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Birgit Stöver

CDU 5:40 min Sitzungen 23/18

Ja, vielen Dank, Herr Präsident, meine Damen und Herren. "Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt." Zweifelsfrei können wir dem Sprachphilosophen Ludwig Wittgenstein folgen, dass Sprache und Sprachkenntnisse elementar für gesellschaftliche Teilhabe auf der einen Seite, aber halt auch vor allem Basis für jeglichen Lernprozess sind. Das gilt grundsätzlich ein Leben lang, hat aber in keinem anderen Lebensabschnitt so gravierende Auswirkungen wie im Kindesalter. Umso betrüblicher, dass die Zahl der Hamburger Kinder, die vor der Einschulung einen ausgeprägten Sprachförderbedarf haben, in den vergangenen fünf Schuljahren deutlich auf rund 22 Prozent gestiegen sind. Im Schuljahr 2024/2025 haben demnach knapp 4.000 Jungen und Mädchen anderthalb Jahre vor der Einschulung ein starkes Sprachdefizit. Meine Damen und Herren, das ist eine ganz schöne Menge, zumal hier Bildungs- und Lebensverläufe schon sehr früh drohen zu entgleiten. Diese bittere Erkenntnis hat die aktuelle Evaluation der sogenannten Viereinhalbjährigen- Vorstellung hervorgebracht. Die Viereinhalbjährigen-Vorstellung, heute die hochgelobte Maßnahme für frühe Erkennung von Fördermaßnahmen bei Kindern, wurde vom CDU-geführten Senat 2003 auf den Weg gebracht und 2005 von der alleinregierenden CDU flächendeckend in Hamburg eingeführt. Und zwar, und zwar, um Chancengerechtigkeit zukünftiger Grundschülerinnen und Grundschüler hinsichtlich der jeweils sehr unterschiedlichen Entwicklungsstände mit Fokus auf die deutsche Sprache beziehungsweise dessen Förderung anzugleichen. Ja, meine Damen und Herren, ich möchte hier ganz, ganz sehr deutlich sagen, dass dieses nun seit über 20 Jahren von allen Senaten und Koalitionen, unabhängig von ihrer Parteifarbe, beibehaltene Erhebungsverfahren eine deutliche Erfolgsgeschichte ist. Und nicht ohne Grund wollen andere Bundesländer nach den zuletzt niederschmetternden Ergebnissen bei bundesweiten IQB-Vergleichen den Hamburger Weg nun ebenfalls gehen. Die Bundesregierung empfiehlt ebenfalls die Maßnahme im neu aufgesetzten Startchancen-Programm eindringlich. Das ist sehr erfreulich und eine Bestätigung unserer Hamburger Maßnahme. Aber, meine Damen und Herren, auf diesen Lorbeeren dürfen wir uns natürlich in Hamburg nicht ausruhen, denn Erfolg macht leider oft träge und blind für zwischenzeitliche Veränderungen. Und genau das wollen wir mit unserem vorliegenden Antrag erreichen. Meine Damen und Herren, wir wollen die Systematik der Viereinhalbjährigen-Vorstellung den über die Jahre veränderten Rahmenbedingungen anpassen und deren Erfolgsgeschichte weiterschreiben. Ein ganz zentraler Punkt ist hierbei für uns die Vorziehung dieser Entwicklungsanalyse um ein halbes Jahr. Dies deckt sich sowohl mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen zur Sprachentwicklung als auch mit den bereits angerissenen Hamburger Entwicklungen. Denn der Anteil jener Schülerinnen und Schüler, die Ende der Klasse 4 kein ausreichendes Sprachverständnis haben, liegt seit einigen Jahren fast wie zementiert bei 20 Prozent. Das belegen die Untersuchungen des Instituts für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen, IQB. Meine Damen und Herren, das können und dürfen wir uns nicht länger leisten. Die Sprachförderung entsprechend einen Tick früher nur starten zu lassen, wird langfristig erheblich positive Effekte haben. Doch damit nicht genug, wir wollen noch mehr. Sowohl die Feststellung als auch die Sprachförderung müssen wir wieder stärker an die Vorschulen beziehungsweise Grundschulen andocken. Hier hat sich im vergangenen Jahr ein Mischsystem mit Maßnahmen in Kitas entwickelt, das dem eigentlichen Sinn der Viereinhalbjährigen-Vorstellung widerspricht. Außerdem sollten weitere Erkenntnisse der Viereinhalbjährigen-Vorstellung, zum Beispiel der Motorik oder der logisch-mathematischen Fähigkeiten, aus der Viereinhalbjährigen-Vorstellung über das Kriterium der Sprachentwicklung hinaus für weitere Fördermaßnahmen genutzt werden. Weiter wollen wir den Wissens- und Datenaustausch zwischen den Kitas und den Grundschulen verbessern. Hier verschenken wir zulasten der Kinder mit Förderbedarf schlichtweg zu viel Potenzial durch mangelnden Austausch. Und – last, but not least – setzen wir uns mit unserem Antrag dafür ein, bei erkennbarem Sprachförderbedarf oder anderen Förderbedarfen auch Maßnahmen wie beispielsweise einen früheren Kita-Besuch aussprechen zu können, wenn Kinder diese noch nicht besuchen. Die Sprachwissenschaft, meine Damen und Herren, ist in diesem Punkt glasklar. Gerade bei sprachlich auffälligen Kindern wirkt sich ein frühzeitiger Kita-Besuch extrem positiv aus. Daher verwundert der Befund, den wir aus der aktuellen Evaluation in Hamburg deutlich ablesen können, kaum. Der positive Effekt der Sprachförderung ist umso höher, je länger die Kita-Besuchszeit andauert. Gerade für Kinder mit ausländischer Herkunft ist dieser Zusammenhang massiv. Besuchen Kinder drei Jahre lang eine Kita, sinkt die Wahrscheinlichkeit von sprachlichen Defiziten auf unter 10 Prozent. Bei Kindern mit einem kürzeren Kita-Besuch ist der Effekt exakt andersherum und steigt signifikant an. Zum Beispiel bei einem Kita-Besuch von, na, nicht mal einem Jahr, steigt er auf rund 60 Prozent. Meine Damen und Herren, das ist der Bereich, in dem es sich lohnt zu investieren. Das wäre ein effektiver Hebel für die Verbesserung der sprachlichen Chancengerechtigkeit von Kindern. Und SPD und GRÜNE haben in ihrem Koalitionsvertrag auch die Angleichung und die Weiterentwicklung der Viereinhalbjährigen-Vorstellung. Dementsprechend bitte ich um Überweisung unseres Antrages in den Ausschuss, damit wir über den diskutieren können. Herzlichen Dank.

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