Thomas Reich
Sehr geehrtes Präsidium! Sehr geehrte Damen und Herren! Der vorliegende Bericht trifft einige richtige Stichworte, doch er verfehlt das Ziel. Er lindert Symptome, aber er packt die Ursachen nicht an. Statt temporäre Sonderwege braucht es belastbare, dauerhafte Strukturen im Regelsystem. Der Bericht benennt als zentrale Hürden erschwerten Zugang zum Hilfesystem, Identitätsfragen, Kommunikationsprobleme, fehlendes Vertrauen. Das ist richtig. Aber solche Hürden werden nicht in einer befristeten Schwerpunktaktion abgebaut. Sie werden im Regelsystem gelöst durch klare Zuständigkeit, verlässliche Prozesse und kontinuierliche Fallführung. Alles andere produziert Parallelstrukturen, die nach Projektende ins Leere laufen. Das ist eine Pflasterpolitik! Was umgehend gefordert ist: soziale Koordinierungsstellen mit behördenübergreifendem Team. Koordination ist wichtig, aber bitte dort, wo die Verantwortung liegt: im Regelsystem. Wer Träger, Behörden und Polizei an einen Tisch holen will, braucht feste, permanente Schnittstellen und verbindliche Eskalationswege, keine temporären Sondereinheiten, die strukturelle Defizite übertünchen. Handlungsleitlinien zum Umgang mit Crack. Leitlinien schaffen Klarheit, wenn sie systemweit gelten und mit konkreten Verfahren unterlegt sind. Eine lokale Leitlinie im Projekt bleibt Stückwerk. Wir brauchen Standards für alle beteiligten Dienste und Behörden, sonst entstehen wieder Schnittstellenbrüche. Worum geht es wirklich? Um messbare Zugänge ins Regelsystem, dort, wo Identitäts-, Kommunikations- und Vertrauensprobleme heute Barrieren aufbauen. Drei Beispiele: Identität, ohne gültige Dokumente keine Leistung. Das löst keine Koordinierungsstelle auf Zeit, das lösen dauerhafte Verfahren zur Identifizierungserklärung und Dokumentenbeschaffung. Kommunikations-, Sprach- und Verständnishürden fallen, wenn es kontinuierliche, verlässliche Ansprechpartner, Sprachmittlungen und klare Prozesse gibt, nicht in temporären Zusatzangeboten. Wir reden dabei aber auch über Anreizstrukturen. Offene Versprechen – ohne klare Pfade in Arbeit, Qualifizierung und Wohnen ziehen wir Menschen an, die hier real keine unmittelbare Perspektive finden, unter ihnen viele, die ihre Qualifikation nicht anerkannt bekommen und die Sprache erst lernen müssen. Die Folge: Es ist ein Magnet für kurzfristige soziale Leistung statt Motor für echten Aufstieg. Das ist weder fair gegenüber den Betroffenen noch gegenüber der Stadtgesellschaft. Deshalb... Deshalb: Ursachen angehen, nicht Symptome, Regeln stärken, nicht Projekte vermehren. Was stattdessen nötig ist: dauerhafte statt befristete Koordination, feste, behördeübergreifende Schnittstellen im Regelsystem mit eindeutigen Verantwortlichkeiten und Eskalationslogik, Systemleitlinien zum Crackkonsum, standardisierte Verfahren, Schulung aller Dienste, einheitliche Dokumentation, gemeinsames Monitoring, messbare Ziele und Datenlage, Kennzahlen zur Ausweisbeschaffung, Behandlungsbeginn, Wohnstabilität, Arbeitsaufnahme, monatliches Reporting, was öffentlich nachvollziehbar ist. Fazit: Wir stehen für Lösungen, die tragen – dauerhaft, verbindlich, messbar. Der Bericht setzt auf eine befristete Schwerpunktaktion mit neuen Parallelstrukturen, unklaren Zuständigkeiten und hohen Risiken der Verfestigung. Das hilft weder den Obdachlosen und Süchtigen noch der sozialen Infrastruktur rund um den Hauptbahnhof. Aus dem Brennpunkt führt kein Weg über Sonderwelten, nur über starke, klare, verantwortliche Regelleistungen, die jeden Tag funktionieren müssen. Danke.
