Dr. Rainer Balzer
Sehr geehrte Frau Präsidentin, sehr geehrte Damen und Herren Kollegen Abgeordnete! Bei den Reden der CDU und der Grünen darf man schon einmal fragen: Sind Sie eigentlich tatsächlich noch in einer Koalition, zumindest was dieses Thema betrifft? (Heiterkeit bei Abgeordneten der AfD – Beifall der Abg. Anton Baron und Rüdiger Klos AfD) Aber das wird sicherlich bejaht werden. Die SPD hat im Finanzausschuss den Antrag auf ein Moratorium eingebracht. Das ist immer schön, Nachdenken ist immer gut. Aber beim Nachdenken sollte dann auch etwas herauskommen. (Abg. Anton Baron AfD: So ist es!) Über einen Neubau mit einem Abriss oder einer Abtragung des Königin-Katharina-Stift Gymnasiums ist ja auch schon lang und breit diskutiert worden. Insofern muss man schon fragen: Was soll bei dem Moratorium eigentlich herauskommen? Dass das Gebäude sanierungsbedürftig ist, ist bekannt, dass einzelne Wände zentimeterweise abgesackt sind, ist auch bekannt. Ich weiß nicht, ob Sie neue Erkenntnisse, neue Gutachten haben oder solche kostenträchtig herbeischaffen wollen; das werden wir dann ja sehen. Ich meine, bei Licht betrachtet – dabei ist natürlich auch viel Fantasie, aber das erlaube ich mir jetzt an dieser Stelle; der Kollege von der FDP/DVP hat ja auch in der klassischen Form des Dramas gesprochen – hätte man Stuttgart 21 so konzipieren sollen, dass der neue Bahnhof dort ist, wo er hingehört, nämlich in der Nähe des Flughafens, und die Stadt mit einer S-Bahn angebunden wird. Auf diesem Gelände hätte man dann ein neues Opernhaus – Vorbild Sydney oder dergleichen – bauen können. (Abg. Daniel Lede Abal GRÜNE: Ihnen ist der Stadt- plan verloren gegangen!) Aber das kommt mir gerade so vor, als wenn es Wasser in leeren Kannen wäre. Deswegen sind wir hier streng genommen nicht in der Kunst – – (Zuruf: Stuttgart 23! – Zuruf des Abg. Manuel Hagel CDU) – Ich glaube, dieser Kommentar war jetzt aber echt daneben; denn Sie waren in der Zeit, als der Umbau des Bahnhofs entschieden worden ist, glaube ich, noch nicht im Parlament. (Abg. Daniel Lede Abal GRÜNE: Sie waren damals auch nicht da, übrigens!) Aber Sie kennen Herrn Späth vielleicht noch. Damals ist das entschieden worden. (Beifall bei der AfD – Abg. Manuel Hagel CDU: Ah! – Zuruf des Abg. Daniel Lede Abal GRÜNE) Streng genommen sind wir hier also nicht in der Kunst und auch nicht im Theater, sondern im Bereich Denkmalschutz. Da muss man halt wissen: Der Littmann-Bau ist eines der schönsten Opernhäuser in Deutschland. Wir sollten dankbar e – 110. Sitzung – Donnerstag, 12. Dezember 2024 sein, dass er im Zweiten Weltkrieg von Beschädigungen verschont geblieben ist. Wir sollten ihn so erhalten, dass er so genutzt werden kann, wie es seiner Bedeutung entspricht. Wir haben hier in Stuttgart ein Opernhaus von Weltrang, vor allem haben wir eine Ballettkompanie mit Weltrang. Dafür sind wir diesen Leuten optimale Arbeitsbedingungen schuldig. Punkt! (Beifall bei der AfD) Natürlich, wenn es zwischendurch atmosphärische Störungen gibt – die gibt es im künstlerischen Bereich leicht und gern –, dann ist die Notwendigkeit eines Wechsels des Intendanten gegeben. Angesichts der „Sancta“-Performance, in der Symbole des Christentums besudelt und religiöse Gefühle beleidigt wurden, frage ich Sie von der Landesregierung: Wollen Sie das wirklich? (Abg. Erwin Köhler GRÜNE: Kunstfreiheit! – Gegen- ruf des Abg. Hermann Katzenstein GRÜNE: Kunst- freiheit, genau!) – Ich werde das Thema Kunstfreiheit extra für Sie, lieber Herr Köhler, erklären; denn hier scheinen mir grundsätzliche Defizite vorzuliegen. (Heiterkeit