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Dr. Rainer Balzer

AfD 10.10.2024 Sitzungen 17/105

Sehr geehrter Herr Präsident, sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete! Wir haben heute eine dringende und weitreichende Reform des Mathematikunterrichts in Baden-Württemberg zu besprechen – noch besser wäre es, sie zu beschließen. Die Lage ist alarmierend, und es ist höchste Zeit, dass wir uns ehrlich mit den Missständen in der Schule, im Besonderen mit der Umstellung des kompetenzorientierten Unterrichts im Fach Mathematik, befassen. Unser Antrag trägt den Titel „Beschaffenheit der Abituraufgaben im Fach Mathematik“, doch er zielt weit über die reine Abiturprüfung hinaus; denn es geht beim Fach Mathematik um nicht weniger als um die Zukunft der jungen Generationen und auch um die Sicherstellung der Wettbewerbsfähigkeit unseres Landes in all jenen Bereichen, in denen mathematische Kenntnisse erforderlich sind. Und dies betrifft alle Naturwissenschaften, es betrifft den Maschinenbau, es betrifft die Konstruktionslehre, es betrifft die Informatik, es betrifft alle Fächer, die von Relevanz sind. Was beobachten wir? Die Abituraufgaben im Fach Mathematik haben sich seit der Einführung der Bildungsstandards und der sogenannten Kompetenzorientierung der letzten Jahre massiv verändert. Ein Blick auf die Aufgaben zeigt: Es wird immer weniger Wert auf mathematisches Fachwissen gelegt. Stattdessen modellieren die Schüler sogenannte Alltagsprobleme und beschäftigen sich mit nicht mathematischen Kompetenzen, deren Notwendigkeit für das Leben, für das Berufsleben und später bei der Berufsausführung ich in keiner Weise schmälern möchte. Aber sie dienen nicht wirklich für ein gutes Basiswissen, und wir reden jetzt ja primär von Menschen, die Mathematik studieren wollen, die Informatik studieren wollen oder ein naturwissenschaftliches oder ingenieurfähiges Studium aufnehmen wollen. Da muss man ganz klar unterscheiden. (Dr. Rainer Balzer) Deswegen ist dieser Mathematikunterricht nicht sehr zielführend. Das ist ein schlechtes Bildungskonzept, ein Konzept, das zur Absenkung des Niveaus geführt hat und den Fokus auf Scheinanwendungen lenkt, wie es der Mathematiker Ralf Wiechmann von der Universität Dortmund, meine ich, selbst gesagt hat. Statt Grundfertigkeiten lernen die Schüler in unserem Land Textverstehensaufgaben. Das ist nichts Schlechtes, keine Frage – aber das gehört in den Deutschunterricht, anstatt dass man es dem Mathematikunterricht zuordnet. Die Schüler müssen in einer Mathematikprüfung lange Erklärungen abliefern, statt das eigentliche Problem in der Differenzialrechnung, der Integralrechnung oder auch in der Prozentrechnung zu lösen. Den letzten Begriff habe ich bewusst gewählt. Wir haben inzwischen Fälle und machen die Beobachtung, dass es Menschen gibt, die in eine Prüfung gehen, die Abitur haben und Prozentrechnung nicht können. Die können die Frage „Wenn eine Ein-Liter-Flasche 1 000 cm3 umfasst, wie viel Prozent sind dann 285 cm3?“ nicht beantworten. Das ist die Realität. Das habe ich mir nicht aus dem Daumen gesaugt, sondern das können Sie selbst erfragen. Man verlangt von den Schülerinnen und Schülern das Erklären und Bewerten von Rechenwegen – aber nicht das Bewältigen des Rechenwegs selbst; das ist ein Fehler –, statt etwa die Lösung einfacher algebraischer Probleme. Unser hoher – ehemals hoher – Bildungsstandard – – In der Pause hat mich allerdings ein Kollege darauf hingewiesen, dass schon vor 30 Jahren die Bayern weiter vorn gewesen seien. Das mag sein, aber das stimmt