Dr. Carsten Brosda
Ja, vielen Dank, Herr Präsident. Liebe Abgeordnete! Tatsächlich diskutieren wir heute eine kulturelle Chance für Hamburg, die man, glaub ich, gar nicht kleinreden sollte. Und erfreulicherweise ist es ja auch in vielen Reden nicht passiert. Weil das Entscheidende, was wir vor uns haben, ist die Möglichkeit, Staatsoper in Hamburg neu zu denken. Und das ist ein Prozess, der hat tatsächlich praktisch schon begonnen. Wer gestern Abend in der Hamburgischen Staatsoper war zur Generalprobe des Saisonauftakts, der hat ein Haus erlebt, das voll war mit Studierenden und Azubis, die völlig begeistert von dem waren, was dort auf der Bühne gewesen ist und passiert ist. Und das ehrlicherweise ist für mich die Definition von "Haus für alle": ein Haus, in das nicht alle gehen müssen, in das aber alle gehen können, wenn sie es denn wollen. Und genau das streben wir hier auch an. Häuser, in die man gehen muss, organisieren wir in der Kulturpolitik in der Regel nicht in einer freiheitlichen Demokratie. Wir haben hier die Möglichkeit, und ich glaube, das ist der Kern der Debatte, und den lohnt es noch einmal herauszuarbeiten, uns zu entscheiden, ob wir ein Angebot annehmen, ein neues Opernhaus zu bauen, oder die alte Staatsoper selber zu sanieren für einen deutlich höheren Kostenanteil. Und niemand von uns hat behauptet, dass wir 1:1 Kosten, die woanders angefallen sind, übertragen können auf die Situation in Hamburg, weil jedes Haus sehr spezifische Anforderungen hat. Aber was man dann doch als empirische Plausibilität sieht, ist, dass man im oberen dreistelligen Millionenbereich, wenn nicht im Milliardenbereich, landet, wenn man Opernhäuser saniert und zwar generalsaniert, weil alle, sozusagen, Möglichkeiten wegfallen, die Bestandsgenehmigung zu erhalten. Und der lapidare Satz "Da muss man den Graben mal so ein bisschen verbreitern" – wer sich mit einem Opernhaus ein bisschen auseinandersetzt, weiß: Wenn ich den Graben verbreite und das in die Richtung tue, in die Sie es vorschlagen, kommen die Sänger akustisch nicht mehr über den Graben rüber. Das heißt, ich bin damit schon sozusagen im Bühnenhaus drin, muss das machen. Außerdem müsst ich den Graben dann natürlich auch in die Breite verbreitern. Wenn ich ich das mache, muss ich die Holzverschalung abnehmen. Wenn ich die Holzverschalung abnehme, bin ich in einer Betonstruktur aus den Fünfzigerjahren – und dreimal dürfen Sie raten, was man in den Fünfzigerjahren aus Brandschutzgründen dem Beton beigemischt hat – genau: Asbest. Und damit sind wir in einer sehr spannenden Situation für eine Sanierung, die dann sehr teuer und sehr langwierig werden wird. Wir haben hier die Chance, genau das zu verhindern, sondern am Dammtor so lange zu spielen, bis wir umziehen, und das für einen Bruchteil der Kosten, die wir als Stadt sonst auf der Uhr hätten. Ich glaube, dass das eine großartige Chance ist, die wir annehmen sollten. Und weil ja ein weiteres Argument ist: Warum gibt man überhaupt so viel Geld dafür aus? Die 95 Millionen Euro seien doch in Ordnung, und damit käme man dann doch klar. Damit kommen wir bis 2034, weiter nicht. Das heißt, wir müssen die 147,5 Millionen Euro, die wir als Stadt gedeckelt in das Neubauprojekt zu geben gedenken, vergleichen mit den tatsächlichen Sanierungskosten. Wer wirklich Geld sparen will und wer sagt, die 147,5 seien zu viel, der fordert am Ende des Tages, dass wir zulaufend auf das 350-jährige Bestehen der Hamburgischen Staatsoper so in den Gestus reingehen, sagen, 350 Jahre Oper seien auch genug. Ehrlicherweise: Als Kultursenator werde ich den Satz niemals sprechen, außer in Anführungszeichen. Und ich hoffe, dass das für die Bürgerschaft dieser Stadt auch gilt, dass wir tatsächlich der Meinung sind, eine Oper gehört zu einer Kultur- und Musikstadt Hamburg dazu, vor allen Dingen vor dem Hintergrund der großen Operntradition, die wir hier in dieser Stadt für 350 Jahre zu verantworten haben. Insofern haben wir hier die Chance, ein Aufbruchzeichen zu setzen, ein Ausrufezeichen zu setzen und zu sagen: Auf die nächsten Jahrhunderte Oper in Hamburg, und das auf dem Baakenhöft! Wir werden viele Gelegenheiten haben, das zu diskutieren. Dass wir das nicht vorher diskutiert haben, hat ein bisschen was mit sozusagen der Struktur von Vertragsverhandlungen zu tun. Also natürlich kann ich mit jemandem, mit dem ich noch Modalitäten aushandle, nicht gleichzeitig eine öffentliche Debatte darüber führen, was denn Sinn und Unsinn einer solchen Geschichte wäre. - Wir brauchen... - <i>...das mit den Milliardären aushandelt</i> <i>statt mit der Hamburger Öffentlichkeit.</i> <i>Das ist das Problem.