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Sandra Boser

24.01.2024 Sitzungen 17/85

Sehr geehrter Herr Präsident, sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen! Weil jetzt in der Debatte doch manches ein Stück weit durcheinanderging, will ich durchaus noch einmal auf die Historie der Berufseinstiegsbegleitung zurückgehen. Die Agentur für Arbeit hat die Berufseinstiegsbegleitung im Jahr 2012 auf den Weg gebracht – damals in Kofinanzierung mit dem Bund. Nachdem der Bund im Jahr 2020 aus der Kofinanzierung ausgestiegen ist, hat sich das Land dafür entschieden, diese Kofinanzierung mit 25 % zu übernehmen, wie Sie, Frau Steinhülb-Joos, es schon sagten. Man kann bei diesem Programm leider nicht von einer breiten Verankerung in Baden-Württemberg sprechen. Das haben Sie auch in Ihren Zahlen nochmals wiedergegeben. Wir konnten bei diesem Programm gerade einmal 111 Schulen erreichen, und zwar unabhängig von der Finanzierungsform. Um auch das noch einmal deutlich zu machen: Dieses Programm läuft aktuell noch bis 2024. Natürlich haben die Beteiligten die Möglichkeit, dieses Programm auch in Zukunft zu nutzen. Sie müssen dann eben die 25 %, die wir, das Land, nicht mehr zur Verfügung stellen, auf andere Art und Weise hinzufügen, beispielsweise durch eine Stiftung, durch die IHK oder durch andere. Darüber hinaus will ich noch einmal deutlich machen, warum wir uns dazu entschieden haben. Zum einen glauben wir wirklich, dass wir früher ansetzen müssen und es gar nicht erst zu einer Berufseinstiegsbegleitung kommen lassen dürfen. Wir müssen dafür sorgen, dass an den Schulen in unserem Land die Berufsorientierung so verankert ist, dass Jugendliche letztlich ihren Weg kennen und ihn eben auch direkt in den Beruf gehen können. Dass dies am Ende für viele auch eine Herausforderung sein wird, dessen sind wir uns bewusst. Deswegen können wir auch nicht mit pauschalen Mitteln alle erreichen, sondern brauchen differenzierte Angebote. Denn ich denke, wir sind uns in diesem Haus alle darin einig, dass die Berufswahl zu den wichtigsten Entscheidungen zählt, die junge Menschen im Übergang treffen. Diese Entscheidung zu treffen bedeutet, zu entscheiden: Was liegt mir, wo sind meine Stärken, wo sind meine Schwächen, wo sehe ich am Ende meinen Lebensweg, und wo werde ich am Ende in einem Beruf auch glücklich? Deshalb halten wir es für falsch, jetzt verkürzt auf einen Baustein zu verweisen, der zukünftig nicht zur Verfügung steht. Daher haben wir die berufliche Orientierung in den vergangenen Jahren noch einmal angepasst und geschaut, wo wir diese Umwege und Abbrüche minimieren können und wie wir es schaffen können, dass die jungen Menschen über eine gute berufliche Orientierung gut vorbereitet werden. Zur beruflichen Orientierung gehört natürlich auch, dass sie eine entsprechende Unterstützung bekommen. Dazu sei vielleicht aber auch noch einmal gesagt – damit das deutlich wird, nachdem es an einer Stelle angesprochen wuriode – 85. Sitzung – Mittwoch, 24. Januar 2024 de –: Die berufliche Orientierung gehört an allen Schularten dazu. Dazu stehen wir. Wir tun auch alles dafür, damit an allen Schularten die berufliche Orientierung so verankert ist, dass die jungen Menschen einen direkten Einstieg in die Berufswahl bekommen. (Beifall bei den Grünen und Abgeordneten der CDU) Natürlich haben wir gesehen, dass hier insbesondere während der Coronazeit ein großes Defizit bestand. Die Angebote, die zur Verfügung gestanden haben, vor allem auch die digitalen Angebote, kamen bei den jungen Menschen nicht so an, wie wir uns das gedacht hatten. Die Erfahrungen haben nochmals deutlich gemacht, wie wichtig es ist, dass ein direkter Kontakt besteht. Deswegen haben