und Beifall bei der AfD – Abg. Erwin Köhler GRÜNE: Bei Ihnen!) Ich frage mich auch, ob Sie sich getraut hätten, bei islamischen Symbolen ähnlich vorzugehen – nur mal so am Rande. Wenn religiöse Gruppen gegeneinander ausgespielt werden – hier: Atheisten gegen Christen –, dann erfüllt das, streng betrachtet, den Tatbestand der Volksverhetzung. Da frage ich mich wiederum, ob eine grüne Landesregierung sich daran wirklich ernsthaft beteiligen möchte. (Beifall bei der AfD) Seitdem die Grünen in Baden-Württemberg am Wirken sind und die Landesregierung stellen, beschädigen sie das Kulturleben. In Karlsruhe hat Frau Theresia Bauer dem Theater den Intendanten Spuhler aufoktroyiert. Die Folgen sind bekannt: ein verärgertes Publikum, verbrannte Erde. Eine dicke Abfindung müssen wir jetzt auch noch zahlen. Hier in Stuttgart wurde Jossi Wieler berufen. Er hat es geschafft, die Abonnentenzahl zu halbieren. Der Nachfolger Viktor Schoner schien auf besserem Weg zu sein, bis zu seiner Vertragsverlängerung 2021. Auch das Engagement von Frau Florentina Holzinger war wohl ein Fehlgriff. Solch eine Personalpolitik an staatlich finanzierten Bühnen würde es mit der AfD nicht geben. (Beifall bei der AfD – Abg. Hermann Katzenstein GRÜNE: Oha!) – „Oha“, ja. Schreiben Sie es sich ruhig auf. (Zuruf des Abg. Daniel Lede Abal GRÜNE) (Dr. Rainer Balzer) In der SPD ist man da eher kleinkariert und nicht sehr mutig unterwegs. Denn ich frage an dieser Stelle auch: Ist in der heutigen Zeit der Deindustrialisierung und des Arbeitsplatzabbaus, der gezielten Verarmung des Mittelstands – das typische Publikum für ein solches Theater – eine Sanierung in diesem Umfang überhaupt erforderlich? Das fragt sich sicherlich auch so mancher Zeitgenosse. Ganz zufällig fällt der SPD jetzt auf, dass die Opernrenovierung teuer, zu teuer wird – ganz zufällig, nachdem Frau Holzinger mit nackten Frauen und anderen unschönen Szenen inszeniert hat. (Lachen des Abg. Dr. Alexander Becker CDU) Besteht hier möglicherweise ein Zusammenhang? (Lachen bei Abgeordneten der SPD – Zurufe: Nein!) – Sie kratzen sich ja schon am Kopf. Also vielleicht doch. Zur grundsätzlich garantierten Freiheit der Kunst: Sie ist frei, natürlich ist sie frei. Sie ist so frei, dass jeder Künstler auf der grünen Wiese machen kann, was er will. Aber wenn der Steuerzahler dafür aufkommen muss oder soll, dann haben die benannten Provokationen sicherlich Grenzen, (Abg. Erwin Köhler GRÜNE: Es war ausverkauft!) Grenzen des zivilisatorischen Niveaus und des guten Geschmacks. – Lieber Herr Köhler, zum Thema „Ausverkauft“ werde ich auch noch Stellung beziehen. Hören Sie ruhig gut zu! (Abg. Erwin Köhler GRÜNE: Gucken Sie mal auf die Uhr! – Zuruf des Abg. Hermann Katzenstein GRÜNE) Wenn der Steuerzahler mit vielen Millionen Euro den regulären Betrieb bezahlt bzw. subventioniert und wenn er jetzt auch noch 1 Milliarde € – es scheint inzwischen noch mehr zu sein – bezahlen soll, dann darf er auch Anforderungen an die Aufführung und deren Qualität stellen. (Beifall bei der AfD) Das Publikum soll gern in die Oper gehen, ohne angewidert zu werden. Im Übrigen sei erwähnt: Es arbeiten über 1 000 Menschen im Opernhaus, und die meisten machen mit viel Engagement gute Arbeit. Was unter dem Titel „Sancta“ gezeigt wurde, hat aber mit künstlerischer Qualität – die Qualität, die die Freiheit benötigt und verdient hat – absolut nichts zu tun. (Beifall bei der AfD) Wir leben in einer Dienstleistungsgesellschaft. Jeder tut seinen Dienst am Bürger: Der Bäcker backt, der Arzt operiert, der Volksvertreter vertritt die Interessen der Bürger – wir