Sandra Boser
Sehr geehrter Herr Präsident, liebe Kolleginnen und Kollegen! Zu Beginn möchte ich mit ein paar Legenden aufräumen, die hier von AfD und FDP/ DVP eingebracht wurden. Dieser Schulversuch „Lernförderliche Leistungsrückmeldung in der Grundschule“ heißt nicht, dass dort Leistung nicht bewertet würde. (Widerspruch des Abg. Dr. Timm Kern FDP/DVP) – Doch, Sie haben behauptet, dass die Schulen machen könnten, was sie wollten. Das haben Sie im ersten Teil Ihrer Rede so gesagt; wir haben es ja gerade gehört. Das ist falsch. Es gibt Vorgaben für die Schulen, in vier unterschiedlichen Kompetenzbereichen den Schülerinnen und Schülern regelmäßig Rückmeldungen zu geben. Am Ende eines Schuljahrs und zum Halbjahr werden Leistungsrückmeldungen schriftlich gegeben. Die Eltern werden regelmäßig über den Leistungsstand der Kinder informiert – und hier steckt das Wort Leistung drin: Es ist kein Wattepaket, das hier geschnürt wurde, sondern diese 43 Schulen arbeiten engmaschig mit den Eltern und mit den Schülerinnen und Schülern zusammen, um deren Lernweg zu begleiten und den Lernfortschritt darzustellen, aber auch Lerndefizite zu benennen. Es geht nicht darum, unkritisch mit Kindern umzugehen, sondern ihnen genau aufzuzeigen, wo sie stehen und wohin sie gehen können. Alles, was Sie hier anderweitig behauptet haben, ist schlichtweg falsch. (Beifall bei den Grünen und des Abg. Dr. Alexander Becker CDU – Vereinzelt Beifall bei der SPD) Ich würde mir wirklich wünschen – Herr Balzer, Sie rufen ja immer gern dazwischen, Sie seien 25 Jahre Lehrkraft gewesen; und Sie sitzen seit zehn Jahren hier im Landtag –, dass Sie auch mal wieder in eine Schule hineingehen und schauen, was in den Schulen passiert, riode – 125. Sitzung – Mittwoch, 25. Juni 2025 (Beifall bei den Grünen und der SPD sowie des Abg. Andreas Deuschle CDU) anstatt hier realitätsferne Reden zu halten. Ich war vor Kurzem in einer dieser Grundschulen, die dieses lernförderliche Leistungsrückmeldesystem haben. Die freuen sich unglaublich über die Möglichkeit, so eng mit den Kindern zusammenzuarbeiten. Sie berichten auch, dass dadurch die Kinder sehr viel selbstreflektierter sind, dass es dadurch gelingt, schon als Kind sehr viel selbstorganisierter zu arbeiten. Sie haben ja vorhin im Zusammenhang mit den Grundschulen sogar den Begriff „Jugendliche“ eingebracht. Sorry, wir reden hier von den Klassen 1 bis 4. Das sind Kinder und keine Jugendlichen. Darüber reden wir bei diesem Schulversuch. (Beifall bei Abgeordneten der Grünen und der SPD) Wenn Sie noch einmal zurückblicken: In den Grundschulen werden in Klasse 1 bisher keine Noten vergeben. Sie wollen ja wahrscheinlich in Zukunft auch in Klasse 1 Noten einführen. In Klasse 2 gibt es zum Halbjahr lediglich Noten in Deutsch und Mathematik. Neu ist tatsächlich, dass in den Klassen 3 und 4 auf Ziffernnoten verzichtet wird und dafür den Schülerinnen und Schülern diese Leistungsrückmeldung in der breiten Form, wie sie von den Kolleginnen und Kollegen hier auch dargestellt wurde, mitgegeben wird. Ich meine, dass das einen weiteren Gewinn bringt: Wir reden hier auch immer über das System des Übergangs zu den weiterführenden Schulen und die Frage, wie Eltern auf diesem Weg mit begleitet und beraten werden. Das haben wir in der Vergangenheit schon häufiger diskutiert. Ich denke, gerade hier liegt eine Chance für die Schulen, die so engmaschige Elternarbeit leisten, die regelmäßig über die Leistungen der Schülerinnen und Schüler, der Kinder im Austausch sind, weil damit auch für den Übergang in Beratungsgesprächen noch einmal sehr viel deutlicher auf das Leistungsvermögen und auf die Zukunft der Kinder eingegangen werden kann. Deswegen halte ich es für einen absoluten Gewinn, dass diese 43 Schulen das, wie es Frau Steinhülb-Joos schon sagte, mit diesem wirklich großen Aufwand durchführen. Das geht nicht einfach mal so nebenher; es ist nicht so, dass da irgendwas auf Papier geschrieben wird, wie Sie es gesagt haben, dass man da mit Standardsätzen arbeitet; nein, das ist wirklich eine sehr differenzierte Arbeit. Weil