Erwin Köhler
Sehr geehrte Frau Präsidentin, liebe Jugendliche – wir haben uns gestern und heute gesehen –, meine sehr geehrten Kolleginnen und Kollegen! Ich möchte an dieser Stelle auch alle ehemaligen Jugendlichen im Raum herzlich begrüßen. (Heiterkeit – Vereinzelt Beifall – Abg. Thomas Pore- ski GRÜNE: Also alle!) Denn ab und zu vergessen manche, dass sie auch mal jung waren. Es ist schön, dass heute so viele da sind. Wirklich ein herzliches Willkommen an diejenigen, die jetzt hier oben sitzen! Heute geht es um euch. Ihr habt an diesen Tagen den Landtag erobert und seid auch noch mittendrin und dabei – mit Fragen, mit Ideen, mit Widerspruch. Ihr seid hier, weil ihr eure Zukunft nicht delegiert, sondern weil ihr sie selbst in die Hand nehmt. Ihr zeigt uns sehr klar, was gut läuft, was fehlt und was wir ändern müssen. Ernsthaft: Danke, dass ihr da seid. (Beifall bei den Grünen, der CDU und der SPD, Abge- ordneten der FDP/DVP sowie der Abg. Carola Wolle AfD) Was heute im Plenarsaal sichtbar wird, das ist nicht an zwei Tagen gewachsen. Das wächst das ganze Jahr über auf Jugendkonferenzen, an Schulen in ganz Baden-Württemberg, in Jugendhäusern, in Vereinen, in Verbänden und in Initiativen sowie in Kommentaren, in E-Mails und auch in Petitionen, die ihr zum Teil an uns schreibt. e – 132. Sitzung – Donnnerstag, 16. Oktober 2025 Jetzt möchte ich über Jugendpolitik und mein Selbstverständnis als jugendpolitischer Sprecher reden. Denn Jugendpolitik ist keine Nische, sie ist Querschnitt. Sie passiert zwischen Verkehrs-, Bildungs-, Klima-, Innen- und Kultur- oder auch Digital- und Gesundheitspolitik, und zwar jeden Tag, mit euch, für euch und, for real, oft nicht gut genug. Das anzusprechen ist kein Makel, sondern die Voraussetzung, um es besser zu machen. Und ja, manchmal oder viel zu oft reden Erwachsene über euch statt mich euch. In Berlin wird beispielsweise ernsthaft über eine Wehrpflicht im Losverfahren diskutiert. Ich frage mich ja schon, wer aus dieser Koalition euch denn direkt gefragt hat, was ihr davon haltet. Wer war denn in eurer Schulklasse, in der Ausbildung, im FSJ und hat da zugehört, also wirklich zugehört? Wer Entscheidungen, die euer Leben prägen, ohne euch trifft, verhält sich wie ein NPC. Das ist eine Frage des Respekts und der Klugheit. Denn Politik wird dann besser, wenn die Betroffenen in der ersten Reihe sitzen, meine Damen und Herren. (Beifall bei den Grünen) Einige waren gestern Abend in den Workshops und sind vielleicht auch heute schon unten gewesen. Es war schön, die Kolleginnen und Kollegen dort zu sehen. Ein paar Themen, die dort oder auf den regionalen Jugendkonferenzen besprochen worden sind, möchte ich jetzt gern ansprechen. Erstens: mentale Gesundheit. Viele junge Menschen berichten von einem Dauerzustand aus Leistungsdruck und Unsicherheit. Gleichzeitig prasseln über Handy und Social Media ununterbrochen Bilder und Erwartungen ein – perfekte Bodys, perfekte Lebensläufe –, dazu aber auch noch echte Sorgen – Klimakrise, Krieg, Teuerung –, Themen, die Erwachsene, also wir hier, sonst so sehr abstrakt verhandeln, die sich für Jugendliche aber sehr konkret anhören – bis in den Schlaf hinein. Checkst du?! Nicht wenige von euch tragen Verantwortung, die man vielleicht nicht gleich sieht. Manche erleben Ausgrenzungen, Rassismus, Queerfeindlichkeit oder auch Mobbing, offline und online. Viele haben seit der Pandemie das Gefühl, dass etwas Grundlegendes verrutscht ist in ihrem Alltag. Freundeskreise haben sich verändert, Lernlücken drücken, Begegnungsräume sind knapper geworden, und gleichzeitig soll alles wieder normal sein. Bodenlos, wer das einfach ignoriert. (Zuruf: „Bodenlos“!) Wichtig ist: Eine Beeinträchtigung der mentalen Gesundheit ist keine individuelle Schwäche. Es ist eine nachvollziehbare Reaktion auf eine dauerhafte Überforderung in einer Welt, die sehr laut, sehr schnell und sehr unsicher geworden ist. Politik, Schule, Jugendhilfe und Gesundheitssystem müssen genau daran gemessen werden. Zweitens: Beteiligung, die trägt. Wir haben in Baden-Württemberg starke Jugendstrukturen, von kommunalen Jugendforen bis zu Landesgremien. Meine Bitte und auch mein Auftrag ist zweigleisig: Wir vernetzen die Ebenen besser, damit Beschlüsse von Jugendgremien nicht im Posteingang hängen bleiben, und wir werten Jugendvertretungen auf mit Rechten, wie sie andere Gruppen längst haben. (Erwin Köhler) Wenn wir Baden-Württemberg-weit einen Landesseniorenrat haben – ich bin auch seniorenpolitischer Sprecher; ich will das gar nicht gegeneinander ausspielen, aber es ist ein Beispiel –, der in gewisse Verfahren der Landespolitik verlässlich eingebunden ist, dann braucht es auf Augenhöhe auch ein starkes, gut ausgestattetes landesweites Jugendgremium, meine Damen und Herren. (Beifall bei den Grünen und Abgeordneten der SPD) Drittens: Krisenfestigkeit. Die Enquetekommission „Krisenfeste Gesellschaft“ hat gezeigt: Resilienz ist mehr als Zivilschutz. Sie braucht starke soziale Netzwerke, Bildungszugang für alle, digitale Teilhabe und auch psychische Gesundheit. Die Empfehlungen der Kommission liegen vor. Das ist ein sehr umfangreicher Bericht. Aber trotzdem wissen wir, was drinsteht. Wir verfolgen die Jugendperspektive konsequent mit bei schulischen Krisenplänen und klaren Abläufen, bei psychosozialer Ersthilfe und beim Ausbau verlässlicher digitaler Infrastruktur. Dieses Land muss endlich mitbekommen, wie weitgehend die Herausforderungen sind, meine Damen und Herren. (Beifall bei den Grünen und Abgeordneten der SPD) Viertens: Zukunftsangst nehmen, ohne die Welt zu erklären. Viele von euch sagen: „Redet nicht über unsere Angst, sondern handelt.“ Wir Erwachsenen müssen die Welt nicht erklären, wir müssen Halt geben und Handlungsmöglichkeiten für euch eröffnen: bei Ausbildung und Studium, bei Wohnraum, beim ÖPNV, bei klima- und generationengerechter Finanzpolitik. Wer Planungssicherheit will, braucht verlässliche Zusagen. Deswegen setze ich mich ein für mehr Ausbildungsplätze in Zukunftsbranchen, für bezahlbaren Wohnraum. (Unruhe)
