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Arne Braun

28.01.2026 Sitzungen 17/139

Sehr geehrte Frau Präsidentin, sehr geehrte Damen und Herren, lieber Michael Blume! Grafeneck ist ein Ort, der etwas mit einem macht. Er bleibt ein Ort, den die Menschen anders verlassen, als sie dort angekommen sind, ein Ort, der den Blick neu ausrichtet, der einordnet und der jeden Einzelnen von uns betrifft. Herr Dr. Kern, Sie haben es gesagt – wir waren ja zusammen dort und haben es erlebt –: Hier spüren die Besucherinnen und Besucher auf bestürzende Weise Vernichtung; denn genau hier testeten die Nationalsozialisten im wahrsten Sinn des Wortes ihre spätere Mordmaschine aus. Mithilfe der hier gewonnenen Erkenntnisse entwickelten sie ihre unfassbaren Pläne zum industriellen Mord, zum größten Menschheitsverbrechen, zum Zivilisationsbruch – zum Holocaust. Deshalb ist Grafeneck kein Ort, den man einfach besucht und dann wieder verlässt. Grafeneck bleibt. Meine Damen und Herren, wir, die Landesregierung, begrüßen es, dass sich alle demokratischen Parteien gemeinsam für diesen wichtigsten Gedenkort in Baden-Württemberg einsetzen – ein Gedenkort von großer nationaler historischer Bedeutung. Vielen Dank auch an Landtagspräsidentin Muhterem Aras, die diese Initiative vorangetrieben hat. (Beifall bei den Grünen und Abgeordneten der CDU) In Baden-Württemberg existiert derzeit kein zentraler Erinnerungsort, an dem die Kinder in unserem Land stark gemacht werden gegen den Irrsinn der Ideologie. Ich danke an dieser Stelle den vielen Menschen, die mit ihrem meist ehrenamtlichen Engagement in Gedenkstätten im ganzen Land dafür sorgen, die Erinnerung wachzuhalten. So verfügen wir im Land neben der Gedenkstätte in Grafeneck mit dem „Hotel Silber“, dem Museum Laupheim oder auch der Gedenkstätte Stutensee – um nur drei Beispiele zu nennen – über herausragende Stätten der Erinnerung. Orte des Gedenkens sind heute wichtiger denn je. Grafeneck hat hier eine ganz besondere Bedeutung – eine ganz spezielle Geschichte, ein ganz besonderer Ort des Innehaltens. Es wurde schon gesagt: In Grafeneck wurden mehr als 10 000 Menschen ermordet, Menschen, die nicht krank waren, sondern die für krank erklärt wurden. Die Nationalsozialisten hatten entschieden, dass das Leben dieser Menschen weniger wert sei, das Leben von Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen. Eigentlich brauchten diese Menschen dringend Hilfe. Stattdessen wurden sie entwürdigt – das Wort Menschenwürde fiel hier vorhin. Ihre Existenz wurde ausgelöscht, sie fanden den Tod, wurden bestialisch ermordet. Die komplette Menschenverachtung wird hier sichtbar; denn die Opfer waren auch Töchter, Söhne, Geschwister, Eltern. Sie hatten Angehörige, Familien und Freunde. Diese wurden von den Tätern – den Ärzten und den Beamten, den Juristen – im Ungewissen gehalten. Nach der Ermordung erfuhren sie nicht die Wahrheit. Die Benachrichtigungen über die Todesursachen waren falsch, die Totenzettel verschleierten die schrecklichen Gewissheiten. Bis heute sind nicht alle Identitäten der ermordeten Menschen geklärt. Erinnern verändert sich; wir spüren es. Geschichte wird geleugnet, umgeschrieben. Antisemitismus wird gesellschafts- (Staatssekretär Arne Braun) fähig. Gleichzeitig sterben ausgerechnet jetzt die letzten Zeitzeugen. Es ist unsere Verantwortung, dass an diesem Ort weiterhin eine gute Arbeit geleistet wird, dass Geschichte nicht vergessen wird, dass an die Menschen erinnert wird. (Beifall bei den Grünen, der CDU, der SPD und der FDP/DVP sowie der Abg. Anton Baron AfD und Da- niel Born [fraktionslos]) In unser aller Interesse liegt es doch, dass wir möglichst viele Menschen mit diesem Angebot erreichen. Wir sind dem Verein Gedenkstätte Grafeneck e. V. und ihrem Leiter Thomas Stöckle für ihre hervorragende Arbeit zu Dank verpflichtet. Sie leisten hervorragende Bildungsarbeit, und sie haben durch historische Forschung und eine langjährige Namenssuche den Opfern ihre Würde wiedergegeben. (Beifall bei den Grünen, Abgeordneten der CDU, der SPD und der FDP/DVP sowie des Abg. Daniel Born [fraktionslos]) Heute sind über 9 000 Namen in das Gedenkbuch der Gedenkstätte Grafeneck aufgenommen. Bis heute erkundigen sich Familienmitglieder nach dem Schicksal ihrer Angehörigen. Meine Damen und Herren, die Vergangenheit ist offensichtlich nicht abgeschlossen. Ich kann mir keinen passenderen Ort vorstellen, der uns in aller Stille und mit voller Wucht bewusst macht: Kein Leben ist weniger wert. Möge Grafeneck uns mahnen, sensibel zu bleiben. Grafeneck ist nicht nur eine Verpflichtung für uns alle, Grafeneck ist auch Mahnung und Chance, weil Grafeneck uns die Möglichkeit gibt, anders zu gedenken, und die Chance, in der Zukunft umzusetzen, was Margot Friedländer, seligen Angedenkens, uns allen zugerufen hat: Schaut nicht auf das, was euch trennt. Schaut auf das, was euch verbindet. Seid Menschen. Vielen Dank. (Beifall bei den Grünen, der CDU, der SPD und der FDP/DVP sowie der Abg. Anton Baron AfD und Da- niel Born [fraktionslos])

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