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Alena Fink-Trauschel

FDP 25.06.2025 Sitzungen 17/125

Sehr geehrter Herr Präsident, meine Damen und Herren! Die AfD sorgt sich heute um die Ausbildungsreife der Schülerinnen und Schüler in unserem Land. Das klingt zunächst einmal nach einem ernsthaften Anliegen. Doch bei genauerem Hinschauen erkennen wir: Hier geht es weniger um Lösungen als vielmehr um Stimmungsmache, um das nächste Kapitel im bekannten Drehbuch „Früher war alles besser, heute ist alles verloren“. Aber das ist nicht nur falsch, es ist vor allem bequem. (Beifall bei der FDP/DVP – Vereinzelt Beifall bei den Grünen und der CDU – Zuruf von der CDU: Genau!) Denn wer den Finger ständig auf Probleme richtet, aber nie Verantwortung übernimmt, der betreibt keine Politik, sondern er betreibt Populismus auf Kosten der nächsten Generation. (Beifall bei der FDP/DVP – Abg. Anton Baron AfD: Die FDP hat doch auf Bundesebene bewiesen, dass sie es nicht kann! – Weitere Zurufe von der AfD, u. a.: Wer regiert denn?) Dabei ist das Thema ein ernstes. Fast jede zweite Firma in Baden-Württemberg findet keine geeigneten Auszubildenden. Drei von vier Unternehmen klagen über fehlende Kompetenzen in Sprache, Rechnen oder Sozialverhalten. In manchen Regionen hat jeder Dritte über 15 keinen beruflichen Abschluss. Gleichzeitig werden fast ein Drittel aller Ausbildungsverhältnisse vorzeitig gelöst – häufig wegen unrealistischer Vorstellungen, aber auch wegen mangelnder Begleitung. Wir haben also eine doppelte Herausforderung: Einerseits fehlt es Jugendlichen an Grundlagen, an sogenannten Basiskompetenzen, andererseits fehlt es uns, der Gesellschaft, an einer klaren Haltung zur beruflichen Bildung. Es reicht nicht, mit dem Finger auf junge Menschen zu zeigen, wir müssen ihnen auch den Weg zeigen. (Beifall bei der FDP/DVP) Und dieser Weg beginnt nicht erst in der Berufsschule, sondern er beginnt in der Grundschule. Wenn Kinder dort nicht lernen, sich selbst zu organisieren, Verantwortung zu übernehmen, mit Rückschlägen umzugehen, dann bleibt das für das spätere Leben ein Rucksack, den sie durch alle Bildungswege tragen. Pünktlichkeit, Konzentration, Resilienz, das sind keine Selbstverständlichkeiten, es sind Fähigkeiten, die man trainieren muss. Und dazu braucht es mehr als gute Lehrpläne; dazu braucht es Schulsozialarbeiter, Schulpsychologen, starke außerschulische Partner – und ja, es braucht auch ein realistisches und ehrliches Feedbacksystem. Doch genau das untergräbt die AfD mit ihrer Erzählung. Da wird so getan, als hätte früher jeder perfekt schreiben, rechnen oder parieren können, als wäre die Welt der 1950er-Jahriode – 125. Sitzung – Mittwoch, 25. Juni 2025 re ein Idealzustand gewesen. Aber ich frage Sie: Wer damals auf dem Bau gearbeitet hat, wurde doch selten danach gefragt, ob er Goethe interpretieren kann, oder? Wer im Haushalt einer Familie gearbeitet hat, brauchte oftmals gar keinen Abschluss. Die Anforderungen an junge Menschen haben sich verändert – und damit auch unser Bildungsauftrag. Deshalb sagen wir Freien Demokraten: Wir brauchen mehr Orientierung, mehr Unterstützung, mehr Pragmatismus. Wir müssen es mit der Gleichwertigkeit beruflicher und akademischer Bildung endlich ernst meinen, nicht nur in Sonntagsreden, sondern in puncto Struktur, Finanzierung und Anerkennung. (Abg. Anton Baron AfD: Das ist keine Sonntagsre- de!) Denn solange der Satz gilt: „Mach was Richtiges, studiere!“, solange Berufsausbildung als Plan B gilt, so lange werden wir das volle Potenzial nicht ausschöpfen. (Beifall bei der FDP/DVP – Vereinzelt Beifall bei den Grünen und der CDU) Ich möchte ein Beispiel geben: In Baden-Württemberg bestehen über 92 % der Azubis ihre Abschlussprüfung. Das ist bundesweit spitze. Trotzdem: Es verlassen fast 19 % die beruflichen Schulen ohne Abschluss. Genau diese Lücke zeigt: Die jungen Menschen können sehr wohl, wenn wir sie richtig begleiten – aber eben nicht alle zur gleichen Zeit, im gleichen Tempo, nach dem gleichen Schema. Was wir brauchen, ist kein pauschales Urteil über ganze Jahrgänge, sondern differenzierte Förderung, echte Berufsorientierung, mehr Flexibilität und vor allem mehr Vertrauen. Jetzt komme ich zu dem vielleicht unbequemsten Punkt: Nicht alle Ausbildungsabbrüche sind Ausdruck des Scheiterns. Manche sind auch ein Zeichen von Reife, nämlich der Reife, die nötig ist, um zu erkennen: Das war der falsche Weg. Wir müssen Jugendlichen ermöglichen, Erfahrungen zu machen, sich auszuprobieren, ohne dass jeder Umweg gleich als Makel gilt. (Beifall bei der FDP/DVP sowie Abgeordneten der Grünen und der CDU – Zuruf von der AfD) Die AfD fordert Ausbildungsreife. Meine Rückfrage an Sie: Wie steht es um die Demokratiereife von Ihnen als Antragsteller? (Zurufe von der AfD, u. a. Abg. Dr. Rainer Balzer: Sehr gut steht es damit!) Denn wer junge Menschen nur dann lobt (Zuruf von der AfD) – jetzt hören Sie doch erst mal zu! –, wenn sie gehorchen, sich anpassen und nicht auffallen, der hat nicht verstanden, worum es bei Bildung wirklich geht. (Beifall bei der FDP/DVP und den Grünen – Verein- zelt Beifall bei der CDU und der SPD) Bildung soll nicht normieren, sondern befähigen. (Abg. Dr. Timm Kern FDP/DVP: Sehr richtig!) (Alena Fink-Trauschel) Meine Damen und Herren, wer junge Menschen bloß als Problem beschreibt, wird niemals Lösungen finden. Wir hingegen sehen ihre Potenziale. Wir sagen: Gebt ihnen nicht nur Noten, gebt ihnen Chancen, gebt ihnen Unterstützung und gebt ihnen das Gefühl, gebraucht zu werden. Mein Fazit lautet deshalb: Ausbildungsreife entsteht nicht durch wohlfeile Phrasen in irgendwelchen Anträgen, sondern durch eine Politik, die vorbereitet, begleitet und Vertrauen schenkt. Wir müssen handeln und nicht belehren. Herzlichen Dank. (Beifall bei der FDP/DVP – Abg. Dr. Timm Kern FDP/DVP: Bravo! – Abg. Hans-Peter Hörner AfD: Zweite Runde!)

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