Andreas Renner
Sehr geehrte Frau Präsidentin, liebe Kolleginnen und Kollegen! Was passiert eigentlich, wenn eine Lehrkraft fehlt? Eine Grundschullehrerin hat mir vor Kurzem darauf eine Antwort gegeben, die einfacher war als jede Statistik, die ich kenne. Sie sagte sinngemäß: Die Kinder merken nicht, dass eine Stelle unbesetzt ist. Sie merken etwas ganz anderes: dass plötzlich jemand anderes vor ihnen steht, dass die Klasse betreut wird statt unterrichtet, dass die Förderstunde ausfällt und dass für das Gespräch, das das Kind gerade gebraucht hätte, keine Zeit mehr bleibt. Ich musste seitdem oft an diesen Satz denken, weil er auf den Punkt bringt, was wir in dieser Debatte zu oft vergessen: Hinter jeder unbesetzten Stelle stehen keine Zeilen im Stellenplan, sondern Kinder – Kinder, die Unterstützung brauchen, Kinder, deren Talente vielleicht unentdeckt bleiben, Kinder, die Orientierung suchen. Genau deshalb führen wir heute diese Debatte. Es geht um die Zukunft der Kinder in unserem Land, der Schülerinnen und Schüler. (Beifall bei der CDU und den Grünen sowie Abge- ordneten der SPD) Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich möchte an dieser Stelle zuerst den Lehrerinnen und Lehrern danken. Sie leisten Tag für Tag Enormes: Sie unterrichten nicht nur, sie hören zu, sie trösten, motivieren, lösen Konflikte und begleiten Kinder oft weit über den Unterricht hinaus. Danke dafür. (Beifall bei der CDU und den Grünen) Doch wir erleben gleichzeitig eine Entwicklung, die viele Lehrkräfte an ihre Belastungsgrenze bringt und zum Teil darüber hinaus. Immer mehr Zeit fließt in Erziehungsaufgaben, in Konfliktbewältigung und in schwierige Gespräche mit Eltern. Dieser Entwicklung müssen wir entgegentreten. Deshalb ist es wichtig, dass wir multiprofessionelle Teams an unseren Schulen weiter ausbauen wollen. Schulsozialarbeit und pädagogische Assistenz entlasten Lehrkräfte dort, wo sie Unterstützung brauchen. So schaffen wir Freiräume, damit sich Lehrkräfte wieder stärker ihrem eigentlichen Bildungsauftrag widmen können. Aber wir müssen auch dort ansetzen, wo Bildung beginnt, nämlich im Elternhaus. Schule kann Erziehung nicht allein leisten. Und es gibt zu viele Eltern, die ihrer Verpflichtung wieder mehr gerecht werden müssen. (Beifall bei der CDU – Vereinzelt Beifall bei den Grünen) Deshalb ist die Einrichtung eines runden Tisches zur Erziehungspartnerschaft der richtige Schritt. Eltern und Schule müssen wieder gemeinsam Verantwortung übernehmen. Denn wenn Schule und Elternhaus an einem Strang ziehen, profitieren am Ende die Kinder. Meine Damen und Herren, gute Bildung braucht aber nicht nur gute Rahmenbedingungen, sie braucht vor allem genügend Lehrerinnen und Lehrer. Genau deshalb dürfen wir den Lehrkräftemangel nicht einfach verwalten. In Baden-Württemberg bleiben seit mehreren Jahren zu viele Lehramtsstulperiode – 9. Sitzung – Mittwoch, 22. Juli 2026 dienplätze unbesetzt. Das können wir uns angesichts des Fachkräftemangels im Bildungsbereich schlicht nicht leisten. Das Kultus- und das Wissenschaftsministerium haben gemeinsam den Auftrag, die fachbezogene Unterrichtsversorgung in allen Schularten zu gewährleisten. Wie im Koalitionsvertrag vereinbart, werden wir dazu in einen konstruktiven Dialog mit beiden eintreten. Klar ist aber auch: Wir müssen zudem das Lehramtsstudium attraktiver gestalten und die Phasen der Lehrkräfteausbildung besser miteinander verzahnen. Diese muss praxisnäher, flexibler und besser auf die Erwartungen junger Menschen ausgerichtet werden. Auch auf dem Weg in den Beruf brauchen angehende Lehrkräfte mehr Verlässlichkeit. Deshalb wollen wir haushalterische Möglichkeiten ausloten, um den Vorbereitungsdienst auf die Zeit der Sommerferien zu verlängern und damit eine Durchzahlung der Referendarinnen und Referendare zu ermöglichen. Wer sich bewusst für diesen verantwortungsvollen Beruf entscheidet, verdient Wertschätzung, und die zeigt sich nicht nur in Worten, sondern vor allem in konkreten politischen Entscheidungen. Genau hier setzt auch der Antrag der SPD an, der in eine ähnliche Richtung zielt. Die Idee dahinter ist nachvollziehbar, doch der Antrag lässt offen, woher die finanziellen Mittel kommen sollen. Eine Verlängerung des Vorbereitungsdienstes ist kein Selbstläufer, sondern eine dauerhafte finanzielle Verpflichtung, und die muss stehen, bevor wir sie versprechen, nicht danach. Deshalb lehnen wir den Antrag in dieser Form ab und gehen stattdessen den Weg über eine solide haushalterische Prüfung, wie ich sie eben skizziert habe. Das Kultusministerium erarbeitet derzeit ein Konzept, um die Kosten gering zu halten und die Akzeptanz weiter zu erhöhen; ein richtiger und wichtiger Schritt. Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich komme zum Ende. Baden-Württemberg hat keine bedeutenden Bodenschätze. Unser größter Schatz sind doch die Menschen in unserem Land, ihre Ideen, ihr Wissen, ihre Kreativität. Unsere Wirtschaft lebt von den Tüftlerinnen und Tüftlern, von den Forscherinnen und Forschern und von den Ingenieurinnen und Ingenieuren – und nicht von den Rohstoffen. Die Grundlage dafür wird in unseren Klassenzimmern gelegt. Deshalb müssen wir alles dafür tun, dass Lehrkräfte wieder mehr Zeit zum Unterrichten haben, dass junge Menschen sich wieder für den Lehrerberuf begeistern und dass jedes Kind die Chancen bekommt, die es verdient. Denn hinter jeder guten Lehrerin und hinter jedem guten Lehrer steht am Ende eine gute Zukunft für die Kinder in unserem Land und für Baden-Württemberg. Herzlichen Dank. (Beifall bei der CDU und den Grünen)
