Sarah Hagmann
Sehr geehrte Frau Präsidentin, liebe Kolleginnen und Kollegen! Seit Tagen wird in diesem Land über einen Begriff diskutiert, der viel über das Menschenbild der CDU sagt: Lifestyle-Teilzeit. Dahinter steckt die Unterstellung, (Abg. Raimund Haser CDU: Da komme ich ja gera- de richtig!) Menschen, vor allem Frauen, würden es sich bequem machen auf Kosten der Solidargemeinschaft. Kurz danach setzte der CDU-Wirtschaftsrat (Abg. Andreas Deuschle CDU: Er heißt „Wirtschafts- rat“! Ohne „CDU“!) mit seinen Forderungen bei den Zahnarztleistungen und bei Unfällen auf Arbeitswegen den Rotstift an. (Beifall bei den Grünen) Hinzu kommen pauschale Vorwürfe: Lehrerinnen und Lehrer seien nicht leistungsbereit, Menschen würden blaumachen, alle müssten einfach nur mehr arbeiten, dann laufe die Wirtschaft wieder. Das ist kein Zufall, sondern ein Muster aus Misstrauen, aus Abwertung und sozialer Kälte. (Beifall bei den Grünen – Zuruf von der CDU: So ein Quatsch! – Abg. Andreas Deuschle CDU: Haben Sie so Panik?) Sie sagen, Sie wollen den Fachkräftemangel bekämpfen. Sie sagen, Sie wollen die Wirtschaft stärken. Aber da ist weder ein Plan noch eine ernsthafte, konstruktive Debatte. (Zuruf des Abg. Thomas Dörflinger CDU) Stattdessen reiht sich Forderung an Forderung. Das wirkt wie der verzweifelte Versuch, zu kaschieren, dass der von der Bundesregierung groß angekündigte Wirtschaftsaufschwung eben bislang ausbleibt. (Beifall bei den Grünen und Abgeordneten der SPD) Immer mehr Menschen gewinnen den Eindruck: Die CDU verspricht Wachstum, liefert aber nur Verunsicherung. Damit treiben Sie einen Keil in diese Gesellschaft. (Vereinzelt Beifall bei den Grünen) Währenddessen rackern sich Millionen Menschen in diesem Land jeden Tag ab. Bekommt man das in der CDU eigentlich mit? Nun sind Sie nach einigen Tagen Bedenkzeit zurückgerudert und haben sich von den Verlautbarungen von Mittelstandsunion und Wirtschaftsrat distanziert – (Abg. Andreas Deuschle CDU: „Mittelstandsunion“!) fair enough. Nur frage ich mich: Stehen Sie vonseiten der CDU auch wirklich alle dahinter – es ist ja nicht mal jeder da –, (Unruhe bei der CDU – Zurufe von der FDP/DVP) ode – 141. Sitzung – Donnerstag, 5. Februar 2026 oder liegt es daran, dass Sie genau wissen, dass am 8. März Weltfrauentag ist? (Beifall bei den Grünen und Abgeordneten der SPD) Wenn Sie über Arbeit reden wollen, dann lassen Sie uns über Realitäten und Rahmenbedingungen reden. In Baden-Württemberg arbeiten rund drei von zehn sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Teilzeit. Entscheidend ist aber der Blick auf die Unterschiede. Während bei den Männern nur etwa jeder zehnte in Teilzeit arbeitet, ist es bei den Frauen jede zweite, bei berufstätigen Müttern sind es sogar drei von vier. Frauen arbeiten nicht weniger, weil sie nicht wollen, (Zuruf des Abg. Raimund Haser CDU) sie arbeiten weniger, weil Kinderbetreuung fehlt, weil Pflege organisiert werden muss, weil Ganztagsschulen nicht ausreichen, (Abg. Dr. Timm Kern FDP/DVP: Wer ist denn für die Bildung zuständig?) weil Care-Arbeit noch immer unsichtbar ist und weil sich das alte Bild von der Rabenmutter hartnäckig hält, (Zurufe von der CDU) während Teilzeit und längere Elternzeit bei Vätern noch immer verpönt sind. (Beifall bei den Grünen und Abgeordneten der SPD) Die Rechnung ist einfach. Wenn Frauen ihre Arbeitswünsche umsetzen könnten, hätten wir in Deutschland 840 000 zusätzliche Arbeitskräfte. (Zuruf von der FDP/DVP: Ui!) Wirtschaftsstärke und Gleichstellung sind kein Gegensatz, sondern gehören zusammen. (Beifall bei den Grünen und Abgeordneten der SPD) Wir haben in Baden-Württemberg die Kinderbetreuung ausgebaut und auf Qualität geachtet. Wir haben die Ausbildungszahlen erhöht (Lachen bei der SPD) und mehr pädagogisches Personal eingestellt. Wir haben die Pflegeausbildung reformiert, und wir erleichtern die Zuwanderung von Fachkräften. Ja, wir müssen daran weiterarbeiten, keine Frage. Aber es muss auch der Bund liefern. Ein Ehegattensplitting, das falsche Anreize setzt, gehört abgeschafft. (Zuruf des Abg. Sascha Binder SPD) Gleicher Lohn für gleiche Arbeit muss endlich Realität werden. (Beifall bei den Grünen) Pflege darf nicht arm machen, und Selbstständige brauchen einen gesetzlichen Mutterschutz; da sind CDU und SPD dran. (Sarah Hagmann) (Beifall bei Abgeordneten der Grünen – Abg. Rai- mund Haser CDU: Und jeden Morgen sollte die Son- ne aufgehen!) Ich bin dankbar für unsere Programme, die Frauen und Vereinbarkeit gezielt fördern – in Wissenschaft, Wirtschaft und Ausbildung: das Margarete von Wrangell-Programm, Netzwerk Teilzeitausbildung, familyNET für mehr Vereinbarkeitskultur in der Arbeitswelt oder Spitzenfrauen BW. Ich sage auch ganz klar: Es ist ein politisches Armutszeugnis, wenn wir Grünen solche Programme im Haushalt gegen Widerstände aus der CDU verteidigen müssen. (Beifall bei den Grünen und Abgeordneten der SPD – Lachen bei der SPD und Abgeordneten der CDU) – Nein, kein Lachen. (Abg. Thomas Dörflinger CDU: So eine Lüge! – Abg. Andreas Deuschle CDU: Haben Sie so viel Angst?) Ich kenne diesen Spagat zwischen politischem Mandat und Familienverantwortung selbst, ebenso wie viele andere in diesem Hohen Haus (Zurufe – Unruhe) – ja, Sie fühlen sich getroffen –, den Anspruch, alles geben zu wollen, und die Realität, dass alles gleichzeitig leider nicht möglich ist. (Abg. Andreas Sturm CDU: Absolute Nullnummer! – Lachen des Abg. Anton Baron AfD – Unruhe) – Wow!
