Carl Christian Hirsch
Ein herzliches „Grüß Gott“ und „Guten Morgen“ ins Hohe Haus, wertes Präsidium, liebe Kolleginnen und Kollegen! Lassen Sie mich zu Beginn ein Bild zeichnen, das uns allen vertraut ist: eine Werkstatt, in der mit Sorgfalt, Erfahrung und dem richtigen Werkzeug aus einem Rohstoff etwas Wertvolles entsteht, eine Werkstatt, in der jeder Handgriff sitzt und in der gleichzeitig immer neue Lösungen gefunden werden müssen, wenn das Werkstück nicht auf Anhieb gelingt. Diese Werkstatt ist mehr als nur ein Ort der Arbeit. Diese Werkstatt ist Ursprung dessen, was unseren Wirtschaftsstandort bis heute prägt. Baden-Württemberg ist im internationalen Wettbewerb zweifellos ein Industrieland. Aber Baden-Württemberg ist immer auch ein Land des Handwerks sowie der Handwerkerinnen und Handwerker, meine sehr geehrten Damen und Herren. (Beifall bei der CDU – Vereinzelt Beifall bei den Grünen) eriode – 9. Sitzung – Mittwoch, 22. Juli 2026 Viele der Industriefachkräfte in unserem Land haben ihre Kenntnisse und Fertigkeiten ursprünglich im Handwerk gelernt, und so manche großen Industriebetriebe – nicht wenige davon – haben ihren Ursprung in kleinen Werkstätten. Getragen wurden und werden alle von ihnen von einem Dreiklang: Fleiß, Innovation und Qualität. Fleiß, gewachsen aus der Landwirtschaft und dem Handwerk, Innovation, da der Fleiß doch endlich ist, wenn es Arbeitserleichterungen und Geschwindigkeit braucht, und Qualität, für die der Einzelne verantwortlich einsteht. Dieser Dreiklang bleibt die Grundlage unserer Wettbewerbsfähigkeit. Deshalb ist klar, meine sehr geehrten Damen und Herren: Die Bedeutung des Handwerks für unsere Gesamtwirtschaft ist weiterhin sehr groß. (Beifall bei Abgeordneten der CDU – Vereinzelt Bei- fall bei den Grünen) Liebe Kolleginnen und Kollegen, so viel vorab als erster Punkt zur Bedeutung des Handwerks. Die nächsten vier meiner fünf Punkte behandeln die Lage des Handwerks, die guten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, die es braucht, die konkret geplanten Maßnahmen für das Handwerk in Baden-Württemberg und die Zukunftsaussichten. Wenn wir einen ehrlichen Blick in diese Werkstatt – Sie haben das Bild noch vor Augen – werfen, dann ist klar: Nicht alles läuft rund. Der aktuelle Konjunkturbericht von HANDWERK BW – ich begrüße die Vertreterinnen und Vertreter des Handwerks hier im Haus – zeigt mit über 3 000 Rückmeldungen von Betrieben sehr deutlich, wo wir stehen. 23 % bewerten die Lage als „schlecht“. Die Vollauslastung ist im Jahresvergleich von 15 auf 10 % gesunken, und der Anteil der Betriebe wiederum, die maximal nur zu 60 % ausgelastet sind, ist von 16 auf 26 % gestiegen. 36 % der Betriebe, die geantwortet haben, verzeichneten ein Umsatzminus. Und von fünf Betrieben haben vier geantwortet, dass sie mit steigenden Einkaufspreisen kämpfen, wovon sie nur ein Drittel an den Endkunden weitergeben können. Das sind keine Randbefunde, das ist ein klarer Hinweis darauf, dass der Druck steigt. Die Ursachen sind uns allen bekannt: struktureller Fachkräftemangel, Energiepreise, Bürokratie, Abgaben und eine konjunkturelle Entwicklung, die mittlerweile viele Branchen erfasst hat. Bei der Konjunktur ist es so, dass es nicht nur eine Frage der Zahlen ist, sondern auch eine Frage von Vertrauen. Es ist unser aller Aufgabe hier, begründete Zuversicht zu geben. Denn es gibt gerade im Handwerk positive Entwicklungen. Die Zahl der Ausbildungsverträge ist in den letzten vier Jahren kontinuierlich gestiegen; zuletzt konnte bundesweit ein Wachstum von knapp 5 % im Vergleich zum Vorjahr verzeichnet werden. Damit das so bleibt, brauchen wir gute Rahmenbedingungen. Gute Rahmenbedingungen für das Handwerk sind zunächst all die guten Rahmenbedingungen für die Volkswirtschaft insgesamt, beispielsweise neue internationale Absatzmärkte für Industrie und Handel, auch durch Friendshoring der EU bei und mit neuen Partnern. Wir brauchen auch Raum für neue Geschäftsmodelle – Stichwort „Hightechstrategie Baden-Würt- (Carl Christian Hirsch) temberg“ –; denn alle Branchen sind miteinander vernetzt. Wir brauchen bezahlbare Energie, die wir idealerweise möglichst unabhängig erzeugen und dezentral über leistungsfähige Netze und Speicher nutzen und gebrauchen können. Außerdem brauchen wir eine Reform unseres Sozialstaats, mindestens in dem Umfang, wie sie gerade im Bund