend ist die CDU-Erzählung zur Sprachförderung in Kitas. Ja, von 3.800 Kindern mit ausgeprägtem Sprachförderbedarf erhalten rund 350 die zusätzliche Förderung nicht in der Vorschule, sondern in einer Kita. Das ist eine bewusst eingeräumte, gut begründete Ausnahme für Kinder, die lange in der Kita sind, und für Familien mit besonderen Lebenslagen, immer auf Basis von Einzelfallentscheidungen und enger Abstimmung. Gleichzeitig ist die alltagsintegrierte Sprachbildung Kernauftrag der Kitas. Und alle Studien zeigen klar: Diese ist nicht minderwertiger als additive Förderung. Und wenn Sie sagen und wenn Sie hier so tun, als wäre das die zweite Wahl, dann stellen Sie klar die professionelle Arbeit tausender Erzieher:innen infrage. Ein weiterer Punkt im CDU-Antrag ist die Idee, das Ziel des Kennenlernens der Schule sei nur dann zu erfüllen, wenn alle Gespräche zwingend in der Schule stattfinden. Schon heute finden die allermeisten Vorstellungen hier statt, verantwortet durch schulische Fachkräfte. Aber es gibt gute Gründe für Ausnahmen, zum Beispiel bei sehr schüchternen Schüler:innen, bei Kindern mit Fluchterfahrung oder bei enger Kooperation von Kita und Schule auf einem Gelände. Dann ist die vertraute Kita-Umgebung oder die Unterkunft die bessere Wahl, damit das Kind sich zeigt und nicht verstummt. Ich will Sie von der CDU an dieser Stelle auch gerne noch einmal auf das Hauptziel des Vorstellungsverfahrens hinweisen: das frühzeitige Erkennen von Kindern mit Förderbedarf in der deutschen Sprache und die Organisation entsprechender Förderung. Das Ziel ist nicht ein Stempel, "oh, ich war schon mal in einem Schulgebäude", sondern eine aussagekräftige, kindgerechte Einschätzung. Was schlagen wir als SPD also vor? Wir setzen auf einen konsequenten Ausbau, eine frühe Nutzung der Kita mit Elternlots:innen, Kita-Einstiegsprogrammen und mehrsprachiger Ansprache, gerade in Stadtteilen mit hohem Förderbedarf. Und wir halten am erfolgreichen Vorstellungsverfahren fest, statt es aus politischer Symbolik heraus umzubauen. Und mit wem sollen wir dies besser schaffen als mit einer Senatorin, die selbst jahrelang Sprachförderung in Kitas gemacht hat und genau weiß, wovon sie hier spricht. Unser Ziel ist klar: Wir wollen, dass Kinder etwa in Billstedt, in Jenfeld oder in Harburg die gleichen Chancen haben wie Kinder aus den Walddörfern oder aus Blankenese. Das schaffen wir nicht, indem wir das Vorstellungsverfahren ein halbes Jahr vorziehen, sondern indem wir das, was wirkt, stärken: gute Kitas, eine verlässliche Viereinhalbjährigen-Vorstellung und eine durchgängig gut ausgebaute Sprachförderung. Danke schön.
