Kathrin Warnecke
Sehr geehrte VertreterInnen der Gehörlosen-Community, liebes Präsidium, liebe KollegInnen, dies hier ist eine wichtige und eine lange überfällige Debatte. Und ich bin froh, dass wir sie heute hier führen. Ich bin auch froh, dass wir sie gemeinsam führen. Wir sprechen heute darüber, dass wir das Unrecht, welches gehörlose Menschen in Hamburg erleben mussten, anerkennen und dass es aufgearbeitet werden muss. An dieser Stelle ist der ein oder andere Leser, die Leserin beim Durchblicken der Tagesordnung vermutlich stutzig geworden. Meine Vorrednerinnen haben nun bereits von dem Leid und der Gewalt berichtet, die gehörlose Menschen seit dem Geschluss des Mailänder Gewerden-Sprachverbots erlebt haben. Doch wer von Ihnen hatte vor dieser Debatte schon einmal davon gehört? Und genau da fängt das Problem an. Eine Gruppe von Menschen in unserer Gesellschaft war jahrzehntelanger Gewalt ausgesetzt. In den Heimen, in denen sie aufwuchsen und in den Schulen, die sie besuchten. Orten, an denen Kinder und Jugendliche sicher sein sollten. Ihnen wurde systematisch der Weg zu formaler Bildung verwehrt und damit so viele Chancen auf ihrem weiteren Lebensweg. Sie wurden gesellschaftlich ausgeschlossen, denn Kommunikation mit anderen Kindern, ja selbst, und das fand ich sehr eindrücklich in der Beschreibung und sehr bedrückend auch, selbst mit den eigenen Familienmitgliedern war Kommunikation vielfach nicht möglich oder nur sehr eingeschränkt. Ich habe dann gefragt, woher die Gebärdensprache, die dann zum Austausch intern verwendet wurde,Die verboten war, aber die doch verwendet wurde, wo die gelernt wurde. Und dann habe ich erfahren, mit Glück lernte man sie von älteren Geschwistern oder MitschülerInnen und konnte sich so Kommunikationswege erschließen. Mit Glück stießen sie Kinder auf ein Umfeld, das sie unterstützte und ihnen half. Mit Glück aus der Notwendigkeit heraus. Und mit unfassbarer eigener Kraft verschafften sie sich Zugang zur Gesellschaft. Der Staaten, dass unser Bildungssystem war, ist nicht, die diesen Kindern halfen. Und die Mehrheitsgesellschaft blieb unwissend und das, wie wir sehen, vielfach bis heute. Seitdem hat sich bereits vieles verändert. Mit der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention haben wir uns verpflichtet, gemeinsam an einer inklusiven Gesellschaft zu arbeiten, an der alle Menschen diskriminierungsfrei teilhaben können. Die deutsche Gebärdensprache ist seit dem Jahr 2002 endlich als eigensprachliche Sprache anerkannt und gehörlose Kinder haben heute ein Recht auf eine gebärdensprachliche Beschulung. Doch dass sich für die heutigen Kinder etwas geändert hat, macht das Leid vergangener Generationen, das ihren Lebensweg bis heute beeinflusst, nicht ungeschehen. Wir müssen aufarbeiten, was passiert ist, das Geschehene in unserer Gesellschaft bekannt machen. Wir müssen die Lage der Betroffenen verbessern und aus den Fehlern der Vergangenheit lernen. In einem ersten Schritt bitten wir die Betroffenen heute als hamburgische Bürgerschaft um Entschuldigung für das erlittene Leid. Wir erkennen unsere Verantwortung als Repräsentantinnen der Freien Demokraten.und Hansestadt Hamburg für das, was ihnen in Hamburger Schulen angetan wurde und die Versäumnisse in der Aufarbeitung dessen an. Da von den Folgen... Da von den Folgen des Gebärdensprachverbots bundesweit gehörlose Menschen betroffen werden, setzen wir uns auf Bundesebene für einen Entschädigungsfonds ein. Um die Aufarbeitung in Hamburg heute voranzubringen, ersuchen wir den Hamburger Senat mit diesem Antrag außerdem, das Leid an Hamburger Schulen wissenschaftlich aufzuarbeiten. Unter Einbezug der wissenschaftlichen Perspektive der Dev Studies und von gehörlosen Menschen selbst als Expertin ihrer Lebenswelt und ihrer eigenen Geschichte. Denn, und das möchte ich an dieser Stelle auch noch einmal hervorheben, ohne das Engagement der Betroffenen und die unermüdliche Arbeit der Verbände würden wir heute nicht hier stehen. Die Anhörung, die wir auf Initiative der Linken Anfang des Jahres im Sozialausschuss durchgeführt haben, war für uns ein besonderer Teil dieses Engagements. Ich war damals noch nicht Mitglied der Bürgerschaft, aber ich habe das Wortprotokoll gelesen und schon das ist sehr beeindruckend und sehr beklemmend. Ich möchte mich in aller Form dafür bei Ihnen, bei der Community bedanken und den Menschen, die heute hier im Duplikum sitzen, dafür, dass sie sich trotz ihrer eigenen Erfahrungen und Geschichte, trotz der erlittenen Traumata, so nachdrücklich für die Interessen ihrer Community einsetzen. Das ist beeindruckend.Wie ich schon sagte, es hat sich schon vieles verändert. Das bedeutet jedoch nicht, dass gehörlose Menschen heute problemlos und diskriminierungsfrei in unserer Gesellschaft teilhaben können. Bis wir dieses Ziel erreicht haben, bleibt noch einiges zu tun. Als einen nächsten Schritt auf diesem Weg wollen wir mit unserem Antrag deshalb auch prüfen, wie gehörlose Menschen heute in Hamburg den Zugang zu Niedrigschwellenhilfen erleichtert werden kann. Wenn ich mich derzeit in unserer Welt und der politischen Lage umschaue, dann sind das hier heute keine selbstverständlichen Schritte auf einem vorgegebenen Weg in eine gleichberechtigte Zukunft. An so vielen Stellen werden derzeit Menschenrechte und hart erkämpfte gesellschaftliche Fortschritte angegriffen. Lassen Sie uns alle gemeinsam weiter an einer inklusiven Zukunft arbeiten, an einer Gesellschaft, in der sich gehörlose Menschen diskriminierungsfrei, gewaltfrei und selbstbestimmt entwickeln können. Vielen Dank.
