Antje Rommelspacher
Sehr geehrte Frau Präsidentin, liebe Kolleginnen und Kollegen! Auf dem Schulhof der Ludwig-Heyd-Schule in Markgröningen steht ein Brunnen mit der Inschrift: „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.“ Bei meiner Einschulung wurde mir dieser Satz vom Rektor vorgelesen. Das hat bei mir als Erstklässlerin damals mächtig Eindruck hinterlassen. Als Schulmotto vielleicht ein bisschen veraltet, stimmt die Botschaft dahinter aber noch immer, heute genauso wie damals, nämlich: Auf den Anfang kommt es an – und jedes Kind verdient dieselben Startchancen. Deshalb machen wir das letzte Kindergartenjahr nun verpflichtend. Dabei gilt: Qualität statt Schnelligkeit. Daher begrüßen wir sehr, dass Herr Kultusminister Jung einen dialogischen Beteiligungsprozess gestartet hat, wie wir ihn im Koalitionsvertrag vereinbart haben, um ein Konzept zu entwickeln, das in der Praxis funktioniert – in den Kitas und in den Familien. Wir knüpfen direkt an das an, was der Bund aktuell mit dem geplanten Startchancen- und Qualitätsentwicklungsgesetz erreichen will. Sprachliche Defizite und Förderbedarfe sollen im Alter von vier Jahren erkannt und Kinder gezielt unterstützt werden. Unsere Programme wie „SprachFit“ und die Juniorklassen sowie das Konzept „Lernen mit Rückenwind“ setzen bereits heute hier an und ergänzen die geplanten Vorhaben aus Berlin. (Beifall bei der CDU und Abgeordneten der Grünen) All das muss aufeinander abgestimmt werden. Das ist auch ein Grund für unseren Zeitplan hier in Baden-Württemberg. Mit dem verbindlichen letzten Kindergartenjahr werden alle Kinder erreicht, nicht nur diejenigen mit festgestelltem Föreriode – 12. Sitzung – Mittwoch, 7. Oktober 2026 derbedarf; denn alle Kinder verdienen einen guten Übergang vom Kindergarten in die Schule. Wir sehen zunehmend bereits bei Kindern im Säuglingsalter, dass sie unter zu wenig verbaler und nonverbaler Kommunikation leiden und dass dies zu einem verzögerten Spracherwerb führen kann. Dabei ist uns wichtig: Wir sprechen hier nicht über eine vorgezogene erste Klasse und nicht über einen vorverlegten Schulunterricht. Die Kita bleibt Kita: ein Ort, an dem gespielt, gebastelt und gesungen wird. Unsere pädagogische Leitschnur ist der Orientierungsplan und ausdrücklich nicht der Bildungsplan der Grundschule. Wir wollen keine Verschulung der Kita, sondern eine bessere Verbindung zwischen frühkindlicher Bildung und Schule. (Beifall bei der CDU und Abgeordneten der Grünen) Die allermeisten Kinder besuchen bereits heute einen Kindergarten. Deshalb könnte man fragen: Brauchen wir überhaupt eine Verpflichtung? Ich sage: Ja, denn wir wollen wirklich alle Kinder erreichen. Gerade die Kinder, die bisher vielleicht unregelmäßig oder gar nicht an frühkindlichen Bildungsangeboten teilnehmen, dürfen uns nicht durch das System rutschen. Die Verbindlichkeit ist deshalb ein wichtiger Baustein. Neben den Fragen der SPD zur Finanzierung, die sehr berechtigt sind, ist aus unserer Sicht aber vor allem wichtig: Wie soll das letzte Kindergartenjahr pädagogisch umgesetzt werden? Wie gehen wir mit einer Zurückstellung vom Schulbesuch um? Welche Unterschiede gibt es zwischen den verschiedenen Trägern? Vor allem: Wie erreichen wir wirklich alle Kinder – auch die, die bisher noch keine Kita besuchen? Daneben müssen verfassungsrechtliche Fragen vor dem Start geklärt sein. Auch dies wird in den kommenden Wochen erfolgen. Mit dem verbindlichen letzten Kindergartenjahr bewegen wir uns im Spannungsfeld zwischen dem Recht der Eltern auf Pflege und Erziehung ihrer Kinder aus Artikel 6 und den Regelungen über das Schulwesen aus Artikel 7 des Grundgesetzes. Bei dieser Prüfung muss Gründlichkeit vor Schnelligkeit gelten. (Beifall bei der CDU und Abgeordneten der Grünen) Liebe Kolleginnen und Kollegen, das verbindliche und beitragsfreie letzte Kindergartenjahr ist ein großer Schritt, ein Schritt, der Familien finanziell entlasten kann. Vor allem aber kann er dazu beitragen, dass wir Kinder besser erreichen und ihnen einen guten Start in die Schule ermöglichen. Das Ziel ist klar. Der Weg dorthin muss gut vorbereitet sein. Deshalb setzen wir auf Beteiligung statt auf Schnellschüsse, auf Qualität statt auf Symbolpolitik und auf eine Umsetzung, die die Kitas und ihre Fachkräfte mitnimmt. Wenn uns das gelingt, dann schaffen wir nicht einfach nur neue Regeln für ein letztes Kindergartenjahr, sondern schaffen bessere Voraussetzungen für den ersten Schultag, bessere Startchancen für alle Kinder und damit bessere Bildungserfolge. Vielen Dank. (Beifall bei der CDU und Abgeordneten der Grünen)
