Raimund Haser
Sehr geehrte Frau Präsidentin, liebe Kolleginnen und Kollegen! Baden-Württemberg ist in vielem spitze, nicht nur, aber auch auf dem Land. Kaum ein anderes Bundesland hat eine solche Vielfalt an landwirtschaftlichen Erzeugnissen. Wie das Ganze funktioniert, möchte ich Ihnen herkunftsbedingt mal an der Milchwirtschaft erläutern. Stand heute gibt es 5 000 Milchviehbetriebe, die rund 300 000 Milchkühe halten. Die Milchwirtschaft ist für 11 Milliarden € Produktionswert verantwortlich. Das sind 41,2 % der tierischen Erzeugnisse und 18,9 % aller landwirtschaftlichen Erzeugnisse. Wenn die Familie Geyer-Fäßler morgens in den Stall geht und ihre 55 Milchkühe versorgt, (Zuruf: Bio!) dann geht die Biomilch nur 5 km weit entfernt in die Biokäserei Leupolz. Dort erzeugter Käse macht Eiweiß und Fett haltbar. Seit Tausenden Jahren entsteht damit ein nachhaltiges Produkt, das nicht wie z. B. Frischmilch unmittelbar verzehrt werden muss. (Beifall bei der CDU) So weit, so gut. (Abg. Dr. Christian Jung FDP/DVP: Da bekommt man richtig Hunger!) iode – 124. Sitzung – Donnerstag, 22. Mai 2025 Ganz nebenbei bietet die Molkerei natürlich auch noch viele Arbeitsplätze. Von der Milchwirtschaft kann man in der Kreislaufwirtschaft und bei der Effizienz viel lernen. Um Kosten zu optimieren und um zusätzliche Erträge zu erwirtschaften, wird seit jeher jeder Halm in der Landwirtschaft zweimal umgedreht. Deswegen geht es bei Milch und Käse eben nicht nur um Milch und Käse, sondern es geht z. B. auch um Molke, ein Produkt, das man früher als Abfall weggeworfen oder den Sauen verfüttert hat. Daraus wird heute bei der Firma MILEI in Leutkirch im Allgäu hundertprozentiges Eiweiß für die Lebensmittel- und die Arzneimittelindustrie hergestellt. Selbst aus der Gülle machen wir noch etwas, nämlich Wärme und Energie. (Zuruf von der AfD: Jetzt!) Wenn wir in diesem Land nur in allem so effizient wären wie in der Landwirtschaft! (Beifall bei der CDU) Insbesondere am Schluss der Kaskade, bei der Biogastechnik, ist jedoch extrem viel in Unordnung geraten. Das Entlastungspaket der noch alten Bundesregierung unter Zustimmung der CDU im Januar war hilfreich, ist es aber nur dann, wenn man als Betreiber bereit ist, in zusätzliche Motorleistung zu investieren, und sich auf ein Mengenmodell einlässt, das wirtschaftlich wenig Spielraum lässt. Das kommt nicht auf jedem Hof infrage. Also warten viele auf ein neues Paket, und das tun wir im Land auch. Warum ist Biogas so wichtig? Biogas ist direkter Klimaschutz. Schon heute werden in Deutschland jährlich 20 Millionen t CO eingespart. Das ist so viel, wie acht Millionen Pkws jedes Jahr ausstoßen. Warum glauben wir an Biogas? Erstens, weil die Anlagen schon da sind. Mit dem Erneuerbare-Energien-Gesetz im Jahr 2000 begann der Aufschwung der Biogasbranche. Ausgehend von 1 050 Biogasanlagen im Jahr 2000 hat sich die Anlagenzahl bis 2012 auf 7 500 versiebenfacht, und heute werden 10 000 Mal in Deutschland Güllereststoffe, landwirtschaftliche Nebenprodukte und Energiepflanzen energetisch verwertet. Diese Anlagen sind für 13 % der erneuerbaren Stromerzeugung und für 5,7 % der Bruttostromerzeugung verantwortlich. (Beifall bei der CDU) Wir sind damit nicht allein. Die anderen haben uns aber teilweise sogar schon überholt. Dänemark gilt inzwischen als Modellland für Biogas. Ende 2021 entsprach die ins Gasnetz eingespeiste Biogasmenge in Dänemark 25 % des Gasverbrauchs. Bis 2030 sollen es 75 % sein, und 2034 sollen es 100 % sein. Die Biogasbranche in Frankreich wächst dynamisch, und Italien hat mehr als 2 000 Biogasanlagen in der Po-Ebene. Warum? Weil man 2022 ein Förderprogramm gestartet hat mit 1,7 Milliarden € für neue Biomethananlagen, vor allem um Biogas ins Erdgasnetz einzuspeisen und als CNG im Verkehrssektor zu nutzen. Wie bei vielen anderen erneuerbaren Energien ist auch hier China spitze. China hat mehr als 100 000 Biogasanlagen, und in den USA verlagert sich der Biogassektor im Moment ebenfalls Richtung Natural (Raimund Haser) Gas, RNG für das Erdgasnetz als Treibstoff. Der Bundesstaat Kalifornien verlangt eine Methanemissionsreduktion aus der Viehwirtschaft von 40 % bis 2030. Das ist ein Booster für die Landwirtschaft. Sie sehen, es wird weltweit gebaut und geforscht. Das sollte auch uns in Deutschland und in Baden-Württemberg Antrieb sein. (Beifall bei der CDU und des Abg. Dr. Rainer Balzer AfD – Vereinzelt Beifall bei den Grünen) Das ist auch deswegen wichtig, weil die technische Entwicklung nicht ausgereift ist, was viele leider glauben. Im Moment erzeugen wir in Deutschland jährlich rund 95 TWh Biogasenergie, davon gehen 85 