Michael Gwosdz
Sehr geehrte Präsidentin, sehr geehrte Abgeordnete, lieber Herr Özdemir, herzlichen Glückwunsch zur Wahl von mir. Wir reden heute... Genau, kann man noch einmal applaudieren. Die Uhr läuft hoch. Ich habe immer mehr Zeit jetzt. Das ist... Genau. Good restart. Dafür gibt es jetzt nur noch zwei Minuten.Ich fange einfach noch einmal an. Sehr geehrte Präsidentin, sehr geehrte Abgeordnete, Politik braucht Orientierung, gerade in einer Zeit, in der gesellschaftliche Spannungen zunehmen und Debatten oft verkürzt oder emotional aufgeladen geführt werden. In solchen Zeiten sind fundierte wissenschaftliche Perspektiven unverzichtbar. Und Wissenschaftstransfer ist dabei kein Luxus, er ist die Grundlage für reflektierte, verantwortungsvolle und politische Entscheidungen.Als grüne Fraktion ist es uns deshalb ein besonderes Anliegen, wissenschaftliche Erkenntnisse in die politische und gesellschaftliche Debatte einzubringen. Genau das machen wir als Fraktion seit über zehn Jahren mit unserer Dialogreihe Religionen und Dialog in der Stadt Hamburg, die wir in Kooperation mit der Akademie der Weltreligionen der Universität Hamburg durchführen. In dieser Reihe bringen wir Wissenschaftlerinnen, Religionsgemeinschaften, politische Akteurinnen und verschiedenste Hamburgerinnen und Hamburger miteinander ins Gespräch zu Themen, die für den gesellschaftlichen Zusammenhalt unserer Stadt von zentraler Bedeutung sind. In diesem Kontext stand ich die letzten Jahre als religionspolitischer Sprecher der Grünen-Fraktion im engen Austausch mit Prof. Thomas Groß-Bölting. Sein zu früher tragischer Tod erschüttert mich bis heute. Deshalb ist es mir ein besonderes Anliegen, ihn hier und heute zu würdigen. Thomas Groß-Bölting war ein warmherziger, kluger und beeindruckend zugewandter Mensch. In Gesprächen mit ihm wurde schnell klar, er war jemand, der nicht nur Brücken baute, sondern der sich auch konsequent gegen ein starres Entweder-oder-Denken stellte, gerade in der Auseinandersetzung mit Religion, mit Weltanschauung und gesellschaftlichem Zusammenhalt. Ihm ging es darum, Zwischenräume auszuleuchten, zwischen Religion und Nichtreligiosität, zwischen Tradition und Aufbruch, zwischen Wissenschaft und gesellschaftlicher Praxis. Als Professor für Neuere und Neueste Geschichte und als Direktor der Akademie der Weltreligionen hat er sich zeitlebens mit diesen Spannungsfeldern auseinandergesetzt.nicht nur in seiner Forschung, sondern auch in seinem öffentlichen Wirken. Seine Publikationen wie »Der verlorene Himmel«, »Glaube in Deutschland seit 1945« oder »Die schuldigen Hürden– Geschichte des sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche« sind herausragende Beispiele für die Verbindung von historischer Tiefenschärfe und aktueller gesellschaftlicher Relevanz. Was Thomas Groß-Bölting besonders auszeichnete, war sein Interesse an der Vielschichtigkeit des Religiösen und Nichtreligiösen und sein kritischer Blick auf die gesellschaftlichen Machtverhältnisse, die sich damit verbinden. Ihm ging es darum, religiöse und weltanschauliche Unterschiedlichkeit nicht in Polarisierung münden zu lassen, sondern in Verständigung, ohne dabei die damit verknüpften Machtfragen aus dem Blick zu verlieren. Und gerade in einer Stadt wie Hamburg, die durch religiöse und weltanschauliche Vielfalt geprägt ist, war sein Wirken ein wichtiger Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt. Er hat gezeigt, dass Wissenschaft nicht neutral im Sinne von gleichgültig sein muss, sondern dass sie Haltung zeigen kann, ohne belehrend zu sein. Wissenschaft, so wie er sie verstand, fragt auch danach, wem gesellschaftliche Deutungshoheit zukommt und wem nicht. Mit dem heute vorliegenden Antrag wollen wir als rot-grüne Koalition genau hier ansetzen und im Sinne von Thomas Groß-Bölting prüfen, wie religionswissenschaftliche Forschung in Hamburg gestärkt und weiterentwickelt werden kann. In einer Zeit, in der Religion von allen Seitenhyperfokussiert und zunehmend politisch instrumentalisiert wird, sei es zur Abgrenzung, sei es zur Identitätsstiftung oder als Feindbild, brauchen wir Stimmen, die einordnen, differenzieren und zuhören. Stimmen wie die von Thomas Groß-Bölting, der uns jetzt hier fehlt. Wir hoffen, dass dieser Antrag dazu beiträgt, die religionswissenschaftliche Perspektive in unserer Stadt dauerhaft zu stärken, als Beitrag zu Demokratie, Bildung und Verständigung. Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit, bitte Sie darum, das Gedenken an Thomas Groß-Bölzing zu bewahren und bitte deswegen auch um Zustimmung zu unserem Antrag, um diese Erinnerung an diesen Mann möglich zu machen. Vielen Dank.
