René Gögge
Herr Präsident, liebe Kolleg:innen! "Eine Oper beginnt lange, bevor der Vorhang aufgeht," "und endet lange, nachdem er gefallen ist." "Sie existiert im Gedächtnis und im Herzen derer, die sie erlebt haben." So treffend beschrieb Maria Callas diese Kunstform. Und seit mehreren Jahrhunderten ist auch Hamburg eine Opernstadt, und wir sind stolz darauf, dass die Oper am Gänsemarkt keine aristokratische Repräsentationsveranstaltung war, sondern eine bürgerliche Gründung. Denn Oper begeistert, inspiriert und erzeugt Diskussion. Und heute bietet sich uns die Chance, der Oper in unserer Musikstadt eine großartige Perspektive für die kommenden Jahrzehnte zu geben. Mit dem neuen Opernhaus können wir mehr als zuvor ganz große Kunst ermöglichen und die Rahmenbedingungen auf ein für Hamburg akzeptables Niveau heben. Und anders als im 17. Jahrhundert verstehen wir unter Bürger:innen Hamburgs nicht mehr nur das Patriziat, sondern alle Hamburger:innen. Darum wollen wir mit der neuen Staatsoper ein Haus für alle errichten. Die Elbphilharmonie beweist, dass es sehr wohl möglich ist, Menschen außerhalb der sogenannten Kulturelite anzusprechen, zu inspirieren und zu begeistern. Und daran wollen wir anknüpfen. Liebe Kolleg:innen, ganz ohne Frage: Das jetzige Haus an der Dammtorstraße ist ein wunderschönes Gebäude und ein toller Kulturort. Aber baufällig ist es halt auch. Und die Standards moderner Opernhäuser sind technisch schlichtweg an diesem Standort nicht erreichbar. Eine Generalsanierung wird dann schnell zum Fass ohne Boden. Diese bittere Erfahrung haben Köln, Frankfurt und Stuttgart gemacht, und das wollen wir dieser Stadt nicht zumuten. Wir machen uns absolut keine Illusionen darüber, welche Kosten bei einer bedarfsgerechten Komplettsanierung inklusive der notwendigen Ausweichspielorte auf Hamburg zukommen würden. Sie wären enorm und das Ergebnis vermutlich ernüchternd. Und auf der anderen Seite steht das Angebot der Kühne-Stiftung, ein neues Opernhaus zu errichten und unserer Stadt zu schenken. Dass ein solches Angebot geprüft werden musste, das steht für mich außer Frage. Über die konkreten Konditionen wurde völlig zu Recht sehr lange und sehr intensiv verhandelt. Das Ergebnis ist meines Erachtens überzeugend, und ich möchte an dieser Stelle den städtischen Verhandler:innen für den Einsatz und die Klugheit sehr herzlich danken. Denn kurz zusammengefasst ist es so: Der sorgfältig formulierte Vertrag verschafft Hamburg eine finanziell vorteilhafte und durch den gedeckelten Beitrag risikofreie Position. Kosten und Risiken gehen zumindest überwiegend zulasten der Stiftung, und die für den Bau ausgewählte Fläche bleibt im Eigentum unserer Stadt. Und, liebe Kolleg:innen, es stand ja nie zur Debatte, zwei Opern zu betreiben. Das wissen Sie. Das heißt keineswegs, dass am Gänsemarkt jetzt die Kultur dem Kommerz weichen würde. Vielmehr wird es eine neue kulturelle Nutzung des Gebäudes geben. Der Bedarf an Flächen für Sprechtheater und Musiktheater ist ja bekannt, und an Ideen mangelt es keineswegs. Aber auch dafür muss natürlich das Gebäude saniert werden, dessen sind wir uns alle bewusst, das aber dann natürlich zu deutlich geringeren Kosten, weil für die Nachnutzung eben kein Opernstandard mehr angesetzt werden muss. Liebe Kolleg:innen, am Baakenhöft wird ein dauerhafter Kulturort entstehen. Das kann natürlich nicht heißen, dass wir die dunkle Historie des Baakenhafens vergessen würden. Von dort wurden in der Kolonialzeit Soldaten verschifft, die als sogenannte Schutztruppen den Völkermord an den Nama und Herero begingen. Aus Sicht der GRÜNEN Fraktion führt kein Weg daran vorbei, sich angesichts der Planung der neuen Staatsoper auch mit diesem Aspekt ausführlich zu befassen und ihm Rechnung zu tragen. Gleiches gilt für den Umgang mit der Geschichte des Unternehmens Kühne + Nagel, aus dem das Vermögen der Stiftung stammt. Für uns ist in diesem Prozess eine angemessene Aufarbeitung der Firmengeschichte im Nationalsozialismus unumgänglich. Wir wollen mit dem Bau an diesem Ort Geschichte nicht überschreiben, sondern sie soll dabei sichtbar werden. Liebe Kolleg:innen, bald wird eine hochkarätig, höchstkarätig will ich schon sagen, besetzte Jury sich zu den Ideen fünf erstklassiger, weltweit renommierter Architekturbüros eingehend beraten und den besten Entwurf auswählen. Ich gehe fest davon aus, dass das Ergebnis ein gutes sein wird. Hamburg bietet sich eine riesige Chance, die wir nutzen wollen. Wir wollen eine moderne Oper mit Goldstandard für alle Arbeits- und Produktionsbedingungen der Beschäftigten errichten. Für einen Bruchteil der Kosten einer Generalsanierung und ohne in Gigantomanie zu verfallen, wird die neue Staatsoper dem Niveau entsprechen, das Hamburg als einer der größten europäischen Städte und als traditionsreicher Opernstadt gerecht wird. Selbstverständlich werden wir auf dem weiteren Weg die legitimen Anliegen der Stadtentwicklung und Erinnerungskultur einbeziehen. Denn als Bürgerschaft beenden wir heute die Diskussion nicht, sondern wir steigen ein. Ich freue mich drauf. Vielen Dank.