</i> Nee, das Problem ist, dass wir ein Angebot aushandeln, das wir jetzt der Hamburger Öffentlichkeit vorlegen, um es entweder anzunehmen oder abzulehnen. Und genau in diesem Prozess sind wir gerade. Es müssen nur alle Optionen auf dem Tisch liegen. Wenn ich einige Optionen gar nicht erst auf den Tisch lege, kann ich auch nicht zwischen allem auswählen, was möglich ist. Man muss sich nicht zu Beginn eines Prozesses bornieren, man kann auch im Laufe eines Prozesses aus allen Optionen, die man hat, dann eine aufgeklärte Entscheidung treffen. Das war zumindest der Vorschlag, den wir jetzt machen. Und es liegen die Entscheidungen auf dem Tisch: dieses Angebot annehmen, auf eigene Kosten selber sanieren, auf eigene Kosten selber bauen oder sagen, man macht die Oper zu. Und zwischen diesen vier Varianten kann man sich dann am Ende des Tages entscheiden. Ich hab eine klare Haltung dafür. Ich habe eine klare Haltung dazu. Ja? Gestatten Sie eine Zwischenfrage oder Zwischenbemerkung von Frau Sudmann. Aber immer doch. Na, jetzt aber. Vielen Dank, Herr Kultursenator. Sie sprachen grad von den Optionen. Was hätte Sie daran gehindert, erst mit der Stadt zu diskutieren und dann Ihre Vertragsverhandlungen zum Beispiel über einen anderen Standort, über eine andere Ausrichtung, das dann zu machen? Weil das ist ja genau ein Stichwort der Beteiligung. Ich höre mir an, was die Hamburgerinnen und Hamburger sagen, und mein Kollege hat aufgezählt, wie viel Widerstand es gibt. Wäre es nicht auch aus Ihrer Sicht viel schlauer gewesen, erst mal zu diskutieren, weil so sind Sie komplett in der Abhängigkeit des einen Vertragspartners gewesen. Warum nicht die ganze Stadt? Wir wollen ja ein Haus für alle machen, also auch mit allen Hamburger:innen. <i>Wir sind überhaupt...</i> Sie begeben sich da gedanklich in eine Konstruktion rein, die Ihnen eine Abhängigkeit suggeriert, die nicht da ist. Herr Kühne ist mit dem Angebot eines Geschenks oder einer Beteiligung oder sozusagen einer maßgeblichen Organisation des Opernbaubetriebs auf uns zugekommen. Und dann haben wir ihm angeboten, auf dem Baakenhöft darüber nachzudenken, das zu tun. Das Baakenhöft war immer als eine öffentliche, als eine kulturelle Nutzung geplant. Ich erinnere an diejenigen, die 2017 bei "Theater der Welt" dort standen, im Nachgang gesagt haben: "Das ist doch ein Ort, an dem wir Theater dauerhaft wollen." Insofern: Als jemand auf die Idee kam, lasst uns ein neues Projekt bauen, die Idee, die Baakenhöft-Spitze damit der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, dort ein Gebäude zu schaffen, das tatsächlich auch für alle eine sonstige Öffnung dieses momentan geschlossenen Geländes ermöglicht, tatsächlich eine gute Gelegenheit. Ob das aber ein Vorschlag ist, den man überhaupt machen kann, muss man ja erst herausfinden. Ich kann ja nicht sagen: Diskutieren wir mal. Und dann gucke ich, ob der das auch will. Sondern wir entwickeln einen Vorschlag. Weil es dann nicht dazu kommt! <i>Sie machen sich abhängig von einem Milliardär.</i> <i>...Prozess, wie man sie</i> <i>eigentlich organisieren würde...</i> Nö, wir machen uns nicht abhängig, wir schlagen vor, was wir mit der Kühne-Stiftung realisieren können. Und wenn man sich demokratisch dagegen entscheidet, kann man das auch tun. Übrigens ist auch nicht so, dass man die Hamburger Staatsoper nicht sanieren könnte. Man kann sie natürlich sanieren, man kann sie nur nicht sozusagen zu vertretbarem Zeitrahmen und Kosten im Vergleich zu den anderen Optionen, die wir auf dem Tisch liegen haben, aus unserer Sicht sanieren. Man hätte sie dann länger geschlossen. Man hätte sie dann länger geschlossen, man hätte deutlich höhere Kosten, man hätte noch ein Interim, das man organisieren müsste. Und am Ende des Tages hätten wir vor allen Dingen immer noch – auch darauf hat Isabella Vértes-Schütter hingewiesen – Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten in der Staatsoper, die nicht gut wären. Wenn man sich mal anguckt, wie der Hinterbühnenbereich dort gestaltet ist, hab ich ein Viertel der Fläche, die ich beispielsweise in der neu gebauten Oper Kopenhagen habe. Das sind Arbeitsbedingungen, die man verbessern kann, wenn man eine Oper neu denkt. Wenn man das nicht will, ist das eine demokratische Entscheidung, die zu treffen, wir derzeit jederzeit in der Lage sind. Ich rate nur nicht zu der und werbe sehr dafür, dass wir die demokratische Entscheidung treffen, dieses Angebot anzunehmen und freue mich sehr auf die Debatte, die wir darüber in den Ausschüssen führen werden und freue mich noch mehr darauf, dass wir ein Opernhaus in Hamburg bauen werden, das uns zeigen wird, wie gegenwärtig, wie zukünftig und wie relevant und wie für alle zugänglich diese Kunstform sein kann. Wenn wir die Debatte dahin bringen, hätten wir auch die Chance, als Stadt mal wieder ein bisschen über Zukunft zu diskutieren und uns nicht schlecht gelaunt in der Gegenwart zu verknoten. Ich hoffe, das gelingt uns noch. Schönen Dank.