angegangen wird. Denn wir brauchen mehr Kaufkraft vor allem bei Menschen mit kleineren und mittleren Einkommen. Vor allem aber brauchen wir eine neue politische Haltung. Der Koalitionsvertrag aus dem Jahr 2026 steht für mehr Ermöglichung, mehr Vertrauen, mehr Zutrauen und weniger Kontrolle. Das bedeutet: weniger Bürokratie durch die Lichtung der Förderlandschaft mit klarer Schwerpunktsetzung, einheitliche, schnellere digitale Verwaltungsverfahren, keine Übererfüllung von Vorgaben und befristete rechtssichere Lösungen, wo Vorgaben benötigt werden. Dort, wo Geschwindigkeit in der staatlichen Verwaltung fehlt, braucht es Genehmigungsfiktionen. Das heißt vor allem eines: Die ersten Schritte müssen gemacht werden – und die kommen. Das Kommen des Effizienzgesetzes ist der erste Schritt und weist den richtigen Weg. (Beifall bei der CDU und Abgeordneten der Grünen) Darüber hinaus, in einem Querschnitt, muss der übergeordnete Abwägungsvorgang, der prominent Eingang in den Koalitionsvertrag gefunden hat, stets unser Handeln für die Wirtschaft und für die Arbeitsplätze bestimmen. Zur Ehrlichkeit gehört aber auch: Umdenken braucht es auf allen Seiten. Wenn wir staatlich entlasten, dann ist das auch ein Signal, unnötige Komplexität insgesamt zu hinterfragen, auch jenseits staatlicher Vorgaben. Was meine ich damit? Ich meine beispielsweise privatrechtliche Zertifizierungsvorgaben oder das Vollkaskodenken auf Kundenseite. Wir alle, auch als Kunden, als Bürgerinnen und Bürger, tragen zur Bürokratie bei. Der Handschlag war gerade im Handwerk das Symbol für Verbindlichkeit. Mehr davon würde uns allen guttun; denn wir stehen vor einer großen Aufgabe. Rund 28 000 Handwerksbetriebe suchen in den kommenden Jahren eine Nachfolge, und das wird nur gelingen, wenn wir Handwerk noch attraktiver machen. Es geht also nun um konkrete Maßnahmen in der Partnerschaft von Politik und Handwerk in Baden-Württemberg für die nächsten fünf Jahre, die wir aber auch brauchen werden. Wir richten demnach unsere Bildungspolitik konsequent darauf aus, mit klaren Standards für die Ausbildungsreife und einem durchlässigen Schulsystem Qualität und Leistungsorientierung sicherzustellen. Zudem soll die Berufsorientierung insbesondere an Gymnasien weiter ausgebaut werden. Die duale Ausbildung gerade im Handwerk steht für einen erfolgreichen Einstieg ins Berufsleben, und mit ihr steht in der Weiterentwicklung alles frei, sowohl in der akademischen als auch in der beruflichen Bildung. Wir werden Berufsbildungsstätten der Wirtschaft ebenso weiter stärken wie das Azubi-Wohnen. Ein Modernisierungspakt für überbetriebliche Berufsbildungsstätten soll Qualität, Ausstattung und regionale Strukturen sichern. Die höhere Berufsbildung und die akademische Bildung sind gleich viel wert. lperiode – 9. Sitzung – Mittwoch, 22. Juli 2026 Master und Meister haben für unseren Wirtschaftsstandort große Bedeutung. Dabei stehen vor allem die Befähigung zu Unternehmensgründungen und zu Unternehmensnachfolgen im Fokus. Wir haben vor, den Meistergründungszuschuss im Handwerk zu verlängern und die Meisterprämien im Laufe des Jahres 2027 auf 3 000 € zu erhöhen. (Beifall bei der CDU und Abgeordneten der Grünen) Perspektivisch wollen wir die Meisterausbildung kostenfrei machen. Das dezentral verankerte Banken- und Finanzwesen in unserem Land nimmt ebenso eine wichtige Rolle ein – als Säule für Investitionen gerade kleinere, mittlere Handwerksbetriebe betreffend und Nachfolgen stützend. Die Inhalte des Förderprogramms „Horizont Handwerk“ wollen wir verstetigen, damit es zu gelingenden Unternehmensnachfolgen gerade im Handwerk kommt. Das ist nicht nur im Interesse der gesamten Volkswirtschaft, nein, es ist von gesamtgesellschaftlichem Interesse. (Zuruf von der CDU: Sehr gut!) Meine Damen und Herren, wer rastet, der rostet. Das gilt auch für unseren Wirtschaftsstandort. Das Handwerk lebt vom Anpacken, vom Weiterdenken und vom Bessermachen. Genau das sollte auch unser Maßstab hier im Hohen Haus sein – in der Werkstatt der Demokratie. Was meine ich damit? Neues einfach einfacher machen und Bestehendes einfach einfacher machen. Dann bleibt das Handwerk das, was es ist, meine sehr geehrten Damen und Herren: das Rückgrat unserer Wirtschaft. Vielen Dank. (Anhaltender Beifall bei der CDU – Beifall bei Ab- geordneten der Grünen – Abg. Winfried Mack CDU: Bravo! Sehr gut!)