wollen es jedenfalls mal annehmen –, und die Angestellten des Staatstheaters bereiten den Besuchern einen angenehmen Abend – zumindest erwartet der Besucher das. (Abg. Petra Krebs GRÜNE: Nein!) de – 110. Sitzung – Donnerstag, 12. Dezember 2024 Wenn jemand „Carmen“ von Bizet sehen möchte, dann möchte er eine schöne Carmen mit einer wunderbaren Stimme erleben und berühmte Melodien hören. Wenn ich „Macbeth“ hören möchte, suche ich das Original von Shakespeare und keine drittklassige Interpretation. Punkt! (Zurufe von den Grünen, u. a. Abg. Daniela Evers: Sie beleidigen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter! – Gegenruf des Abg. Dr. Uwe Hellstern AfD: Nein, Sie!) Was ist Kunst? Wem dient das Bearbeiten klassischer Stoffe? Besser wäre es, neue, eigene, gute, moderne Entwürfe zu produzieren. Zu oft – das merke ich ja an Ihrer Reaktion – wird Kunst auf die gesellschaftliche Aussage reduziert. Natürlich hat Gesellschaftskritik durchaus ihre Berechtigung; das ist doch sonnenklar. Am besten überlassen wir das aber denen, die dies finanzieren. Es ist sicherlich nicht die Aufgabe des Steuerzahlers. (Abg. Dr. Dorothea Kliche-Behnke SPD: Was ist denn das für ein Verständnis?) Sehr geehrte Damen und Herren, es gibt konservative Kunstliebhaber wie das von den Grünen eher geschmähte spießige Bürgertum, die gern in die Oper, das Konzert oder in das Ballett gehen – wenn es denn positiv anschaubar wäre. Für solche anspruchsvollen Inszenierungen stehen wir. (Beifall bei der AfD – Lachen bei der SPD – Abg. Martin Rivoir SPD: Das ist das Drama zur Komödie!) Zu „Sancta“: Aus Ihrer Sicht hat die Regisseurin vieles richtig gemacht. Jeder redet darüber. Die Medien haben darüber berichtet. Sogar das Fernsehen hat darüber berichtet, und die „Bild“-Zeitung hat darüber geschrieben. Auch die Proteste tragen zur Erhöhung des Bekanntheitsgrads bei. Wenn man das als Ziel ansetzt, ist das irgendwo auch richtig. Aber längerfristig wird das Publikum vergrault. Und die Besucherzahlen zeigen das ja schon heute. Die Intendanten laufen mit solchen Inszenierungen dem Zeitgeist hinterher und verlieren dabei das Publikum. (Zuruf des Abg. Dr. Alexander Becker CDU) Die Besucherränge bei den Opernvorstellungen in Stuttgart sind häufig halb leer, auch das moderne Ballett ist nur mäßig besucht, will ich in aller Vorsicht sagen. (Zurufe von den Grünen) „Schwanensee“ in der schönen Inszenierung war ausverkauft. – Zufall? (Abg. Sascha Binder SPD: „Schöne Inszenierung“ ist ein spannender Begriff!) Die Inszenierungen von John Cranko sind auch immer ausverkauft. Wir möchten Kultur finanzieren, die dem Menschen, auch dem Zuschauer, dient und ihm guttut – auch dem Bürger, der sich entspannen möchte. Wir sprechen uns für eine solide und kostengünstige Finanzierung aus. (Abg. Sascha Binder SPD: Jesses!) (Dr. Rainer Balzer) Das gilt für den laufenden Betrieb und auch für die erforderliche Renovierung des denkmalgeschützten Gebäudes. Die Kreuzbühne ist nicht zu finanzieren. Aber das ist auch nicht die Voraussetzung für die Qualität der Inszenierungen. Das sieht man an der Met in New York, und das sieht man auch an der Mailänder Scala: Die sind, wahrhaftiger Gott, nicht schlecht. (Abg. Daniel Lede Abal GRÜNE: Da gehen Sie ja re- gelmäßig hin!) Die Vorstellung, dass man eine Außenwand eines 160 Jahre alten Gebäudes einfach so verschieben kann, ist bestenfalls naiv und zeigt ein eklatantes Unverständnis für Technik. (Beifall bei Abgeordneten der AfD) Deshalb: Renovation mit Augenmaß und Qualität bei Erhalt des denkmalgeschützten Gesamtensembles. Danke. (Beifall bei der AfD)
