Sandra Boser
Sehr geehrter Herr Präsident, liebe Kolleginnen und Kollegen! Zunächst möchte ich auf die Einwürfe des Kollegen Timm Kern eingehen. Ich zitiere aus dem letzten IQB-Bericht, den Sie als katastrophal für Baden-Württemberg beschrieben haben. de – 105. Sitzung – Donnerstag, 10. Oktober 2024 Bayern steht mit durchgehend positiven Abweichungen vom jeweiligen Bundesdurchschnitt in allen sprachlichen Kompetenzbereichen gut da, Sachsen im Fach Deutsch ebenfalls. Auch Baden-Württemberg (Lesen und Orthografie in Deutsch sowie Hörverstehen in Englisch) und Hamburg ... erreichen signifikant höhere Mittelwerte als der Bundesdurchschnitt. (Abg. Dr. Timm Kern FDP/DVP: Wo waren wir 2011?) – Das war 2022. Da waren wir im IQB-Vergleich auf Platz 4. Das war Ihre „katastrophale Bilanz“. Sie reden unser Bildungssystem in Baden-Württemberg schlecht. (Abg. Dr. Timm Kern FDP/DVP: Das brauche ich gar nicht! – Abg. Daniel Lindenschmid AfD: Zu Recht!) Deswegen muss man mal mit echten Zitaten dagegenhalten. (Beifall bei den Grünen) In einzelnen Bereichen waren wir auch auf Platz 3. Das war Ihre „katastrophale Bilanz“. (Abg. Anton Baron AfD: Reden Sie mal mit Arbeit- gebern!) Sie behaupten hier gerade, wir würden Stunden in G 9 kürzen. Beweisen Sie das mal! Aber wir legen Ihnen ja dann einen Gesetzentwurf vor, und Sie dürfen uns dann auch loben, wenn wir zusätzliche Stunden insbesondere in den MINT-Bereich hineingeben. (Beifall bei den Grünen) Ich will aber auch kurz zum AfD-Antrag reden, weil auch in diesem AfD-Antrag einfach Dinge drinstehen und Diskussionen aufgebracht werden, die nur die AfD führt. Nennen Sie uns doch mal die Personen außerhalb der AfD, die die Kompetenzorientierung in den Bildungsplänen, die die Kompetenzstandards in den Bildungsplänen anzweifeln. Nennen Sie sie doch einfach einmal! (Abg. Anton Baron AfD: Haben Sie gerade die Rede von der FDP nicht gehört?) Sie behaupten, dass die Kompetenzorientierung im Bildungsplan grundsätzlich falsch wäre. (Abg. Dr. Rainer Balzer AfD: Das habe ich nicht ge- sagt!) – Doch. (Abg. Dr. Rainer Balzer AfD: In Mathematik ist sie falsch!) – Sie behaupten, dass die Kompetenzorientierung im Mathematikbereich grundsätzlich falsch sei und komplett widerlegt werden soll. Dann nennen Sie doch bitte mal Beispiele, wer dies außerhalb der AfD fordert. (Abg. Carola Wolle AfD: Fragen Sie einmal die Un- ternehmer! – Gegenruf des Abg. Daniel Lede Abal GRÜNE: Fragen Sie doch mal Bildungswissenschaftler!) (Staatssekretärin Sandra Boser) – Fragen Sie doch mal Lehrkräfte, die das Fach unterrichten, wie viele das Fach unterrichten wollen. Denn es geht ja darum, dass im Unterricht die Inhalte vermittelt werden, die junge Menschen brauchen, damit sie am Ende in der Wirtschaft gut ankommen. Es sind die Lehrkräfte, die den Unterricht gestalten, und nicht wir Politikerinnen und Politiker. (Beifall bei den Grünen sowie Abgeordneten der CDU und der SPD) Selbstverständlich steckt in jeder Kompetenzorientierung auch ein Inhalt drin. Wenn Sie sich die Bildungspläne vielleicht mal anschauen würden – was Sie vermutlich nicht getan haben –, dann würden Sie feststellen, dass diese Bildungspläne nicht nur aus Kompetenzen, sondern aus Inhalten bestehen. Wir haben dies im Jahr 2016 nochmals – – Sie haben die Bildungspläne mitgestaltet; dann wissen Sie ja, von was Sie reden. (Abg. Dr. Rainer Balzer AfD: Richtig!) Anscheinend haben Sie ja dann dafür gesorgt, dass die Bildungspläne in Ihren Augen so schlecht sind. (Abg. Dr. Rainer Balzer AfD: Nein! Im Gegenteil!) Wir haben in diese Bildungspläne mit der Kompetenzorientierung – – 2004 hat das Land Baden-Württemberg – Sie können nachschauen, wer das damals war – bewusst diese Kompetenzorientierung eingeführt. Auch Rückmeldungen aus der Wissenschaft waren eine Grundlage, weshalb wir