heute ja auch nicht mehr. (Zuruf des Abg. Anton Baron AfD) Langer Rede kurzer Sinn: Wir haben inzwischen einen Mathematikunterricht, der die exakte Wissenschaft, das Sich-präzise-Ausdrücken, die Logik einer Formel der Lächerlichkeit preisgibt. Ich erinnere an die Analyse der Mathematikprüfung für den mittleren Bildungsabschluss in Berlin und Brandenburg von 2016 – das ist schon ein paar Tage her –, in der sechs Mathematik- und Pädagogikdozenten der Schulmathematik vorgeworfen haben, Rechnen nur noch vorzutäuschen. Die sechs Forscher – jetzt halten Sie sich fest; aber das ist fast eine Binsenweisheit, das könnte man hier genauso machen; ich habe das vor zehn Jahren an der Schule auch schon gemacht – haben Realschulabschlussprüfungen aus Baden-Württemberg von vor 40 Jahren genommen und sie in die elfte oder zwölfte Klasse gebracht. Und Sie, die Lehrerkollegen, die hier im Saal sitzen, wissen ganz genau, was passiert. Das heißt nicht, dass die Schüler doof sind, sondern sie haben einfach nicht gelernt, wie man eine einfache Gleichung löst, und zwar ohne PC, nur mit einem einfachen Taschenrechner. (Abg. Anton Baron AfD: Die meisten Grünen wür- den es wahrscheinlich nicht mal mit dem Taschen- rechner hinbekommen!) Weiter will ich gar nicht zurückgehen. Sie stellten also fest, dass die damaligen Aufgaben sogar von heutigen Gymnasiasten nicht mehr gelöst werden können. Warum? Weil die Darstellung im Unterricht inzwischen eine Säuleninterpretationsode – 105. Sitzung – Donnerstag, 10. Oktober 2024 kompetenz enthält – schon das Wort ist nur etwas für echte Pädagogen. Oder die Aufgabenstellung: Die Aufgaben werden so gestellt, dass sie lediglich mit einem Blick ins Formelbuch – das war schon immer etwas für die Spezialisten unter den Studenten: in der Formelsammlung nachschauen, ausfüllen, rechnen, fertig, ohne zu verstehen, was herauskommt – oder mit dem Bedienen des Taschenrechners gelöst werden können. Mit mathematischer, logischer Bildung und klarer Formulierung hat das alles nichts mehr zu tun. (Beifall bei der AfD) Die Umstellung auf einen kompetenzorientierten Mathematikunterricht ist ein schleichendes Gift in der Bildung gewesen. Ich behaupte, dass das auch für viele andere Fächer gilt: für Biologie, für Physik, für Erdkunde, also Geografie, für Chemie. Darüber wäre mal ehrlich und objektiv zu diskutieren. Wir verlieren uns in den trivialsten Sachverhalten mit Fließtexten und Erklärungen. Und die Bildung, die entsteht, ist keine Bildung mehr, sondern nur noch ein Zerrbild davon. Meine Damen und Herren, die Hoffnung, dass die Entwicklung von Lehrplänen zu Bildungsstandards den Mathematikunterricht verbessert, hat sich nicht erfüllt. Die Folgen sehen wir überall. Schauen Sie sich die Studienabbrecherquoten im Fach Mathematik und in allen Naturwissenschaften an. (Abg. Anton Baron AfD: Oder bei den Grünen! – Heiterkeit bei der AfD) – Bei den Grünen, ja Gott. Ich will hier jetzt keine Einzelfallbewertungen vornehmen, sondern bleibe bei den statistischen Werten. (Zuruf der Ministerin Petra Olschowski) Die höchste Studienabbrecherquote wies Mathematik mit 54 % auf. Bei den Studienanfängern derselben Fächergruppe 2020 gab es mit 43 % eine weitere Erhöhung. (Abg. Daniel Lede Abal GRÜNE: Bei den gefälsch- ten Lebensläufen in der AfD würde ich mal – –! – Gegen ruf des Abg. Anton Baron AfD: Wer hat gefälscht?) – Bitte keine Privatdiskussionen hier, heißt es an dieser Stelle doch immer. (Abg. Daniel Lede Abal GRÜNE: Die Sitzungslei- tung ist da hinten!)

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