Andreas Renner
Frau Präsidentin, liebe Kolleginnen und Kollegen! Wer von Ihnen möchte der Mutter eines Zehnjährigen erklären, dass ihr Sohn nie richtig lesen gelernt hat, dass die Schule das spätestens in der zweiten Klasse hätte bemerken können und dass man nur deshalb nicht genauer hingeschaut hat, weil man Sorge hatte, zu viel zu messen? Ich denke, niemand von uns möchte dieses Gespräch führen. Genau deshalb müssen wir über den Antrag der AfD sprechen. eriode – 12. Sitzung – Mittwoch, 7. Oktober 2026 „Zukunftsfestes Bildungssystem“ klingt zunächst nach einem Ziel, bei dem wir alle uns einig sein müssten. Aber ein zukunftsfähiges Bildungssystem entsteht nicht durch möglichst viele Schlagworte. Es entsteht dadurch, dass Kinder tatsächlich etwas lernen und etwas können. Die AfD stellt in ihrem Antrag manches als Gegensatz dar, was in Wahrheit zusammengehört: Wissen und Kompetenzen, Leistung und Chancengerechtigkeit. Eine gute Schule braucht jeweils beides. Bemerkenswert finde ich dabei, dass die AfD eindringlich vor zu viel Messen, Kennzahlen und Kontrolle warnt und in ihren Fragen dann vor allem eines verlangt: überprüfbare Kriterien, (Zuruf des Abg. Winfried Mack CDU) Kontrollindikatoren und Evaluationsmechanismen. (Abg. Dr. Alexander Becker CDU: Hört, hört! Wider- spruch!) Die Kritik am Messen bringt ihr eigenes Maßband also gleich mit. Das zeugt von Humor, meine Damen und Herren. (Heiterkeit – Beifall bei der CDU und Abgeordneten der Grünen) Ein zukunftsfestes Bildungssystem beginnt nicht beim Tablet. Es beginnt beim Kind und bei den Grundlagen: beim Lesen, beim Schreiben und beim Rechnen. Wenn diese Grundlagen nicht sitzen, wird es später schwierig, ganz egal, wie modern unsere digitalen Tafeln auch sind. Deshalb ist es doch richtig, dass Baden-Württemberg mit „SprachFit“ und den Lernstandserhebungen genauer hinschaut und Förderung dort ansetzt, wo sie gebraucht wird. Denn wer nicht weiß, wo ein Kind steht, kann ihm auch nicht gezielt helfen. Und, meine Damen und Herren, eine Lernstandserhebung ist keine Klassenarbeit und gibt keine Note. Sie zeigt doch, wo Unterstützung notwendig ist. Sie ist auch keine Misstrauenserklärung gegenüber den Lehrerinnen und Lehrern in unserem Land, sondern ein zusätzliches Werkzeug für sie. Auch wir in der Politik brauchen dieses Steuerungswissen. Wer Verantwortung für die Bildung der Kinder in unserem Land trägt, der darf doch nicht im Blindflug entscheiden. Aber wir müssen auch ehrlich sein. Wir haben inzwischen Lernstand 2, VERA 3, Kompass 4, Lernstand 5, Lernstand 7, VERA 8. (Heiterkeit der Abg. Nadyne Saint-Cast GRÜNE) Jedes Verfahren hat seine Berechtigung. Aber wir sammeln viele Momentaufnahmen, und das, obwohl wir eigentlich einen ganzen Film bräuchten. (Beifall des Abg. Dr. Alexander Becker CDU) Deshalb sollten wir diese Verfahren auch stärker aufeinander abstimmen. (Beifall bei der CDU und Abgeordneten der Grünen – Abg. Nadyne Saint-Cast GRÜNE: Ja! – Abg. And- reas Schwarz GRÜNE: Richtig!) (Andreas Renner) Wir brauchen nicht mehr Messen um des Messens willen, sondern wir müssen besser messen, damit wir besser fördern können. Dazu gehört auch das Thema Leistung. Die Ergebnisse bei den Basiskompetenzen geben Anlass zur Sorge. Deshalb müssen wir den Kindern in unserem Land auch etwas zutrauen und manchmal auch etwas abverlangen. Lernen bedeutet Anstrengung und manchmal eben auch Durchhalten. Und Chancengerechtigkeit heißt auch nicht, dass am Ende alle dasselbe Ergebnis haben und im schlimmsten Fall das Niveau gleich mit abgesenkt wird. Chancengerechtigkeit heißt: Jedes Kind bekommt die Unterstützung, die es braucht, aber zugleich auch die klare Erwartung, dass es seine Möglichkeiten ausschöpft. Meine Damen und Herren, natürlich gehört zur Zukunftsfähigkeit auch die künstliche Intelligenz. Aber ein Kind muss doch einen Text vorher verstehen können, bevor es ihn von einer KI zusammenfassen lässt. Es muss selbst denken können, bevor eine Maschine für das Kind denkt. Was heißt für mich also „zukunftsfest“? „Zukunftsfest“ stellt für mich eine Schule dar, in der Kinder etwas Solides lernen, in der Leistung etwas gilt, in der die Herkunft nicht über Chancen entscheidet und in die die Kinder gern gehen. Damit komme ich noch einmal zu der Mutter vom Anfang. Stellen Sie sich vor: Ihr Sohn tut sich in der zweiten Klasse schwer mit dem Lesen, aber dieses Mal haben wir es rechtzeitig bemerkt und ihm geholfen. Dann hat Messen seinen Sinn erfüllt – nicht als Kontrolle und nicht als Selbstzweck, sondern als Hilfe. An diesem Maßstab sollten wir alle uns messen lassen. Vielen Dank. (Beifall bei der CDU und Abgeordneten der Grünen – Zuruf von der CDU: Super!)
