Lea Geldner
Sehr geehrter Herr Präsident, liebe Kolleginnen und Kollegen! 70 000 € gibt eine Familie allein für die Kindertagesbetreuung aus, bis zwei Kinder in der Grundschule sind. Das wäre auch eine Anzahlung für ein Eigenheim. Diese Zahl hat mir letzte Woche eine Mutter genannt, und das ist kein Einzelfall. Wahrscheinlich geht es sogar noch schlimmer. Das dürfen wir nicht hinnehmen. Die Familien in unserem Land brauchen Entlastung. (Beifall bei den Grünen) Der Antrag der SPD spricht deshalb ein wichtiges Thema an, auf das sich diese Regierungskoalition verständigt hat: das verbindliche und kostenfreie letzte Kitajahr. Ja, liebe Kolleginnen und Kollegen der SPD, ich kann den Antrag verstehen, und ich kann Ihre Ungeduld verstehen. Familien wollen wissen, wann die Entlastung kommt. Aber wir hängen hier nicht einfach ein Preisschild an die Kita, sondern wir verändern unser Kitasystem. Deshalb müssen wir uns zuallererst mit der Frage auseinandersetzen, was denn das Ziel dieses Vorhabens ist. iode – 12. Sitzung – Mittwoch, 7. Oktober 2026 Für uns sind drei Dinge entscheidend: Erstens: Familien müssen spürbar entlastet werden. Frühkindliche Bildung darf keine Frage des Geldbeutels sein, und die Postleitzahl darf nicht darüber entscheiden, wie viel Geld eine Familie für die Kita ausgibt. Und Betreuungskosten dürfen nicht dazu führen, dass Eltern ihre Erwerbstätigkeit reduzieren oder ganz aufgeben. Wenn sich Arbeit nicht mehr lohnt, weil das komplette Gehalt in Kitagebühren fließt, ist das ein Problem, und wir wissen: Dieses Thema betrifft vor allem Frauen, und das reicht bis in ihre Rente. (Beifall bei den Grünen) Wer über Fachkräftemangel und die Wirtschaft in unserem Land spricht, muss immer auch über Kindertagesbetreuung sprechen. Gute und bezahlbare frühkindliche Bildung ist Bildungspolitik, sie ist aber auch Familienpolitik, sie ist Gleichstellungspolitik, und sie ist schon längst Wirtschaftspolitik. Zweitens: Entscheidend ist die Qualität. Denn die Kita ist die erste und wichtigste Bildungseinrichtung im Leben eines Kindes. Aktuell wird schon viel diskutiert, z. B. darüber, wo das letzte Kindergartenjahr stattfinden soll. Ich denke, wir sind uns darüber einig, Herr Minister: Bildungsort muss die Kita sein. Mit dem weiterentwickelten Orientierungsplan haben wir dafür eine starke Grundlage. Kinder brauchen professionelle frühkindliche Pädagogik, Spiel und Bewegung, Sprachbildung, soziale Erfahrung und Raum für Persönlichkeitsentwicklung, und sie brauchen gut ausgebildete Fachkräfte, die wissen, wie Kinder in diesem Alter lernen. Als ausgebildete Erzieherin weiß ich, wovon ich spreche. (Beifall bei den Grünen und Abgeordneten der CDU) Jedes Kind, jede Familie muss sich auf gute Qualität, gute Bildung und auf eine gute Vorbereitung auf die Schule verlassen können. Und drittens: Wir müssen dieses Vorhaben mit jenen entwickeln, die es später auch umsetzen. Im Koalitionsvertrag steht nicht zufällig ein dialogischer Prozess. Dieses Versprechen nehmen wir ernst. Der runde Tisch des Kultusministeriums war ein erster Auftakt. Jetzt müssen die Ergebnisse ausgewertet und muss der Beteiligungsprozess weitergeführt werden. Kommunen und Träger müssen einbezogen werden. Fachkräfte müssen einbringen können, was es braucht, um das Vorhaben in der Praxis gut umzusetzen. Eltern müssen ihre Perspektive einbringen können. Und wir brauchen die Wissenschaft, um zu wissen, was wirklich wirkt. Das Ziel ist ganz klar mehr Bildungsgerechtigkeit. (Beifall bei den Grünen und der Abg. Dr. Natalie Pfau-Weller CDU) Noch immer hängen Bildungschancen viel zu sehr davon ab, in welche Familie ein Kind hineingeboren wird. Kinder kommen deshalb nicht mit den gleichen Voraussetzungen in unser Bildungssystem. Das hat uns die PISA-Studie noch einmal erneut gezeigt. Genau deshalb dürfen wir nicht warten, bis die Unterschiede in der Schule noch größer werden. Wir müssen da ansetzen, wo Bildungsbiografien beginnen: in der frühen Kindheit. Das muss unser eigentliches Versprechen (Lea Geldner) sein: Entwicklungsbedarfe früh zu erkennen, gezielt zu unterstützen und allen Kindern eine bessere Chance auf einen guten Start ins Leben zu geben. Deshalb muss der Zugang zur Kita für jedes Kind selbstverständlich sein. Gute frühkindliche Bildung darf keine Frage des Geldbeutels sein. Dieses Thema muss Priorität in diesem Land haben. (Beifall bei den Grünen und der Abg. Dr. Natalie Pfau-Weller CDU) Daran möchte ich gemeinsam mit Ihnen arbeiten. Liebe SPD, liebe Kolleginnen und Kollegen, weil dieses Thema so wichtig ist, können wir uns keinen Schnellschuss erlauben. Das Vorhaben braucht eine gründliche Vorbereitung, wie es beim Beteiligungsprozess im Koalitionsvertrag vorgesehen ist. Vielen Dank. (Beifall bei den Grünen – Vereinzelt Beifall bei der CDU)
