Stephen Brauer
Sehr geehrte Frau Präsidentin, liebe Kolleginnen und Kollegen! „Auf dem Weg zum Drama: Wie geht es weiter mit der Staatsoper?“ – das scheint mir ein sehr optimistisch formulierter Titel zu sein, den die SPD für ihre Aktuelle Debatte zu diesem Thema gewählt hat. Wir befinden uns nicht auf dem Weg zum Drama, sondern wir stecken mittendrin. Opern und klassische Dramen werden seit dem 17. Jahrhundert in fünf Akten dargestellt. Sie beginnen mit der Exposition, dann kommt das erregende Moment und danach die steigende Handlung. Es folgen Höhepunkt und Peripetie. Danach kommen der Übergang zur fallenden Handlung und das retardierende Moment. (Abg. Andreas Stoch SPD: Die Fallhöhe ist entschei- dend!) Abschließend kommt dann die Katastrophe. Damit endet das Drama. In der Exposition werden zunächst die Charaktere und die Situation der handelnden Personen dargestellt. In unserem Fall sind das nicht nur natürliche Personen, sondern auch juristische Personen und Gebietskörperschaften als Protagonisten bzw. Antagonisten. Das wären das Land Baden-Württemberg, die Stadt Stuttgart und die Staatsoper mit ihrer Führungsriege und ihren Mitarbeitern. Nicht zu vergessen sind die Besucher und wir, der Haushaltsgesetzgeber. Als erregendes Moment kann man getrost die Ergebnisse der Arbeitsgruppen verstehen, die sich mehrmals, meist freitags, drei bis vier Stunden online getroffen hatten, um sich in einen Beteiligungsprozess einzubringen. Alle waren zufällig ausgewählte Bürger, die sich bereit erklärt hatten, große Teile ihrer Freizeit für die Neukonzeption der Staatsoper zu opfern. Dass es statistisch keine zufällige Auswahl mehr ist, wenn das entscheidende Kriterium darin liegt, ob jemand bereit ist, diesen großen zeitlichen Einsatz zu bringen, weiß jeder, egal, ob er nun etwas von Statistik versteht oder nicht. (Beifall bei der FDP/DVP) Es waren interessierte, durchaus kulturaffine Menschen, denen schon von Grund auf etwas an der Oper liegt. In stundenlanger Arbeit wurde eine Maximallösung erarbeitet, die alles enthielt, was sich das Herz wünscht: von der Kreuzbühne mit der Versetzung der Außenmauern des Littmann-Baus, die heute auch schon angesprochen wurde, bis hin zur optimalen Ausstattung von Orchestergraben oder Kulissengebäude. Virtuell wurde ein Gemeinschaftsprojekt hingestellt, das man getrost als Maximallösung oder auch Goldrandlösung bezeichnen kann. Es enthielt alles, was man sich nur wünschen kann: eine Art Brainstorming für Opernfans. Bekanntlich sind beim Brainstorming Kritik und Einschränkungen mit Verweis auf die Kosten zunächst verboten. Das ist grundsätzlich auch richtig, handelt es sich doch zunächst um eine Ideensammlung. (Stephen Brauer) Kommen wir zum Höhepunkt des Dramas. Im Rahmen einer Anhörung sprachen ausgewählte Zufallsbürger hier in diesem Hohen Haus: ein Herr, der blind ist und sich sehr stark über sein Gehör orientiert, eine Abonnentin der Staatsoper und eine Frau, die ein privates Theater betreibt. – So ein Zufall, kann ich da nur sagen. Ich möchte das Engagement dieser Menschen nicht schmälern und habe große Hochachtung für ihren Einsatz, aber ein Querschnitt durch die Bevölkerung sind sie sicher nicht. So kann man keine Planung für die Sanierung der Oper machen, will man auch nur einigermaßen die Kosten im Blick behalten und den Realitätsbezug nicht ganz verlieren. (Beifall bei der FDP/DVP) Zum Höhepunkt gehört bereits der Wendepunkt, nicht nur mathematisch, sondern auch dramaturgisch. Der plötzliche Umschlag des Schicksals, auch Peripetie genannt, war bereits zu ahnen, als ein Strich unter die Hochglanzbroschüre gemacht wurde und eine vorsichtige Kostenschätzung auf die unglaubliche Summe von 1 064 Millionen € kam. Im Sommer 2022 war es dann so weit: „Prinz Hagel“ stoppt den Irrsinn mit dem Einwurf, man müsse über das Ganze nochmals nachdenken. Zack, aus der Traum, und die Hoffnungen zerstoben. Langsam, aber sicher bahnte sich die Erkenntnis an, dass bei den dann genannten Summen von 1,5 oder gar 2 Milliarden € eine Opernsanierung mit Goldrand nicht vermittelbar ist – niemandem mehr vermittelbar ist. Um