das gemacht haben, auch im Bewusstsein dessen, dass wir festgestellt haben, dass es eben auch Defizite gab. Deswegen ist das Ganze hier, was die Kompetenzorientierung angeht, kein ideologischer Vorgang von vor fünf Jahren oder von vor zehn Jahren, sondern ein Vorgang von vor 20 Jahren, (Zuruf des Abg. Dr. Rainer Balzer AfD) der in der Bildungswissenschaft gefestigt ist, den die KMK 2017 nochmals konkretisiert hat und der von Lehrkräften seit dieser Zeit ständig weiterentwickelt wurde. Ich will wirklich nochmals verdeutlichen, dass es darum geht, was hier schon mehrfach von Kolleginnen und Kollegen ausgeführt wurde, dass Schülerinnen und Schüler eben ein Verständnis von Mathematik bekommen, dass sie es anwenden können, dass sie es adaptieren können, dass sie am Ende diese Inhalte eben auch in der Praxis umsetzen können und eben nicht nur eine Formel auswendig lernen, abschreiben und dann mit Inhalten füllen. Genau aus diesem Grund ist das Konzept der Kompetenzorientierung auch seit zehn Jahren bundesweit verbindlich in den Bildungsstandards der KMK. Auf der Grundlage dieser Standards werden auch unsere Bildungspläne und die Abituraufgaben entwickelt. Die Abituraufgaben werden nicht in Baden-Württemberg entwickelt, sondern wir orientieren uns an dem landesweiten KMK-Aufgabenpool. Ich kann wirklich nur unterstreichen, was Frau Steinhülb-Joos zitiert hat. Es sind engagierte, exzellente Lehrkräfte, die diese Aufgaben entwickeln. Das IQB überprüft als Institut diese Aufgaben. Sie werden nicht irgendwo am Schreibtisch einfach so in den Pool gegeben, sondern es sind hoch qualifizierte Lehrkräfte, die diese Aufgaben erstellen, die wir auch bei uns in den Abiturprüfungen verwenden. ode – 105. Sitzung – Donnerstag, 10. Oktober 2024 Natürlich gibt es immer wieder kritische Stimmen, beispielsweise zur Bearbeitungszeit. Das, was Sie breite Formelsammlung genannt haben, gibt es nicht mehr. Es gibt nur mehr ein Merkheft, das wir auch noch einmal angepasst haben. Kollege Ralf Nentwich hat auch noch auf den grafikfähigen Taschenrechner verwiesen, der durch einen wissenschaftlichen Taschenrechner abgelöst wurde. Wir passen uns da auch an. Wenn Sie die Stellungnahme zu Ihrem Antrag durchgelesen haben, können Sie auch erkennen, dass die sachtextbezogenen Aufgaben in der Abiturprüfung 2022 gerade einmal 8 % ausgemacht haben. Ich weiß nicht, woher Sie es nehmen, dass das der überwiegende Teil ist. Ich habe das aus dem Antrag nicht ersehen können. Daher können wir die Kritik an den Abituraufgaben nicht nachvollziehen. Wir gehen diese Aufgaben gemeinsam mit den anderen Ländern immer wieder kritisch durch und schauen darauf, welche Anpassungen es braucht. Beispielsweise wird es bei den nächsten Abiturprüfungen nochmals längere Bearbeitungszeiten geben, um auf manche Kritik einzugehen. Jetzt komme ich noch auf etwas, was hier auch mehrfach angesprochen wurde. Natürlich ist die Mathematik in Deutschland ein Thema. Das hat uns die letzte PISA-Studie mitgegeben: In Mathematik haben wir im internationalen Vergleich schlechtere Ergebnisse. Deshalb müssen wir uns damit natürlich beschäftigen. Damit hat sich auch die KMK beschäftigt, weil es kein baden-württembergisches, sondern ein deutschlandweites Problem ist. Dazu gab es auch Vorschläge aus der Wissenschaft, wie Kollege Sturm ausgeführt hat. Das MINT Nachwuchsbarometer hat beispielsweise auch deutlich gemacht, dass wir hier Aufgabenstellungen haben. Professor Köller hat nach der PISA-Studie Hinweise dazu gegeben, wie wir Mathematik anders gestalten können. Auf der Ebene der Kultusministerkonferenz wurde mit Qua-Math ein bundesweites Programm auf den Weg gebracht, um den Mathematikunterricht in den Schularten weiterzuentwickeln. Dazu gehört der adaptive Unterricht, dazu gehört auch der Lebensweltbezug. Das war