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Katrin Steinhülb-Joos

SPD 29.01.2025 Sitzungen 17/114

Sehr geehrter Herr Präsident, meine Damen und Herren! Liebe Frau Schopper, Sie haben hier sehr viel ausgeführt. Wo bleibt aber die Praxis? Der Entwurf zur Änderung des Schulgesetzes mit 225 Seiten ist ein Riesenpaket und die größte Änderung seit 1983. Sie geht jedoch an den Sekundarschulen völlig vorbei. Sie geht an den Bedarfen der Schulen vorbei. Sie sprechen dabei von einer Zäsur. Ich frage mich ernsthaft: Wo ist der Mut geblieben, um zusammen mit den demokratischen Parteien eine echte Bildungsreform aufs Gleis zu setzen? (Beifall bei der SPD – Abg. Andreas Schwarz GRÜ- NE: Hallo!) Fragen Sie doch tatsächlich einmal nach, was die Schulen brauchen. Sprechen Sie mit den Schulleitungen, mit den Schulen und mit den Lehrkräften. Ich habe Gespräche und Telefonate geführt, war in den Schulen und kenne es aus meiner eigenen Praxis als Schulleiterin: Für die tagtäglichen Herausforderungen im Klassenzimmer braucht es bei dem vielen Unterrichtsausfall Unterstützung. Es braucht Krankheitsstellvertretungskräfte. Es braucht Maßnahmen. Es braucht viel mehr Personen in den Schulen. Es braucht Unterstützung durch Schulpsychologinnen und -psychologen und es braucht Schulsozialarbeit. (Abg. Anton Baron AfD: Eijeijei!) Es braucht multiprofessionelle Teams. Das alles ist jetzt überhaupt nicht gewährleistet. Und Sie sprechen immer wieder davon, dass die Kinder nicht mehr nur die Rücklichter sehen sollen. riode – 114. Sitzung – Mittwoch, 29. Januar 2025 Was tun Sie? Sie lernen nicht aus den Erfahrungen. Wenn ich auf die Covid-Situation zurückblicke, stelle ich fest, dass wir damals z. B. bei den Vergleichsarbeiten in Klasse 8 bessere Ergebnisse als davor und danach erzielt haben. Warum? Ganz einfach: Die Gruppen wurden geteilt, und es wurde ermöglicht, sich mit den Schülerinnen und Schülern zugewandter zu beschäftigen, sie besser zu fördern, um sie auf ein Mindestniveau zu bekommen und damit sie bessere Leistungen erzielen. Leider wird aus diesen Erkenntnissen nicht gelernt. (Beifall bei der SPD) Alle haben das Recht auf beste Bildung. Wir dürfen auf der Strecke niemanden verlieren. Wir dürfen – allein schon in Anbetracht des großen Fachkräftemangels – keine Schülerin und keinen Schüler zurücklassen. Wenn wir unsere Zahlen anschauen, sehen wir, dass 2023 7 000 Schülerinnen und Schüler die Schule ohne Hauptschulabschluss verlassen haben. Das sind doch Alarmsignale, die wir ernst nehmen müssen. (Beifall bei der SPD) Es gibt noch weitere gewichtigere Stimmen. Unlängst fand eine Podiumsdiskussion der „Stuttgarter Zeitung“ statt. Dort äußerte sich die Bildungsbürgermeisterin Isabel Fezer folgendermaßen – Zitat –: Ich hoffte auf eine ordentliche Schulgesetznovelle. Doch es ist nun komplizierter als davor. Sie plädiert entgegen der Position ihrer eigenen Partei, der FDP, für ein zweigliedriges Schulsystem. Sie plädiert dafür, dass diese zwei Säulen gleichberechtigt ausgestattet werden. Diese Frau steht seit 15 Jahren in der Praxis. Das muss doch zu denken geben. (Beifall bei der SPD – Abg. Dr. Timm Kern FDP/ DVP: Ich wusste nicht, dass sie unterrichtet! – Ge- genruf des Abg. Thomas Poreski GRÜNE) Ganz viel Widerspruch gab es tatsächlich bei der Abschaffung des Werkrealschulabschlusses. Ohne Not wurde dieser Abschluss abgeschafft; dies macht die Werkrealschule jetzt wenig attraktiv. Es wurde keine Möglichkeit, kein Zeitfenster eingeräumt, sich z. B. zu einer Gemeinschaftsschule weiterzuentwickeln. Auch hier wurde einiges versäumt. Auch die Orientierungsstufe in der Realschule muss angeschaut werden; auch dazu haben wir einen Änderungsantrag eingebracht. Der Flickenteppich, den Sie hier geschaffen haben, zergliedert das Schulsystem noch mehr und ist gänzlich ungeeignet, die Probleme im Bildungswesen tatsächlich zu lösen. Richtig Tempo haben Sie mit der verbindlichen Grundschulempfehlung gemacht. Dasselbe Tempo hätte ich mir bei der Unterstützung der Schulen vor Ort gewünscht. Kompass 4 lief schlecht; wir haben es schon mehrfach gehört. Es war überstürzt, nicht durchdacht, noch nicht einmal vom Landtag beschlossen und beinhaltete viel zu viele Aufgaben für die Kinder. Sie sollten zehn Seiten in 45 Minuten bearbeiten. Das hat 90 Sekunden pro Aufgabe bedeutet. Das ist viel unnötiger Druck für die Kinder. Druck und Frust haben die Matheaufgaben hinterlassen. (Katrin Steinhülb-Joos) Wenn ich die Aufgaben anschaue, stelle ich fest, dass wir damit ein Diagnoseinstrument haben, das als Entscheidungsinstrument genutzt wurde. Im Gespräch mit der Wissenschaft wurde mir deutlich, dass viel zu wenig Zeit für die Erprobungsphase dieser Art von Tests aufgewandt wurde. Man braucht laut Wissenschaft für die Pilotierung, die empirische Überprüfung und die Normierung mindestens zweieinhalb Jahre. Letztes Jahr wurde pilotiert. Das heißt, wir werden auch im nächsten Jahr noch keinen brauchbaren Test haben. Zur Verlässlichkeit liegen auch andere wissenschaftliche Aussagen vor. Es gibt keine prognostizierbare Validität. Wir haben an den Gymnasien Kinder ohne eine entsprechende Grundschulempfehlung, die aber am Gymnasium bestens bestehen, und wir haben Kinder, die eine Gymnasialempfehlung hatten, aber das Gymnasium verlassen müssen.

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