buergerschaft.de ↗

Jan Libbertz

DIE LINKE 3:41 min Sitzungen 23/8

Sind Sie fertig? Schön. Frau Präsidentin, liebe HamburgerInnen, wenn die AfD an einem so heißen Tag wie heute ausgerechnet solche Bedrohungsszenarien heraufbeschwört, dann ist das natürlich grotesk. Aber ich nehme diesen Alarmismus mal als Steilvorlage, um über eine tatsächlich bedrohte Spezies zu sprechen. Und nein, ich rede nicht von Killerwelsen, die aus demselben Sommerloch gekrochen kommen. Ich rede von jungen Menschen, von Jugendlichen, die im öffentlichen Diskurs immer nur dann vorkommen, wenn sie stören, wenn sie laut sind, wenn sie unangenehm auffallen und wenn sie sich prügeln. Was das mit dem hier in der aktuellen Stunde unter anderem aufgerufenen Stadtpark zu tun hat, das finden wir jetzt gemeinsam raus. Ich finde nämlich, wir haben jetzt genug über Symptombekämpfung und Law and Order gesprochen. Fakt ist nämlich, Jugendliche sind eine Minderheit. In Deutschland stehen 9 Millionen Kindern und Jugendlichen zwischen 6 und 17 Jahren 19 Millionen Menschen über 65 gegenüber. Das ist ein eklatantes Generationenungleichgewicht. Jugendliche sind in der Unterzahl, nur ein Bruchteil von ihnen darf wählen und wer nicht wahlentscheidend ist, dessen Interessen zählen nicht. Fakt ist, Jugendliche machen auf sich aufmerksam. Wir hören nur nicht zu. Wer Ostdorf kennt, der weiß, dort dauert Silvester bis Mai. Das ist kein Scherz. Geböllert wird, bis der letzte Böller weg ist. Klar, das ist Lärm, das ist illegal, das ist schlecht für die Umwelt, das nervt. Aber vielleicht ist, wer böllert, auch einfach laut, weil ihm leise nie zugehört wird. Wir erwarten von Jugendlichen, dass sie ihre Anliegen gesellschaftlich adäquat artikulieren. Aber hören wir überhaupt hin?wenn Sie das denn mal tun. Fakt ist, in der Stadtplanung sind Jugendliche unsichtbar oder unerwünscht. Wenn Jugendliche in Umfragen sagen, was sie sich wünschen, dann ist das nicht Luxus, keine Technik, kein Konsum. Es ist einfach ein Ort, an dem sie nicht stören. Ist das nicht traurig? In Parks gibt es Spielgeräte für Kleinkinder und Bänke für Seniorinnen und Wiesen für Hunde. Aber Orte, an denen Jugendliche unbeobachtet von Erwachsenen einfach nur sein dürfen, die gelten dann als Bedrohung oder als Angstraum, als Sicherheitsproblem. Wenn zehn Jugendliche irgendwo zusammenstehen, dann dauert es keine fünf Minuten, bis sich die ersten Erwachsenen fragen, ob man nicht mal die Polizei rufen sollte. Wir projizieren unsere Ängste auf sie und unsere Wut, das haben wir ja heute gut gesehen, statt ihre Bedürfnisse zu sehen. Fakt ist auch, wo nicht genug Raum ist, da knallt es. Weil es in den Stadtteilen nicht genug Räume für Jugendliche gibt, zieht es sie an zentrale Orte, den Jungfernstieg, den Stadtpark. Und wenn sich zu viele Menschen ohne Struktur und Rückzugsort treffen, dann kommt es zu Spannungen, zu Auseinandersetzungen, zu Gewalt. Das war schon immer so. Gucken Sie mal auf die Wiesen. Aber statt der Ursachen bekämpfen wir die Symptome. Wir schicken Polizei, wir kontrollieren, wir verdrängen. Aber lösen wir irgendwas? Rhetorische Frage. Was ist zu tun? Erstens, wir brauchen viel mehr Räume für Jugendliche im Freien, in Wohngebieten, an Orten, an denen sie einfach nur sein können, ohne irgendwas zu kaufen, unbeobachtet von Erwachsenen. Zweitens, die offene Kinder- und Jugendarbeit ist der natürliche Ort für Selbstwirksamkeit, Teilhabe und Demokratie.Hier können sich Jugendliche im geschützten Rahmen, aber doch weitgehend von Erwachsenen entlastet ausprobieren. Sie müssen gestärkt werden, personell und finanziell. Nicht klein geplant, sondern großzügig ausgestattet. Drittens. Teilhabe darf keine Frage des Geldbeutels sein. Schwimmbäder, Museen, Theater, Sportvereine, das muss alles für alle Kinder und Jugendlichen kostenlos zugänglich sein. Die Q-Karte der Linksfraktion zeigt, wie das geht. Machen wir Hamburg zu einer Stadt, in der Jugendliche nicht nur geduldet werden, sondern gewollt sind. Für unsere Zukunft und die Demokratie in Sicherheit. Vielen Dank.

Alle Reden von Jan Libbertz Rede ansehen ↗