Dr. Rainer Balzer
Gut. (Vereinzelt Heiterkeit) Doch statt Fehler zu korrigieren, wartet die Landesregierung weiter ab und wertet ab, was Baden-Württemberg groß gemacht hat, nämlich das Prinzip der Differenzierung. Eigentlich müssten auch Sie das verstehen. Das heißt ja so etwas wie Vielfalt und Unterschiedlichkeit, nur auf höherem sprachlichen Niveau. Aber das ist wohl die Schwierigkeit. Die empirische Forschung zeigt, dass das gegliederte Schulsystem eben nicht ungerecht ist, sondern dass Leistungsorientierung erst Gerechtigkeit schafft. Dazu möchte ich Ihnen ein Buch empfehlen: „2075“ – radikale Gleichheit gegen die ungleiche Verteilung der Schönheit – „Wenn Schönheit zum Verbrechen wird“. (Heiterkeit des Abg. Anton Baron AfD) Genau das, was Sie jetzt angelegt haben, ist der Sumpf für diese dystopische Gesellschaft, die dort beschrieben wird, nämlich die Annahme, dass die Menschen durch alles Mögliche gleichgemacht werden könnten. (Zuruf des Abg. Raimund Haser CDU) In Wirklichkeit ist es so, dass differenzierte Bildungswege die durchschnittlichen Kompetenzen erhöhen. Homogene Lerngruppen ermöglichen effektiven und anspruchsvollen Unterricht. Wer diese Zusammenhänge leugnet, verwechselt soziale Gerechtigkeit mit pädagogischer Gleichmacherei. Im Übrigen müssten Sie als Lehrer doch genau das Gleiche wissen wie ich, nämlich dass es genug Schüler gibt, die sagen: „Wenn Sie mich jetzt noch einmal mit den drei Schwächsten der Klasse“ – die sagen es aber anders, das wissen Sie auch – „in eine Gruppe zwingen, dann sage ich: ,Ich habe ihnen das jetzt dreimal erklärt, und jetzt ist Schluss! Für den Unterricht sind Sie zuständig und nicht wir Schüler.‘“ Gleichmacherei führt nicht zu gleichen Chancen; sie nivelliert lediglich das Gesamtniveau nach unten. Dabei verstehen Sie natürlich, aber das wissen wir auch schon: PISA misst das Wissen und Können von 15-Jährigen, nicht den Weg zum Bildungsabschluss, sondern einfach, was die können, ähnlich wie Kompass 4 ja auch. Tatsache ist auch: Der Lehrerberuf mitsamt seiner Entwicklung ist inzwischen eine Randfigur eines ideologischen Experiments geworden, und wir haben die Folgen Ihrer Bürokratie, Ihrer Kompetenzraster, Ihrer permanenten Reformen heute schon angesprochen: Überlastung, Burn-out, zu viel Unter- (Dr. Rainer Balzer) richtsausfall, sinkende Attraktivität des Berufs, Maßnahmen zur Improvisation statt struktureller Neuerungen. Das, was Sie hier machen, ist, könnte man sagen, keine Strategie, aber vielleicht ist es ja doch eine. Auf jeden Fall ist das die chronische Realität in unserem Land. Schauen wir jetzt einmal ein bisschen genauer hin. Was ist denn heute mit der Schulabbrecherquote, und wo waren wir denn früher? Das ist doch der stille Indikator eines Scheiterns: Wenn jeder zehnte Jugendliche die Schule ohne Abschluss verlässt, dann kann man doch nicht von einem erfolgreichen System sprechen, (Beifall bei der AfD) und das in einem der wirtschaftsstärksten Länder Europas – zumindest ist Baden-Württemberg das bisher gewesen. Und diese Quote ist in den letzten zehn Jahren dramatisch angestiegen; das wissen Sie alle doch genauso gut wie ich. Das ist nicht nur ein bildungspolitisches Versagen, sondern das ist auch ein sozialpolitischer Offenbarungseid. Auch Menschen mit schwach ausgeprägten Fähigkeiten und Möglichkeiten benötigen die Möglichkeit, einen