Miriam Block
Sehr geehrtes Präsidium, liebe Kolleg:innen, liebe Öffentlichkeit. Ich möchte diese Rede etwas persönlicher beginnen. Ich war vier Jahre alt, als ich das erste Mal eine sexuelle Belästigung erlebt habe, weil ich ein Mädchen war, aufgrund eines deutschen Brauches. Hier vorne auf dem Rathaus fegen bis heute junge Männer und wollen dabei eine Jungfrau küssen, wenn sie 30 werden. Vor meinem 18. Lebensjahr habe ich sechsmal sexuelle Belästigung oder sexualisierte Gewalt erlebt. Und das mehrheitlich im Familien- und Freundeskreis. Erst mit 32 Jahren, als ich gegen meinen expliziten, geäußerten Willen im Schlaf sexualisierte Gewalt erfahren habe, habe ich angefangen, darüber nachzudenken, nicht nur auf einer politischen, sondern auch einer persönlichen Ebene, wie tief verankert in unserer Gesellschaft hier in Deutschland ist, dass immer noch die Opfer und Überlebenden schuld seien. Noch immer gibt es Täter, die glauben, die Schuld von sich auf das Opfer zu überschieben, indem sie sich entschuldigen. Ent-schuldigen – nein, die Schuld wechselt nicht die Seite. Der Umgang mit Schuld ist Aufgabe von Täterarbeit, nicht von Opfern und Überlebenden. Und an alle, die gerade zuhören, sei es in diesem Raum oder außerhalb: Du bist nicht schuld, Sie sind nicht schuld. Und deshalb ist es wichtig, dass wir auch juristisch daran etwas ändern. Deshalb ist es so wahnsinnig wichtig, dass nur "Ja" Ja heißt. Deshalb ist es wichtig, dass es das Gewalthilfegesetz gibt. Leider schützt es aber bisher nur Frauen. Ja, Frauen sind am meisten betroffen. Aber von Transiziden, also Morde an Transmenschen, sind 90 Prozent Femizide. 88 Prozent davon sind nicht weiß und 34 Prozent von denen, von denen wir den Beruf wissen, waren Sexarbeiter:innen. Alle diese Menschen brauchen Schutz. Alle geschlechtlich marginalisierten Menschen brauchen Schutz. Darum liegt es an der Bundesregierung, hier diesen Schutzbedarf nachzubessern und an uns allen, Transizide auch als geschlechtsspezifische Gewalt anzuerkennen. Alle Maßnahmen, die wir treffen, müssen wir intersektional beachten. Das heißt, wir müssen uns Verschränkung verschiedener Diskriminierungskategorien angucken. Es sind übermäßig viele Frauen mit Migrationshintergrund betroffen. Es sind zwei- bis viermal so viele Frauen mit Behinderung betroffen wie in der Durchschnittsgesellschaft von Frauen, die von Gewalt betroffen sind. Und all das braucht eine gesellschaftliche Kulturveränderung. Dafür braucht es niedrigschwellige Angebote. Ich kenne aus meinem Wahlkreis, das Phoenixviertel, das Projekt StoP, die genau das machen, die eben durch niedrigschwellige Angebote Kommunikation erreichen. Denn die Scham und Schuld ist aufgrund der Form, wie unsere jetzige Gesellschaft ist, noch immer viel zu hoch. Und darum zum Schluss zum rechten Rand: Das Patriarchat wirkt international. Jeder Femizid, jeder Transizid ist einer zu viel. Geschlechtsspezifische Gewalt bekämpfen wir durch Selbstbestimmung von FLINTAs überall. Vielen Dank.
