Maryam Blumenthal
Sehr geehrter Herr Präsident, sehr geehrte Damen und Herren, sehr geehrte Abgeordnete! Zunächst einmal möchte ich mich ganz herzlich für diese weitestgehend sehr empathische Debatte und vor allem den wichtigen Antrag bedanken. Der Senat nimmt das bürgerschaftliche Ersuchen gerne entgegen und unterstützt das Anliegen des Antrags ausdrücklich. Der gesamte Senat steht solidarisch an der Seite der mutigen Menschen im Iran und der iranischstämmigen Menschen hier in unserer Stadt, und das machen wir seit Jahren deutlich. Der Erste Bürgermeister hat sich in der Vergangenheit mehrfach öffentlich gegen das iranische Regime gestellt und seine Solidarität mit den Menschen im Iran erklärt. Dafür hat er mehrfach persönlich, genauso wie auch die Zweite Bürgermeisterin, an öffentlichen Veranstaltungen und Kundgebungen der iranischen Gemeinschaft in Hamburg teilgenommen. Und als demonstratives Zeichen seiner Unterstützung hat er beispielsweise den im Iran verfolgten Regisseur Mohammad Rasoulof im vergangenen Jahr zum Eintrag in das Goldene Buch unserer Stadt ins Rathaus eingeladen. Solche Gesten sind wichtig für die Menschen hier in Hamburg, und vor allem: Sie werden auch im Iran wahrgenommen und stärken die Menschen dort. Sie zeigen unsere klare Haltung für Demokratie und Freiheit und gegen Islamismus. Dieser Einsatz ist für uns im Senat selbstverständlich, auch weil wir wissen, dass viele unserer Mitmenschen hier in unserer Stadt einen sehr persönlichen Bezug zum Iran haben. In Hamburg lebt die größte iranische Gemeinschaft der EU. Ihnen allen möchten wir sagen: Wir sehen Ihren Schmerz. Wir sehen, welche Trauer Sie in sich tragen. Und wir sehen auch, welche Hoffnungen Sie mit sich tragen. Für die einen ist es die Hoffnung auf eine letzte Umarmung mit den Eltern, für die anderen vielleicht eine allererste Begegnung mit einer Familie in der Ferne oder die Sehnsucht danach, nach jahrzehntelangem Leben im Exil endlich Frieden zu schließen. All diese Hoffnungen, sie sind berechtigt und sie sind richtig. Und wie schmerzhaft sie sein können, das kann man wohl nur ahnen, wenn man sie teilt. Und für die Menschen im Iran, für die ist Hoffnung verknüpft mit Kampf, verknüpft mit Tod. Aber jede Hoffnung, die scheint es offenbar wert zu sein. Denn sie kämpfen ums Überleben, ums freie Atmen. Es ist der Kampf um das Licht nach 47 Jahren Dunkelheit. Und es ist der mutigste Kampf, den ich mir wirklich vorstellen kann: Unbewaffnet gegen ein islamistisches Terrorregime, das bis an die Zähne bewaffnet ist und schießt. Schätzungen von Menschenrechtsorganisationen – wir haben es heute mehrfach gehört – gehen mittlerweile von mehr als 30.000 Toten allein am 8. und 9. Januar aus. Diese beiden Tage, die werden für immer in die Seelen der Iraner:innen eingebrannt sein. Die Tage, an denen das Regime mit aller Härte erst die Menschen in einen digitalen Blackout gezwungen und sie dann massenhaft erschossen hat. Wir Iraner:innen kennen die Bilder, die Massengräber, an denen Familien ihre Vermissten suchen und dann für die Leichen bezahlen müssen. Wir kennen die Videos voller Schreie und Trauer. Unsere Feeds sind voll davon, unsere Handynachrichten erschreckend. "Egal wen du triffst, jeder hat jemanden verloren." Das schrieb mir eine Freundin aus dem Iran vor zwei Tagen. Und in ihrer Story über Instagram las ich zwei Tage zuvor: "Nun weiß ich, dass man gestorben sein kann, aber trotzdem atmet." Sehr geehrte Damen und Herren, bei dieser Anmeldung geht es ja im Kern darum, solidarisch mit den Iraner:innen zu sein. Das kann man auf so viele verschiedene Arten machen, still im Herzen, laut auf den Straßen oder in klaren Handlungen, die die Situation der Menschen verändern, verbessern, was Sie ja auch mit Ihrem Ersuchen adressieren. Aber zuvor muss man verstehen, wie es den Menschen im Iran denn wirklich geht, wie viel sie tatsächlich ertragen und wie unermüdlich stark sie dennoch sind. Bitte gestatten Sie mir dafür, Ihnen ganz kurz zu skizzieren ein Video, das bei uns Iraner:innen viral gegangen ist. Das Video, wir haben's vorhin gehört, es dauert zwölf schmerzhafte Minuten. Ein Vater sucht darin verzweifelt seinen Sohn und filmt das Ganze mit dem Handy. Der Name seines Sohnes ist Sepehr. Er ruft immer wieder: "Sepehr, mein Junge, mein Sohn, wo bist du?" Das liebevolle Rufen des Vaters geht einem ins Mark. Überwältigt von den vielen Toten, an denen er dabei vorbeiläuft, ruft er zwischendurch: "Sepehr, mein Junge, steh auf!" "Papa ist da, wir können jetzt nach Hause gehen." Als würde das alles gar nicht real sein und als würde Sepehr da irgendwo nur aus Versehen liegen und als würde es Hoffnung geben. Und dann plötzlich ist der Vater doch wieder in der Realität, und er ruft: "Welt, schau hin, das ist kein Film, das ist unsere Realität." Der Vater sucht seinen Sohn an einem Ort, an dem das Regime die Leichen nach dem 8. und 9. Januar gelagert hatte, unzählige Leichen, die meisten unfassbar jung. Alle haben gegen das Regime protestiert. Sepehr war 17 Jahre alt. Der Vater läuft durch die großen Hallen, filmt die auf dem Boden liegenden Opfer des Regimes. Sein Herz bleibt bei jedem der Gesichter, die er in die Kamera kriegt, einmal stehen. Und das hört man so deutlich, dass einem selbst das Herz stehenbleibt, während man das anschauen muss. Er trauert um sie alle, als wären sie alle seine eigenen Kinder, denn schließlich sind sie ja auch irgendjemandes Kind. Und überall in den Hallen laufen Angehörige umher, die ebenfalls verzweifelt Namen rufen oder ihren Schmerz herausschreien. Dieses Video, meine Damen und Herren, zeigt in zwölf schmerzhaften Minuten das Ausmaß der letzten Wochen – und der letzten 47 Jahre. Es zeigt den Geist des Regimes und den unermüdlichen Einsatz und den unermüdlichen Mut der Menschen im Iran. Meine Damen und Herren, immer wieder erreicht mich aus dem Iran nur eine einzige Bitte: "Hört nicht auf, über uns zu sprechen! Bitte lasst uns nicht allein!" Ich persönlich habe das versprochen. Und heute haben wir alle gemeinsam dieses Versprechen eingelöst, und dafür möchte ich mich ausdrücklich bei Ihnen allen bedanken.