wir nach Corona ein Aufholprogramm gestartet. Wir haben beispielsweise mit Partnern aus der Wirtschaft die Praktikumswochen Baden-Württemberg entwickelt. Wir konnten dadurch im Jahr 2023 7 700 Praktikumseinzeltage einrichten. Auch das Programm „Lernen mit Rückenwind“ – das wird oftmals vergessen –, das in diesem Schuljahr noch zur Verfügung steht, bietet die Möglichkeit, innerhalb der Aufholprogramme das Thema „Berufliche Orientierung“ in den Blick zu nehmen. Wir haben dann im Auftrag des Landtags, der im letzten Jahr dem Kultusministerium zugeleitet wurde, nochmals unterschiedliche Maßnahmen bei der beruflichen Orientierung entwickelt und ein Konzept auf den Weg gebracht. (Zuruf des Abg. Dr. Stefan Fulst-Blei SPD) Frau Fink-Trauschel, das erfolgte nicht aus dem Elfenbeinturm heraus, sondern mit allen Akteurinnen und Akteuren – sei es mit den IHKs, sei es mit der Agentur für Arbeit. Wir sind auch mit dem Wirtschaftsministerium sowie den unterschiedlichen Partnerinnen und Partnern des Ausbildungsbündnisses im intensiven Austausch, und zwar auch, wenn es um das Thema Berufsorientierung geht. Dazu zählt – ich will es an dieser Stelle einfach noch einmal darstellen – eine noch intensivere Zusammenarbeit bei der Berufsberatung mit der Bundesagentur für Arbeit. Die Bundesagentur für Arbeit geht verstärkt in die Schulen, um dort ihre Angebote darzustellen. Wir haben den Ausbau des Qualitätsmonitorings verstärkt. Herr Kollege Nentwich hat auch schon auf die Verbleibserfassung hingewiesen, die ab diesem Schuljahr bzw. ab 2024 verbindlich ist. Damit bekommen wir die Rückmeldung: Was passiert denn mit den Jugendlichen, die wir nicht erreichen? Das war in der Vergangenheit immer schwierig. Vielleicht ein Satz dazu. Ich finde es manchmal ein bisschen schwierig: Wir haben momentan auch Jugendliche, die aufgrund der Fachkräftesituation auch ohne entsprechende Ausbildung einen sehr leichten Einstieg in den Beruf finden. Wir haben also auch Jugendliche, die direkt in den Job gehen, was wir jedoch nicht wollen. Vielmehr wollen wir, dass sie den Weg der Ausbildung oder des Studiums beschreiten. Es gilt, da genau hinzuschauen: Was passiert mit dem Jugendlichen? Geht er nach dem Abschluss vielleicht direkt in einen Betrieb, um dort zu arbeiten, weil das augenscheinlich einfacher ist, als eine Ausbildung zu machen, wo er vielleicht wieder auf (Staatssekretärin Sandra Boser) eine Schule trifft? Es gilt, das genau anzupassen und zu schauen: Wo seid ihr? Wie können wir euch unterstützen? Wir werden die Praktikumsinitiative, die Praktikumswochen Baden-Württemberg, weiterführen, auch mit dem digitalen Matchingtool, das am Ende Unternehmen und Praktikanten schneller zusammenbringt. Die Rückmeldungen – das will ich auch betonen – aus diesem Programm sind insbesondere von der Seite der Jugendlichen extrem positiv, aber auch von der Seite der Betriebe, insbesondere von kleinen Betrieben, die sagen, sie könnten sich nicht eine Woche um eine Praktikantin oder einen Praktikanten kümmern, aber die Tagespraktika würden helfen, den Kontakt zu verstärken und damit die Möglichkeiten für die Jugendlichen zu erweitern. Wir werden bei den Mindeststandards der beruflichen Orientierung ansetzen, beispielsweise bei der Stärkung der Betriebspraktika, wie ich schon gesagt habe, aber auch bei den Bildungspartnerschaften als wichtigem Baustein und natürlich bei der Ausbildungsorientierung im Gymnasium. Ein wichtiger Baustein, weil vorhin anklang, wir könnten uns nicht auf die Eltern verlassen – was wir auch nicht wollen –, ist: Wir wissen, wie wichtig die Eltern bei der Berufsentscheidung für die Kinder und Jugendlichen sind. 75 % der Jugendlichen wollen die Berufswahl im Einvernehmen