eine Erkenntnis aus der Studie des MINT Nachwuchsbarometers. Danach kann Schülerinnen und Schülern mit mehr lebensnahen Inhalten Mathematik vermittelt werden. Eine interessante Erkenntnis aus dem MINT Nachwuchsbarometer ist auch, dass 40 % der Schülerinnen und Schüler im Mathematikunterricht Langeweile empfinden. Daher muss man sich auch das Thema anschauen: Wie schaffen wir es, dass wir junge Menschen für Mathematik und für die MINT-Fächer begeistern können? (Beifall bei Abgeordneten der Grünen und der CDU) Ein weiterer wichtiger Punkt sind die Basiskompetenzen. Da greife ich das auf, was Kollege Timm Kern gesagt hat. Deshalb gehen wir es jetzt an, die Basiskompetenzen in der Grundschule und im frühkindlichen Bereich die Sprachkompetenzen zu stärken. Es war auch ein Vorschlag von der Wissenschaftsseite, die Sprachkompetenzen zu fördern, weil Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund größere Probleme beim Mathematikverständnis haben. Deswegen setzen wir damit an, dass wir in den Basisfächern unterstützen und diese Kompetenzen stärken. Das wird auch in der Bildungsreform nochmals deutlich gemacht werden. (Staatssekretärin Sandra Boser) Auch Folgendes ist wichtig: Jeder Abiturient in Baden-Württemberg muss eine Mathematikprüfung ablegen, sei es schriftlich oder mündlich, sei es im Basisfach oder im Leistungsfach. Jeder Abiturient in Baden-Württemberg legt eine mathematische Prüfung ab. Auch das ist etwas, was uns sehr wichtig war und was Ausdruck dessen ist, wie hoch wir den MINT-Bereich bei uns einschätzen. Der Vertiefungskurs Mathematik in der Kursstufe ist genau für die Schülerinnen und Schüler gedacht, die Naturwissenschaften studieren wollen. Nicht jeder, der Mathe-Leistungskurs hat, will nach dem Abitur ein naturwissenschaftliches Fach studieren; man kann ja auch andere Fächer studieren. Aber für die, die Naturwissenschaften zum Ziel haben, gibt es den Vertiefungskurs und die Vorkurse an den Universitäten. Diese Vorkurse an den Universitäten gibt es schon extrem lange, und sie sind sehr unterschiedlich. Grundlage ist, dass es Schülerinnen und Schüler gibt, die vielleicht nur den Basiskurs Mathematik belegt haben, sich dann aber doch für ein naturwissenschaftliches Fach entscheiden. Es gibt junge Menschen, die nach dem Abitur ein Jahr lang ausgesetzt haben, etwa durch ein FSJ oder durch Praktika. Für diese sind solche Vorkurse ebenfalls sehr wichtig. Daneben haben wir natürlich auch Studierende aus anderen Ländern, die mit unterschiedlichen Vorkenntnissen kommen. So werden wir natürlich – das ist mir auch persönlich wirklich ein großes Anliegen – die Mathematik nochmals auf die Frage hin in den Blick nehmen: Was braucht der Mathematikunterricht heutzutage? Der Kollege Dr. Fulst-Blei würde in diesem Zusammenhang sicherlich die AG cosh nennen, die aus Wissenschaft und Praxis besteht und sich insbesondere für den Mathematikunterricht einsetzt. Wir müssen uns anschauen, wie adaptive Lernformen auch im Mathematikunterricht umgesetzt werden. Hier lohnt auch ein Blick ins Ausland: Japan hat seinen Mathematikunterricht vor ein paar Jahren komplett umgestellt; hierdurch gab es bei den PISA-Tests völlig neue Ergebnisse. Dort wird kein inputorientierter Unterricht mehr erteilt, sondern ein sehr anwendungsbezogener. Ich bin überzeugt: Mit den Maßnahmen, die wir insbesondere bei den Basiskompetenzen verfolgen, und mit unseren Schulreformen für die MINT-Fächer werden wir wirklich eine gute Basis legen. Trotzdem müssen wir schauen: Wie muss der Mathematikunterricht der Zukunft ausschauen, damit wir junge Menschen dafür begeistern, in naturwissenschaftliche Fächer zu gehen – im Studium, in der Ausbildung, in den Berufen? Denn das braucht das Land Baden-Württemberg. Vielen Dank. (Beifall bei den Grünen und Abgeordneten der CDU)
