Dr. Sabine Ritter
Sehr geehrtes Präsidium und liebe HamburgerInnen, der vorliegende Antrag, den wir selbstverständlich unterstützen, betont nicht nur die Bedeutung der Forschungsstelle für Zeitgeschichte und der Akademie der Weltreligion, sondern dient auch dem Gedenken an Thomas Groß-Bölting. Seine offene, warmherzige Art und vor allem sein Engagement für Aufklärung, Erinnerung und Menschlichkeit waren zutiefst beeindruckend. Thomas Groß-Bölting war ein Wissenschaftler, das haben jetzt schon einige gesagt, ich möchte es auch noch einmal sagen, ein Wissenschaftler mit Haltung. Seine Arbeiten waren nicht bloß akademisch, sondern hatten stets klar gesellschaftliche Relevanz, sei es für das Verständnis religiösen Wandels oder bei der Aufarbeitung des historischen Erbes des Nationalsozialismus. Besonders hervorzuheben ist seine mutige, vorbildliche und beharrliche Arbeit zur Aufklärung sexualisierter Gewalt in der katholischen Kirche. Hier stand er konsequent an der Seite der Betroffenen, nicht nur forschend, sondern auch schützend, begleitend und zuhörend. Er hat nicht weggesehen, wo andere lange, lange geschwiegen haben. Und er hat Betroffenen Raum und Stimme gegeben in einem System, nämlich der Kirche.das vor allem seine eigene Autorität zu schützen versuchte. Sein Engagement war unendlich wertvoll. Es ging ihm um Gerechtigkeit, um Machtkritik und um die demokratische Verantwortung der Wissenschaft. Dabei verband er dieses mit einem ganz aufrichtigen Interesse am Dialog, nicht im Sinne einer zwanghaften Harmonie oder so etwas, sondern im Sinne ganz echter, tiefer Verständigung zwischen Religionen, Weltanschauung und der Gesellschaft. Er öffnete Räume für Austausch, ohne diejenigen aus dem Blick zu verlieren, die viel zu oft vor geschlossenen Türen stehen bleiben müssen. Sein früher Tod ist ein großer, großer Verlust und unser aufrichtiges Beileid gilt seinen Angehörigen, seinen Freundinnen und Weggefährten. Sein Tod ist auch ein großer Verlust für die Forschung, für Hamburg und für eine offene Gesellschaft. Es ist deswegen ein sehr guter Schritt, sein Andenken durch ein Stipendium, einen Preis zu bewahren. Dabei darf es aber nicht nur darum gehen, seinen Namen zu bewahren, vielmehr muss es auch darum gehen, seine Haltung weiterzutragen. Aufklärung statt Verschweigen, kritisches Erinnern stattVerdrängen, solidarisches Handeln statt akademischer Distanz. Und deswegen ist der Senat aufgefordert, dieses Erbe fortzuführen. Dazu gehört beispielsweise die Fortsetzung der Auseinandersetzung mit der Nazi-Vergangenheit von Bernhard Nocht und die Umbenennung des nach ihm benannten Tropeninstituts. Dazu gehört aber auch, die Forschungsstelle für Zeitgeschichte und die Akademie der Weltreligionen, die in hohem Maße auf Drittmittel und private Stiftungen angewiesen sind, langfristig abzusichern. Nur so kann eine verlässliche Grundlage für kontinuierliche, für kritische und vor allem unabhängige Forschung geschaffen werden. Wenn wir die Themen ernst nehmen, für die Thomas Großbölting stand, die Aufarbeitung von Gewalt und Unrecht, der Dialog in einer pluralen Gesellschaft und die politische Relevanz von Geschichte, dann müssen wir auch die institutionellen Bedingungen stärken, unter denen solche Forschung möglich ist. Das bedeutet eine grundständige, auskömmliche Finanzierung durch die öffentliche Hand, die gute Arbeits- und Forschungsbedingungen schafft und nicht vom nächsten Projektantrag abhängt. Wer eine kritische Wissenschaft will, darf sich nicht mit wohlklingender Symbolpolitik zufrieden geben, so wichtig Symbolpolitik ist. Das meine ich ganz ernst.echten politischen Willen, um Strukturen zu stärken, die unbequem sein dürfen und unbequem sein sollen. Wer ernsthaft erinnern will, belässt es nicht bei Gedenkrede, sondern schafft Räume für Widerspruch, stärkt Stimmen, die anecken und sorgt dafür, dass die Wissenschaft nicht verstummt. Sorgt dafür, dass sie sich einmischt, Fragen stellt und dort laut wird, wo andere lieber schweigen würden. Vielen Dank.
