Astrid Hennies
Sehr geehrte Präsidentin, sehr geehrte Damen und Herren. Am 2. Januar dieses Jahres tötete ein 38-jähriger Mann seine Ehefrau Stefanie mit mehreren Messerstichen im Beisein ihres gemeinsamen dreijährigen Kindes. Am 22. April tötete ein 22-jähriger Mann seine Mutter Alexandra, 58 Jahre alt, mit massiver, stumpfer Gewalt mitten in ihrem Zuhause. Am 20. Juli erschoss ein 77-jähriger Mann seine Ehefrau. Diese drei Fälle sind nicht anonym, es sind Frauen aus unserer Stadt, aus unserer Mitte. Frauen, deren Leben beendet wurde durch Männer, die ihnen am nächsten standen. Diese Taten sind keine Einzelfälle, es sind Femizide. Die Frauen wurden getötet, weil sie Frauen sind, weil Frauen, die über ihr Leben, ihre Freiheit und ihre eigenen Entscheidungen treffen wollten. Die neue Femizidstudie der Uni Tübingen zeigt das unmissverständlich. Die häufigste Form des Femizid ist der Partnerinfemizid. In über 80 Prozent der Fälle tötete der Ex oder der Partner. Und in zwei Drittel gab es vorher Gewalt, Kontrollverhalten, Isolierung, Drohungen, lange bevor der erste Schlag, der erste Angriff sichtbar war. Femizide sind das grausame Ende einer Gewaltspirale, die wir viel früher stoppen müssen. Die Studie zeigt auch: Frauen mit Migrationshintergrund sind oft besonders gefährdet. Nicht, weil Kultur Gewalt erzeugt, sondern weil strukturelle Hürden und ökonomische Abhängigkeiten und Diskriminierungen den Zugang zu Schutz erschweren. Denn wir wissen, viele Opfer häuslicher Gewalt suchen keinen Schutz, weil sie Angst haben, vor dem Nichts zu stehen, oder weil ein Auszug, selbst wenn er gelingt, nicht das Ende der Belastung oder Bedrohung bedeutet. Deshalb ist es wichtig, dass von Gewalt Betroffene leicht aus einem gemeinsamen Mietvertrag aussteigen können. Hamburg hat hierzu eine Bundesratsinitiative eingebracht. Oder dass die Bundes... - Wichtig ist auch, dass die Bundesregierung... - Frau Hennies, gestatten Sie eine Zwischenfrage des Abgeordneten Mennerich? Nein, aus gleichen Gründen. Oder dass die Bundesregierung Opfer häuslicher Gewalt künftig durch eine elektronische Fußfessel für die Täter besser schützen will. Da müssen wir, glaube ich, auch noch mal nach Spanien gucken. Das sind Schutzmaßnahmen, die Leben retten. Bei der Umsetzung des neuen Bundesgewaltschutzgesetzes müssen wir jetzt zügig vorankommen. Und wichtig ist auch: Die Scham muss die Seite wechseln. An der Gewalt sind immer die Täter schuld, diejenigen, die schlagen, die missbrauchen, die physische Gewalt ausüben. Denn es ist wichtig, sich Hilfe zu holen, wenn Gewalt passiert. Liebe Frauen, speichern Sie sich diese Nummer in Ihrem Handy ab: Die 116 016, das Hilfetelefon bei Gewalt gegen Frauen. Wir schulden Stefanie, Alexandra und anderen Frauen in unserer Stadt eines: dass wir hinschauen, dass wir die aktuelle Lage ernst nehmen, dass Betroffene Hilfe und Unterstützung finden und dass wir handeln, bevor Gewalt entsteht und tödlich wirkt. Vielen Dank.