es mit einem Vielfachen auszudrücken. Zwei Elbphilharmonien oder vier Berliner Staatsopern, das wären die Kosten, sollte „Prinz Hagel“ recht behalten. Bei diesen utopischen Beträgen werden selbst Ihre Zufallsbürger nachdenklich. Man müsste sie jetzt, da das Ganze ein ungefähres Preisschild erhalten hat, nochmals an einen Tisch holen und sie zur Reflexion ihrer damaligen Wünsche aufrufen. Einige Zeit nach einem Brainstorming relativieren sich nämlich die guten Ideen, und man fragt sich, ob alles, was wünschenswert ist, auch finanzierbar ist. Das Budget beschränkt oftmals die eigenen Wünsche, sonst würden vielleicht viele von uns in weitaus größeren Häusern wohnen, vielleicht sogar mit Pool innen und außen, mit einem Riesengarten und Gästehaus nebenan. Ich weiß natürlich, dass man einen privaten Hausbau nicht mit dem Leuchtturmprojekt Staatsoper vergleichen kann. Uns allen ist klar, dass eine Sanierung erfolgen muss, weil sie dringend notwendig ist und auch die einzigartige Akustik in diesem Haus erhalten bleiben muss, aber nicht zu diesem Preis – nicht zu diesem Preis! (Beifall bei der FDP/DVP) Das Drama schreitet fort: Es kommt zu einer fallenden Handlung. Das Schicksal der Goldrandlösung scheint besiegelt, und fast alle Beteiligten lassen die Hoffnung fahren; da kommt das retardierende Moment: die Gründung einer Projektgesellschaft unter Ausschluss der AfD und der FDP (Zurufe von der AfD) de – 110. Sitzung – Donnerstag, 12. Dezember 2024 mit dem euphemistischen Namen ProWST. Sie sollte die Wendung des Schicksals herbeiführen. Sie scheint im Januar 2023 die Lösung zu sein. Schließlich hat man einen Grundsatzbeschluss des Landtags, und auf dieser Basis kann die ProWST planen. Geschäftsführer, Mitarbeiter, Steuerberater, grafische Eigendarstellung – alles prima, und das zum Spottpreis von 2 Millionen € pro Jahr, ohne dass irgendetwas gebaut wird. So ist es im Doppelhaushalt hinterlegt. Ein Milliönchen setzt man noch für Sondereffekte obendrauf, damit man einfach weiter ins Blaue hinein planen kann. Damit retten wir uns über die Zeit, so die Denke der Regierenden. Natürlich wissen alle, dass es so nicht weitergeht – nicht bis 2042, aber vielleicht bis 2026. Eventuell retten wir uns bis zur Landtagswahl, so das Kalkül von Grün-Schwarz. „König Kretschmann“ dankt ab, und „Prinz Hagel“ mischt die Karten neu. Zwei von fünf Verwaltungsebenen im Staat möchte er sowieso abschaffen. Warum nicht auch die Sache mit der Oper vom Kopf auf die Beine stellen? Unsere Unterstützung hat er. Ich sage es noch einmal deutlich: Ja zur Sanierung der Staatsoper, aber nicht zu diesem Preis. (Beifall bei der FDP/DVP und der Abg. Christiane Staab CDU) Das retardierende Moment verzögert, wie der Name schon sagt, die Abwärtsspirale nur ein wenig. Alle Beteiligten hoffen auf die Projektgesellschaft, aber dies erweist sich als Luftnummer. Ohne realistischen Kostenrahmen und ohne neuen Grundsatzbeschluss ist sie zum Scheitern verurteilt. Das haben die Mitarbeiter und auch der Geschäftsführer der ProWST nicht verdient. Der fünfte und letzte Akt des Dramas folgt: die Katastrophe. Ich verlasse nun deshalb meine selbst gewählte Metapher. (Abg. Raimund Haser CDU: Schade! Schade eigent- lich!) Wir befinden uns nicht in einem klassischen Schauspiel, das unausweichlich in die Katastrophe führen muss, sondern im Kollegen der Koalitionsfraktionen noch die in der Opposition sind dem Schicksal hilflos ausgeliefert. Wir haben das Heft des Handelns selbst in der Hand. Wir schreiben die Stücke selbst und sind keine ausführenden Darsteller. Suchen Sie einen breiten Konsens für die Sanierung der Staatsoper bei allen Parteien. Ziehen Sie alle Optionen in Betracht – all diejenigen, die Kollege Rivoir auch genannt hat. Halten Sie nicht zwingend am Interim fest, wenn es sich wirtschaftlich nicht darstellen lässt, und ziehen Sie den Neubau wieder in Erwägung, um einen vorgegebenen Kostenrahmen nicht zu sprengen. Verhindern Sie die Katastrophe! Die Bürgerinnen und Bürger werden es Ihnen danken. Vielen Dank. (Beifall bei der FDP/DVP sowie der Abg. Christiane Staab CDU und Anton Baron AfD)