TWh vor Ort in Strom und Wärme und im Moment nur 10 TWh Biomethan ins Netz. Moderne Biogasaufbereitung kann aber mehr. Membranverfahren, Druckwäsche oder PSA können inzwischen kostengünstiger auch in mittleren Anlagen eingesetzt werden. Biogas kann direkt in Fermenter oder in einem Speicher nebenan gespeichert werden. So fahren viele Anlagen heute auch flexibel. Sie speichern Gas und erzeugen Strom zu Bedarfsund Preisspitzen anstatt rund um die Uhr. In Baden-Württemberg machen wir das auch. Allerdings verlangt das nach einer bestimmten Größe der Anlagen. Diese Größe ist genehmigungstechnisch zu einem Monstrum herangewachsen. Angefangen bei der Störfall-Verordnung über das Immissionsrecht bis zur Dokumentation ist das für einen Betreiber, der nicht nur am Schreibtisch sitzen will, kaum mehr zumutbar. Darüber hinaus plagen die Landwirte z. B. die Gasnetzzugangsverordnung, der Maisdeckel oder die Mengendeckelung – leider auch in dem Paket, das wir im Januar im Bundestag gesehen haben. Dabei hilft uns das Biogas ja bei der Sektorenkopplung. In einer neuen Biogasanlage, kombiniert mit einem großen Wärmespeicher mit einer mehrfachen Überbauung, wird z. B. in Leutkirch im Allgäu wahlweise Wärme und/oder Strom bereitgestellt, je nachdem, wie sich die Strompreise an der Börse entwickeln. Wenige Kilometer entfernt speist eine rein auf Lebensmittelreste spezialisierte Anlage schon heute CH ins Gasnetz ein und betankt die Lkws. Auf der anderen Seite des Landkreises Ravensburg fährt der erste rein elektrische Bus mit Range Extender, der im Kreislauf zu 100 % klimaneutral, flexibel und zudem bezahlbar ist. Aber in diesem gleichen Landkreis gibt es eben auch viele Anlagenbetreiber, die um ihre Existenz fürchten, weil für sie noch keine Lösung bereit ist. Da bitten wir auch die Bundesregierung, dieses Thema in der Kraftwerksstrategie tatsächlich mit zu berücksichtigen. (Beifall bei der CDU und Abgeordneten der Grünen) Was brauchen wir? Wir brauchen, um diese Methanisierung voranzutreiben, ein Bekenntnis zu unserem bestehenden Gasnetz – und nicht nur deswegen. Es mag sein, dass dort, wo Wärmeleitungen flächendeckend gebaut werden, hier und da eine Aufgabe des Netzes in einzelnen Siedlungen vonnöten ist. Ich denke, auch das ist es, was sich die MVV in Mannheim dabei gedacht hat. Aber das ist keine Blaupause fürs Land. eriode – 124. Sitzung – Donnerstag, 22. Mai 2025 Das baden-württembergische Gasnetz ist jung. Es ist eben nicht marode. Es ist weitverzweigt. Es ist ein Riesenspeicher. Es kann eben nicht nur Erdgas, sondern jede Form von CH aufnehmen. (Beifall bei der CDU – Vereinzelt Beifall bei den Grünen) Zweitens brauchen wir einen differenzierten Blick auf die Energiequelle. Die Substrate, abgesehen von extra angebautem Mais, sind Abfallprodukte der Tierhaltung. Sie sind keine Energiepflanzen, sondern sie fallen sowieso an. Jede Tonne Gülle, die vergoren wird, ist ein doppelter Gewinn: Wir gewinnen daraus Energie und wir verhindern, dass Methan unkontrolliert in die Atmosphäre gelangt. Bei Gülle spricht man oft von Klimaschutz aus dem Kuhstall. Genau das ist es, was dort passiert. Aber seien wir ehrlich: Ein völliger Verzicht auf Kulturen wie Mais würde in Deutschland derzeit bedeuten, dass viele Biogasanlagen drastisch weniger Gas produzieren könnten. Wir haben nun einmal nicht überall genug Abfallsubstrate. Wir brauchen also einen Substratmix: so viel Gülle und Abfall wie möglich, ergänzt durch nachhaltige Anbaumasse – dort, wo es sinnvoll ist. (Beifall des Abg. Arnulf Freiherr von Eyb CDU) Nachhaltig heißt: keine Lebensmittelkonkurrenz, Förderung der Biodiversität und eine geringe Umweltbelastung. (Beifall bei der CDU und Abgeordneten der Grünen) Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich entschuldige mich aufrichtig für meine offensichtliche Begeisterungsfähigkeit für dieses Thema. (Heiterkeit bei Abgeordneten der Grünen) Sie mag aber daran liegen, dass ich in meiner unmittelbaren Nachbarschaft täglich sehe, was diese im Grunde genommen sehr einfache Technik leisten kann. (Zuruf des Abg. Ulli Hockenberger CDU) Biogas bietet Chancen auf vielen Ebenen. Wir haben in Deutschland eine einzigartige Ausgangsposition: Know-how, Anlagenbestand, Akzeptanz, Unternehmen und Umsetzung in vielen Gemeinden. Ja, wir haben – im Gegensatz zu vielen anderen Energien – eben auch die Rohstoffbasis. Es liegt an uns, diese Chancen zu ergreifen. In diesem Sinn bedanke ich mich für die Aufmerksamkeit. Ich bin gespannt, was Sie dazu beitragen können, und danke Ihnen fürs Zuhören. (Beifall bei der CDU und Abgeordneten der Grünen – Vereinzelt Beifall bei der SPD)
