Peter Seimer
Sehr geehrter Herr Präsident, liebe Kolleginnen und Kollegen! Glücksspiel – stellen Sie sich vor, Ihnen bietet jemand ein Geschäft an. Der Vertrag sieht wie folgt aus: Sie geben Ihre Zeit, Ihre Ersparnisse, Ihre Träume und den Frieden in Ihrer Familie. Im Gegenzug gebe ich Ihnen eine winzige, fast unsichtbare Chance auf ein bisschen Geld. Als Garantie lege ich noch eine Sache obendrauf: Am Ende werden Sie mit mathematischer Sicherheit alles verlieren. Würden Sie diesen Vertrag unterschreiben? Wohl kaum. Und doch tun es jeden Tag Millionen von Menschen. Sie unterschreiben ihn mit einem Klick auf dem Smartphone, mit jedem Schein bei einer Sportwette und mit jedem Euro, den sie in einen blinkenden Automaten werfen. (Peter Seimer) Glücksspiel wird uns oft als harmloser Spaß verkauft. Die Werbung zeigt uns glückliche Gewinner, die mit Champagner anstoßen, sie zeigt uns den schnellen Weg zum Reichtum, vermeintliche Freiheit. Was die Werbung allerdings verschweigt, sind die Gesichter der anderen Seite. Sie zeigt nicht die Menschen, die nachts schweißgebadet vor dem Bildschirm sitzen und das Geld für ihre Miete verspielen. Sie zeigt nicht die Jugendlichen, die durch Sportwetten in eine Schuldenfalle geraten, noch bevor ihr Leben eigentlich richtig begonnen hat. Und sie zeigt nicht die Einsamkeit, die Lügen und die Scham, die diese Sucht wie ein unsichtbares Gift in die Familien trägt. Das größte Missverständnis über Glücksspiel ist, dass es dabei um Glück geht. Es geht um pure Mathematik, und die besagt: Die Bank gewinnt immer. Das System ist nicht dafür gebaut, dass Sie reich werden, es ist dafür gebaut, dass Sie psychologisch gefangen werden. Jeder Beinahe-Gewinn ist kein Fast-Erfolg, sondern ein eiskalter Trick des Algorithmus, um unser Gehirn mit Dopamin zu fluten, damit man weitermacht. Beim Glücksspiel ist das Verlieren der Normalfall und das Weiterspielen der Ruin. Wir müssen aufhören zu glauben, dass Spielsucht ein Zeichen von Schwäche oder mangelnder Disziplin ist. Es ist eine anerkannte Krankheit. Genau deshalb brauchen wir einen Staat, der diesen Markt nicht sich selbst überlässt. Glücksspiel braucht Regeln. Und diese Regeln müssen auch durchgesetzt werden. Genau darum geht es in dem Zweiten Staatsvertrag zur Änderung des Glücksspielstaatsvertrags. Damit verbessern wir insbesondere den Vollzug. Wir schaffen eine rechtssichere Grundlage, um illegale Glücksspielangebote im Internet notfalls sperren oder entfernen zu lassen. Dabei gilt: Zuerst muss gegen den illegalen Anbieter vorgegangen werden. Erst dann, wenn das nicht möglich oder nicht erfolgversprechend ist, können auch Vermittlungsdienste, sprich Internetprovider, in Anspruch genommen werden. Zweitens: Wir stärken außerdem die Zuverlässigkeitsprüfungen von Glücksspielanbietern. Die Behörden in unserem Land können künftig auch Erkenntnisse ausländischer Polizei- und Strafverfolgungsbehörden einbeziehen. Das ist richtig und notwendig, denn Glücksspielanbieter agieren längst international, und die Aufsichtsbehörden in unserem Land müssen mit dieser Realität Schritt halten können. Drittens: Wir stärken insbesondere den Spielerschutz. Beim Abgleich mit der Sperrdatei OASIS wird klar geregelt, welche Zugangskennung verwendet werden darf. Die Weitergabe dieser Kennungen an Dritte wird verboten, und Verstöße können geahndet werden. Das sind keine abstrakten Änderungen. Es geht darum, Glücksspiel, illegales Glücksspiel zurückzudrängen, Kontrolle zu ermöglichen und Menschen besser vor den Folgen des Glücksspiels zu schützen. Deshalb stimmen wir dem Gesetzentwurf zum Zweiten Glücksspieländerungsstaatsvertrag zu. Vielen Dank. (Beifall bei den Grünen und Abgeordneten der CDU)
