Hermann Katzenstein
Sehr geehrte Frau Präsidentin, sehr geehrte Damen und Herren! Selten haben zwei aufeinanderfolgende Themen so gut zusammengepasst wie heute: Internationaler Frauentag und Fahrrad. (Zuruf des Abg. Jochen Haußmann FDP/DVP) Warum? Dazu beginne ich mit den Worten der US-amerikanischen Frauenrechtlerin Susan B. Anthony: Das Fahrrad hat mehr für die Emanzipation der Frau getan als irgendetwas anderes auf der Welt. ... Es gibt Frauen ein Gefühl von Freiheit und Selbstvertrauen. Das Fahrrad war nach seiner Erfindung zunächst nur den Männern vorbehalten. Radfahren galt für Frauen als unsittlich, gesundheitsschädlich und sollte angeblich sogar unfruchtbar machen. Kurzum: Für Frauen war das Fahrradfahren tabu. Im Iran ist Frauen das Radfahren sogar heute noch verboten. (Zuruf von der AfD) Aber in Mitteleuropa eroberten die Frauen das Radfahren bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts für sich und stellten damit den damaligen Status quo infrage, und zwar von der vorgegebenen schicklichen Kleiderordnung bis hin zu ihrem Lebensmittelpunkt am heimischen Herd. Mit dem Fahrrad als Emanzipator konnten sich die Frauen das erste Mal selbstständig und schnell bewegen. Frauen wurden mobil, Frauen gewannen Freiheit. (Beifall bei den Grünen und Abgeordneten der CDU) Zum Glück ist das für uns alle heute völlig normal. Frauen und Männer fahren hierzulande ungefähr gleich viel mit dem Fahrrad, gerade im Alltag. Sie bringen die Kinder mit dem Lastenrad zur Kita und transportieren den Großeinkauf im Anhänger. (Abg. Anton Baron AfD: Legalisierung von Canna- bis für Katzenstein!) Für mich als Kind bedeutete das Fahrrad Freiheit, Selbstständigkeit und Teilhabe. Das ist auch für viele Menschen in unserem Land so. Wir haben mehr Fahrräder im Land als Autos. (Zuruf von der AfD: Die hängen in der Garage!) Alle können sich eines leisten, egal, ob arm oder reich, alt oder jung. Deshalb ist die Förderung des Radverkehrs echte Daseinsvorsorge und Sozialpolitik. (Beifall bei den Grünen und Abgeordneten der CDU) Es wundert daher nicht, dass ein Produkt, das in unserer gesamten Gesellschaft beliebt ist, natürlich auch ein leistungsiode – 90. Sitzung – Donnerstag, 7. März 2024 fähiger Motor für die Wirtschaft in unserem Land ist. Die Fahrradbranche ist eine der ältesten Industrien Deutschlands. Beispielsweise hat sie die Elektrifizierung aus eigener Kraft gestemmt – ohne Kaufprämie – und konnte dadurch den Umsatz in kürzester Zeit verdreifachen. Fahrradparkplätze bringen dem Handel in Großstädten den fünffachen Umsatz wie die gleiche Fläche an Pkw-Parkplätzen. Wenn wir den Radverkehr in den Innenstädten stärken, stützen wir den Einzelhandel. (Beifall bei den Grünen und des Abg. August Schu- ler CDU) Fast alle touristischen Radwege im Land sind mit Qualitätssiegeln ausgezeichnet – so viele wie in keinem anderen Bundesland. Das macht Baden-Württemberg für Radreisende hochinteressant. Deshalb steigt die Bedeutung des Radtourismus derzeit überproportional. Das hierin bestehende Potenzial ist noch lange nicht ausgeschöpft. Gerade für den ländlichen Raum bietet der Radtourismus eine enorme Chance. (Beifall bei den Grünen und Abgeordneten der CDU) Eine gute Infrastruktur im Land ist also nicht nur Schubkraft für den Alltagsverkehr, sondern auch für den Tourismus in Baden-Württemberg. Auch hierfür ist das Fahrrad ein Erfolgsgarant. Nicht zuletzt – das ist eine Binsenweisheit –: Das Fahrrad ist natürlich das klima- und umweltfreundlichste Verkehrsmittel; und Radfahren ist gesund und macht Spaß. Aber wo steht Baden-Württemberg derzeit auf dem Weg zu einer neuen Radkultur? (Abg. Gabriele Rolland SPD: Schlecht! – Gegenruf des Abg. Daniel Lede Abal GRÜNE: Gut!) Wir hatten im Jahr 2011 mächtig Nachholbedarf. Aber wir haben die Herausforderung angenommen und uns das Ziel gesteckt: Baden-Württemberg soll das Fahrradland Nummer 1 werden. (Zurufe von der AfD) In den vergangenen 13 Jahren haben wir die Radverkehrspolitik tatsächlich auf ein ganz anderes Level gehoben, (Abg. Thomas Marwein GRÜNE: Sehr gut!) vor allem mit unserer RadSTRATEGIE, die als konzeptionelle Grundlage alle relevanten Teilaspekte der Radverkehrsförderung, natürlich auch die bereits von mir genannten, abdeckt und zusammen denkt. Sie war Grundlage unseres Handelns in allen Koalitionsverträgen der letzten Zeit. Aktuell wollen wir sie konsequent umsetzen und fortschreiben. Mit den Radschnellwegen im Land haben wir das Level gehoben. Hier sind wir in Planung und Bau bundesweit führend. Bis 2030 wollen wir 20 Radschnellwege im Land haben. Wir haben das Level mit dem alltagstauglichen RadNETZ gehoben, einem Netz von Radwegen ohne Lücken mit einer Länge von knapp 8 000 km, die ein sicheres Vorankommen ermöglichen sollen. Das setzen wir übrigens gemeinsam mit den (Hermann Katzenstein) Kommunen im Land Schritt für Schritt um, und wir geben ihnen dafür Geld und Wissen.
