Dr. Selina Storm
Sehr geehrtes Präsidium, sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen, vom späten 19. Jahrhundert bis 1933 war Deutsch die Wissenschaftssprache, insbesondere in den Naturwissenschaften, der Medizin, Psychologie und Philosophie. Diese Situation änderte sich abrupt mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten, die jüdische und regierungskritische WissenschaftlerInnen vertrieben oder ermordeten. Deutschland als Zentrum des globalen wissenschaftlichen Austausches wurde bereits vor dem Zweiten Weltkrieg zerstört, nicht zuletzt durch ideologische Kontrolle von Forschung und Lehre. Viele der vertriebenen Forschenden fanden in Großbritannien und den USA nicht nur Schutz, sondern auch eine neue wissenschaftliche Heimat. Beide Länder öffneten sich nach dem Zweiten Weltkrieg bewusst für Wissenschaftlerinnen aus aller Welt, aus Europa, aber auch aus dem globalen Süden und dem Commonwealth. Diese Vielfalt stärkt Forschung und Innovation maßgeblich. Im Zusammenspiel mit massiven Investitionen in Wissenschaft und Bildung sowie wachsender internationaler Vernetzung wurde Englisch zur führenden Wissenschaftssprache. Und Frau von Treuenfels, auch in Hamburg kann man auf Englisch studieren. Die Geschichte beweist, Wissenschaft lebt von Offenheit. Sie gedeiht, wo Austausch möglich ist. Und sie stagniert, wo Abschottung und Kontrolle herrschen. In Deutschland gilt heute ein klarer Verfassungskundsatz. Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei. Auch hierzugerät die Wissenschaftsfreiheit zunehmend unter Druck. Sei es durch Covid, seien hier nur Covid, Klimawandel oder unsere letzte Bundesministerin, Frau Stark-Watzinger, genannt. Dennoch wird sie vom Staat und den demokratischen Parteien in ihrer Gesamtheit geschützt. Und in Hamburg steht die Wissenschaftsfreiheit ganz vorne in der Präambel unseres brandneuen Koalitionsvertrags. Davon ist die USA gerade sehr weit entfernt. Heute sind wir in einer Situation, in der wir live und in Farbe dabei zusehen können, wie in den USA genau die Errungenschaften, die sie so erfolgreich gemacht haben, durch Trump und seine Anhängerinnen demontiert werden. An Tag 1 seiner Präsidentschaft verfügte Trump über Exekutivverordnungen, dass alles, was mit Diversity, Equality und Inclusion, also Diversität, Gleichstellung und Inklusion zu tun hat, aus den Bundesbehörden verschwinden soll. Programme, Inhalte, Webseiten, Pettigrew, wurde alles gestrichen, was mit Vielfalt zu tun hat. Behinderungen, Minderheiten, sozioökonomischer Status, Schwarz, Frauen, all diese Begriffe fallen jetzt unter Forschungszensur. Hannah Arendt, die selbst 1941 in den USA Zuflucht fand, sagte einst, die Freiheit der Meinung ist eine Farce, wenn die Information über die Tatsachen nicht gewährleistet ist. Und es sind die FaschismusforscherInnen von Elite-Universitäten, die als erste das Land verlassen haben. Es sind wirklich düstere Zeiten und gerade vor dem Hintergrund unserer Geschichte ist es unsere Aufgabe,dass nun wir WissenschaftlerInnen wenigstens zeitweise die Möglichkeit geben, ihre Forschung in Freiheit bei uns weiter zu betreiben. Auch die Forschung in Deutschland ist direkt von den Anordnungen Trumps betroffen. An vielen deutschen Unikliniken laufen Forschungsprojekte, die mit US-Geldern finanziert werden, mit ungewisser Zukunft. Die Impfstoffforschung und die an den Folgen von Covid wurde gestoppt. Und die Forschung an HIV und Tuberkulose-Schnelltests steht mit der Einstellung von US-Aid vor dem Aus. Es ist in unser aller Interesse, dafür zu sagen, dass diese Forschung weitergeführt wird, um nach der Covid-Pandemie nicht noch mehr Boden im Kampf gegen diese Krankheiten zu verlieren. Hamburg kann gerade hier im Bereich der Forschung an Infektionskrankheiten seinen Beitrag leisten, wie man nicht zuletzt an der Bewerbung für das Exzellenzcluster Gateways to Health gesehen hat. Auch die Klimaforschung mit ihren themenbezogenen Abteilungen bei der NASA möchte ich in den Fokus der Aufmerksamkeit rücken. Die Finanzierung für die US-Behörden NASA und die für ozeanische und atmosphärische Forschung soll radikal zusammengestrichen werden. Doch nicht nur große Forschungsprojekte sind von den Kürzungen betroffen. Die Finanzierung vieler Hochschulen ist in Gefahr und richtet sich vor allem gegen Förderprogramme für Minderheiten, die es inzwischen an fast allen Hochschulen gibt. Verständlich, dass die Unsicherheit der Forschenden riesig ist, nicht zuletzt bei denjenigen, die keinen US-amerikanischen Pass haben. Die Regierung hat ein Klima der Angst geschaffen, in dem Forscherinnen und Forscher aus dem Ausland zunehmend unsicher werden, ob sie in dem einengelobten Land der Wissenschaft willkommen oder überhaupt noch sicher sind. Wir in Hamburg können und wollen ein sicherer Hafen für die Forschenden sein, in dem die Wissenschaftsfreiheit bedroht ist. Dies haben wir in der Wissenschaftsbrücke nach Beginn des ukrainischen Angriffskriegs bereits unter Beweis gestellt. Auch das Hamburger Institut for Advanced Studies vergibt Stipendien an Forschende aus aller Welt. Denn die Lage der Wissenschaftsfreiheit ist nicht nur in den USA, sondern auch in anderen Ländern bedroht. Wir sollten diese Programme weiter ausbauen, im Hinblick auf unsere historische Verantwortung, in Anbetracht der globalen Notwendigkeit, Forschung an Krankheiten und dem Klimawandel weiterzuführen und auch im Interesse unseres Wissenschaftsstandorts. Vielen Dank.