hier auch immer wieder das Thema Noten angesprochen wurde, möchte ich noch einmal auf das hinweisen, was der Herr Staatssekretär vorhin schon im Kontext der Ausbildungsreife gesagt hat. Wenn man sich wissenschaftliche Studien zu Noten anschaut, bekommt man ein heterogenes Bild, aber auch ein sehr eindeutiges Bild davon, dass in unterschiedlichen Studien immer wieder darauf hingewiesen wird, dass Noten eben wenig Vergleichbarkeit haben. Zuletzt gab es eine Studie der Universität Tübingen gemeinsam mit dem IQB an der Humboldt-Universität zu Berlin – das bezieht sich allerdings auf Neuntklässlerinnen und Neuntklässler –, in der festgestellt wird, dass selbst innerhalb einer Stadt an unterschiedlichen Schulen die Ziffernnote oftmals keine vergleichbare Aussage über die Kompetenzen der Schü- (Staatssekretärin Sandra Boser) lerinnen und Schüler trifft, sondern diese Noten teilweise aus unterschiedlichen Gründen zusammengestellt wurden. Ich denke, wir müssen uns tatsächlich darüber Gedanken machen, wie wir in Zukunft die Leistungsbemessung vornehmen. Sie haben die Arbeitgeber genannt, die hieran schon seit Langem Kritik üben. Ich nenne hier jetzt einmal den Schweizerischen Arbeitgeberverband, der dazu ein Papier herausgegeben hat, wonach es ihm unabhängig von Noten sehr viel wichtiger ist, das Leistungsvermögen der Jugendlichen zu kennen, und zwar auf schriftliche Art und Weise, dass darauf sehr viel mehr Wert gelegt wird als auf die Noten – diese Stellungnahme des Schweizerischen Arbeitgeberverbands gebe ich Ihnen gern einmal mit –; dabei wird festgestellt, dass es dazu sehr unterschiedliche Rückmeldungen gibt. In diesem Schulversuch, den wir gerade evaluieren – das ist der Grund, warum wir noch einmal neu gestartet sind mit neuen Vorgaben, mit einer engen Begleitung der Schulen; diese Evaluierung hatte beim ersten Schulversuch ja nicht stattgefunden –, findet derzeit die Auswertung des Zwischenberichts statt, beispielsweise in der Frage, wie die Schülerinnen und Schüler das empfunden haben, unter Betrachtung von Vergleichsgruppen an Schulen, an denen Noten vergeben werden, und wie die Eltern, wie die Lehrkräfte das bewerten. Darauf kommt es am Ende doch an. Letztendlich ist es keine politische Entscheidung, ob den Lehrkräften Notengebung oder aber schriftliche Lernrückmeldungen vorgegeben werden sollen, sondern richtig ist doch, dass wir den Lehrkräften pädagogische Freiheit dahin gehend geben, festzustellen: Womit bin ich mit den Kindern, mit meinen Schülerinnen und Schülern, erfolgreich? Deswegen werten wir den Schulversuch aus und werden auch schauen, wie es mit den Vergleichsgruppen ist, und werden dann entscheiden, wie es mit dem Schulversuch nach dem kommenden Schuljahr weitergeht. (Beifall bei Abgeordneten der Grünen) Aber das Erste, wovon ich zum Schulversuch berichten kann, sind sehr positive Rückmeldungen. Wir werden daran festhalten, (Abg. Anton Baron AfD: Die IQB-Studie war offen- bar auch positiv!) die Schulen dabei zu unterstützen, und zwar auch in ihrer Heterogenität. Schluss: eriode – 125. Sitzung – Mittwoch, 25. Juni 2025 Eines noch, weil dies vorhin auch angesprochen wurde: Wir reden hier von 43 Grundschulen von 2 000 im Land. Wir haben also in Baden-Württemberg nicht, wie Sie es so gern darstellen, die Grundschule ohne Noten eingeführt, sondern wir haben 43 Schulen in Form eines Modells die Möglichkeit gegeben, leistungsförderliche Lernrückmeldungen zu geben und damit auf Ziffernnoten zu verzichten. Das bedeutet – dies als Schlusssatz – natürlich nicht, dass vor dem Übergang auf weiterführende Schulen keine Übergangsempfehlungen gegeben werden. NAVi 4 wird dort genauso angewendet wie in anderen Bereichen auch: Es gibt die vier Kompetenzen, die erfüllt werden müssen und aus denen dann auch Noten abgeleitet werden können. Bevor hier neue Legenden entstehen: Auch diese Schulen müssen am Ende Übergangsgespräche führen und eine Grundschulempfehlung aussprechen – die wieder verbindlicher ist als in den Jahren zuvor. Herzlichen Dank. (Beifall bei den Grünen und Abgeordneten der CDU)