mit den Eltern treffen. Wir stellen durchaus fest, dass manche Eltern über manche Berufe gar nicht ausreichend informiert sind. Sie haben vielleicht noch ein Berufsbild im Kopf, das 20, 30 Jahre alt ist und aus der Zeit stammt, in der sie ihre Ausbildung machten. Deswegen haben wir das Programm „BO for parents“ auf den Weg gebracht, bei dem insbesondere über die IHKs Informationsangebote für die Eltern zur Verfügung stehen, damit am Ende gemeinsam mit den Eltern eine entsprechende Berufswahl getroffen werden kann. Und wir setzen verstärkt auf digitale Tools wie die berufswahlapp oder BOaktiv. Am Ende möchte ich wirklich betonen: Unser zentrales Ziel ist, dass wir einen direkten Übergang von der Schule in Ausbildung und Studium erreichen. Vielleicht hat die Zahl, die wir dieses Jahr haben, einen gewissen Hoffnungsschimmer mit sich gebracht; denn wir haben zum ersten Mal wieder eine steigende Zahl von Ausbildungsverträgen – und das trotz des demografisch bedingten Rückgangs der Zahl der Jugendlichen. Ich glaube also, wir können sagen: Unsere Aktivitäten greifen, und wir schaffen es auch hier, das Thema Ausbildung bei den Jugendlichen wieder stärker in den Blick zu nehmen. (Beifall bei den Grünen und Abgeordneten der CDU) In diesem Gesamtkontext, den ich gerade darzustellen versucht habe, war die Berufseinstiegsbegleitung in der Bilanz nicht so positiv wie von manchen dargestellt. Natürlich sind dies für einzelne Personen superhilfreiche Mittel, und wir wollen natürlich schauen, wie wir diese Personen auch weiterhin eng im Blick haben können. Aber wir haben hier eben nicht die Fläche des Landes erreicht; es gab gerade einmal 111 Schulen, bei denen dies möglich war und die wir erreicht haben. Der Grund hierfür war nicht nur mangelnde Finanzieeriode – 85. Sitzung – Mittwoch, 24. Januar 2024 rung. Zum einen war die Kofinanzierung ein Thema, und zum anderen war es so, dass in den Gemeinden auch andere Programme gut verankert sind. Nochmals – das wurde hier ebenfalls angesprochen –: Ja, die Evaluation war schon 2014. Wir haben uns die Ergebnisse noch einmal genau angeschaut im Rahmen der Überlegung: Was machen wir mit der Berufseinstiegsbegleitung? Die Resonanz war nicht so positiv – Kollege Nentwich hat es eben auch schon angesprochen –; das Ergebnis war eben nicht, dass mit der Berufseinstiegsbegleitung der Übergang in Ausbildung und Beruf schneller und reibungsloser verlaufen würde. Deswegen setzen wir nochmals auf andere Maßnahmen. Wir haben damit – das möchte ich an dieser Stelle ebenfalls mit einbringen – das Programm „AVdual“ auf den Weg gebracht, zu dem sehr viele positive Rückmeldungen kommen. Es eignet sich für Jugendliche, für die es schwierig ist, erstmals den Berufseinstieg zu schaffen, die aber trotzdem gleich in Kontakt mit Betrieben gekommen sind. Hier haben wir ein erfolgreiches Programm. Die AVdual-Begleiterinnen und -Begleiter leisten hier eine hervorragende Arbeit; insgesamt nehmen inzwischen 32 der 44 Stadt- und Landkreise an diesem Programm teil. Ich bin überzeugt, dass das Geld hier richtig und gut investiert ist, um die Jugendlichen mitzunehmen. Die Übergangsquoten sind hier sehr gut, und wir können wirklich sagen: Dieses Programm nützt, es ermöglicht Ausbildungsübergänge. Deshalb war und ist unseres Erachtens die Entscheidung richtig, hier die Kräfte zu bündeln und genau zu schauen: Wie erreichen wir die Jugendlichen frühzeitig, um sie in Ausbildung und Beruf zu begleiten? Deswegen werden wir uns auch weiterhin auf diesem Weg fortbewegen. Wir freuen uns dabei auf jede Unterstützung, von jeder Seite. Herzlichen Dank. (Beifall bei den Grünen und Abgeordneten der CDU)

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