Kathrin Warnecke
Liebe Kolleg:innen, liebes Präsidium. Sonntagabend war ich in der Bonifatiuskirche Am Weiher in Eimsbüttel. Dort fand ein ökumenischer Gottesdienst für die in Hamburg verstorbenen Wohnungslosen statt. 107 Namen wurden verlesen und je eine Kerze zum Gedenken angezündet. Meine Redezeit würde nicht reichen, alle Namen heute hier zu wiederholen. Es waren sehr viele Frauen dabei. Der Gottesdienst endete auf dem Kirchhof. Dort wurde noch einmal gemeinsam gesungen und das Vaterunser gesprochen. Es war eiskalt. Allen war bewusst, dass auch hier bei uns in Hamburg Menschen diese Nacht wieder auf der Straße verbringen würden. Als ich zurück in meiner warmen Wohnung war und zu Abend gegessen hatte, fiel der erste Schnee. Die gesundheitliche Situation obdachloser Menschen in Hamburg ist besorgniserregend. Der überwiegende Teil von ihnen schätzt die eigene Gesundheit als weniger gut oder sogar schlecht ein. Eine deutliche Verschärfung der Lage im Vergleich zu vorherigen Untersuchungen. 68 Prozent der Befragten berichten von dauerhaften gesundheitlichen Beeinträchtigungen. 41 Prozent geben an, psychische oder Suchterkrankungen zu haben, 16 Prozent der Befragten eine psychische Erkrankung in Kombination mit einer körperlichen. Nur 72 Prozent der Befragten mit deutscher Staatsangehörigkeit und sogar nur 42 der nichtdeutschen Befragten verfügen über Krankenversicherungsschutz. Diese Ergebnisse sind alarmierend, auch wenn die Problemlagen nicht neu und auch nicht überraschend sind. Auf Hamburgs Straßen sind sie Tag für Tag sichtbar. Menschen verelenden vor unser aller Augen. Wenn wir durch die Straßen Hamburgs laufen, sehen wir Menschen mit offenen Wunden. Wir sehen Menschen in psychischen Ausnahmesituationen – verwirrt, aggressiv, panisch. Wir sehen Menschen, die sich kaum noch regen, nicht mehr ansprechbar sind. Wie oft sind Sie schon an jemandem vorbeigelaufen, vielleicht auch stehengeblieben und haben sich gefragt, was Sie tun können, wie Sie helfen können? Wie oft haben Sie sich machtlos gefühlt und nicht gewusst, was Sie tun können beim Anblick dieser Not? Die Problemlagen sind komplex. Sie lassen sich nicht durch eine Maßnahme oder auf einem Weg lösen. In Hamburg arbeiten wir deswegen an vielen Stellen daran, die Situation zu verbessern. Besonders sticht in diesem Kontext das neue Hilfsangebot heraus, das an der Repsoldstraße entsteht und Anfang September mit den ersten 30 Übergangsplätzen seine Arbeit aufgenommen hat. Hier wollen wir genau diese Gruppe Menschen erreichen: obdachlos, suchtkrank und psychisch erkrankt, Menschen, die komplexe Problemlagen mitbringen und an diesem Ort multiprofessionelle Begleitung finden sollen. Das Social Hub ist inzwischen etabliert und bildet einen Netzwerkpunkt. Die Schwerpunktpraxen leisten eine wichtige Arbeit, weiterhin wird auf die Ausweitung der Sprechzeiten hingewirkt. Mit der Clearingstelle haben wir in Hamburg eine unverzichtbare Institution, die Menschen ohne oder mit nur unzureichendem Krankenversicherungsschutz Unterstützung bietet. Und dennoch sehen wir: Die Probleme bleiben groß. Ich bin überzeugt davon, dass wir uns die einzelnen Themen und Lösungsansätze dezidiert anschauen müssen; dass wir uns fragen müssen, wie wir Menschen ohne Krankenversicherungsschutz besser versorgen und in Versicherungsschutz bringen können; dass wir bessere Übergänge und Anschlussperspektiven schaffen können, um obdachlose Menschen, die stationäre Hilfe in Anspruch nehmen, danach nicht wieder in die Obdachlosigkeit entlassen zu müssen; dass wir den Hitze- und Kälteschutz verbessern können, um witterungsbedingte gesundheitliche Belastungen zu reduzieren; dass wir mehr Wohnraum für langzeitobdachlose Menschen schaffen und echte Perspektiven entwickeln müssen. Kurzum: Dass wir gesundheitliche Situation und Versorgung verbessern können, indem wir anknüpfend an die Ergebnisse der Befragung passgenaue Hilfen entwickeln. Deshalb überweisen wir den Bericht in den Sozialausschuss. Dort werden wir ihn uns dezidiert anschauen und debattieren, wie wir die Situation im Sinne der Betroffenen verbessern. Denn eins ist klar: So kann es nicht weitergehen! Wir müssen jetzt multiprofessionell zusammenarbeiten und gemeinsam tragfähige Lösungen für die Menschen auf der Straße entwickeln. Vielen Dank.