einfachen Beruf erfolgreich auszuüben. Genau diese Möglichkeit nehmen Sie diesen Leuten weg. (Beifall bei der AfD) Wer die Standards senkt, beraubt gerade die Schwächsten der Gesellschaft der Strukturen, der Führung, die sie brauchen, um ihre Fähigkeiten zu entfalten. Nun ein Wort zu Kompass 4, einem landesweiten Leistungstest. Wenn sprachliche Strukturen jetzt schlicht gestrichen werden – (Abg. Anton Baron AfD: Das ist brutal!) Relativsätze –, um Defizite zu kaschieren, ist das nicht nur didaktisch fragwürdig, sondern eine geistige Kapitulation, meine Damen und Herren. (Beifall bei der AfD) Sprache und nicht das permanente Schauen auf den Bildschirm ist das Medium des Denkens, und wer Sprachstrukturen verflacht, verhindert die Entwicklung guter Denkprozesse, auch des selbstständigen Denkens, und wer die Komplexität der Sprache verhindert, behindert sogar die geistige Entwicklung. (Beifall bei Abgeordneten der AfD) Ein Bildungssystem, das die sogenannte Bildungssprache diffamiert und aufgibt, gibt den Kern intellektueller Reife preis, und ein Land, das das Denken seiner Kinder auf Comicniveau herunterzieht, simplifiziert, verengt den eigenen Zukunftshorizont, und das in einem immer stärker werdenden, immer engeren internationalen Wettbewerb. Die Kinder und Jugendlichen in unserem Land werden im internationalen Wettbewerb scheitern. Das haben Sie zu verantworten, und zwar aufgrund dessen, was in den letzten zehn, 15 Jahren gelehrt wurde. de – 137. Sitzung – Mittwoch, 10. Dezember 2025 (Beifall bei der AfD) Was also ist zu tun? Die Lösung liegt auf der Hand: Rückkehr zur Vernunft. (Zuruf des Abg. Raimund Haser CDU) Die notwendigen Vorschläge liegen seit Jahren vor, auch von uns – das haben Sie sicher zur Kenntnis genommen –: Erstens: Rückkehr zu einer vernünftigen, verbindlichen Grundschulempfehlung, natürlich für alle Schularten. Zweitens: Stärkung der Realschule als differenzierte Mittelschule. Drittens: Abkehr von der Gleichmacherei und Rückbindung an Artikel 11 der Landesverfassung. Und natürlich viertens: eine massive und ernsthafte Sprachbildung – nicht Sprachförderung, sondern richtige Sprachbildung – statt sprachlicher Simplifizierung durch einfache, leichte Sprache, wie man es ja jetzt auch schon auf den Behördenseiten lesen kann oder sogar muss. (Abg. Dr. Timm Kern FDP/DVP: Und ganz wichtig: politische Bildung! – Gegenruf: Das hat er nicht ver- standen!) Die Stärkung des Lehrerberufs durch Entlastung und klare Strukturen gehört ebenfalls dazu. Ferner fordern wir alternativen Demokraten die Beendigung des Akademisierungswahns zugunsten berufspraktischer Bildung. (Unruhe) Meine Damen und Herren, das ist kein links- oder rechtspolitisches Programm, das ist ein Programm der Realität, und die Realität irrt nicht. An dieser werden Sie sich messen müssen. Wie lange wollen wir noch pädagogische Experimente finanzieren, deren Ergebnisse offensichtlich vorliegen? Wie lange wollen Sie die Illusion, das Senken von Standards sei soziale Gerechtigkeit, noch pflegen? Die Standards, die Niveaus setzt der Weltmarkt. Wir brauchen in der Politik deshalb auch kein Feintuning, sondern einen entschiedenen, klaren, mutigen Kurswechsel. Baden-Württemberg muss zurückfinden zur pädagogischen Rationalität, zur Differenzierung, zur Leistungsorientierung und zur geistigen Ernsthaftigkeit. (Glocke des Präsidenten)
