Katrin Steinhülb-Joos
Sehr geehrter Herr Präsident, meine Damen und Herren! Was ich mir für die Viertklässlerinnen und Viertklässler in unserem Land wünsche, ist, dass sie ohne Druck lernen, dass sie sich optimal entfalten können und dass sie in ihren Stärken gesehen werden und diese gefördert werden. (Beifall bei der SPD und des Abg. Thomas Poreski GRÜNE) Liebe FDP/DVP, Sie wollen Viertklässlerinnen und Viertklässler wieder – wie vor zehn Jahren – verbindlich einer weiterführenden Schule zuteilen. Es kann doch nicht wirklich Ihre Absicht sein, dass dann wieder nur Kinder, die eine 2,5 und besser vorweisen, ans Gymnasium dürfen und Kinder mit einer 2,6 in die Realschule wandern. Wie anmaßend ist das denn, (Abg. Dr. Timm Kern FDP/DVP: Das ist keine End- station! Es ist keine Sackgasse! Danach muss es wei- tergehen! Sie haben nicht verstanden, worum es uns geht, Frau Kollegin! – Gegenruf: Das ist auch schwierig!) (Katrin Steinhülb-Joos) eine solch harte Kante zu ziehen, wohlgemerkt, Herr Dr. Kern, bei Kindern, die jeden Tag sichtbar innerlich und äußerlich wachsen? Wir haben doch keine kleinen Erwachsenen vor uns. Es gibt genügend Beispiele von Bildungsbiografien, die anders verlaufen als vorausgesagt. Sicher haben auch Sie auf die allerneueste Hattie-Studie geblickt. Professor Dr. Klaus Zierer verrät interessante Ergebnisse. Schriftliche, lernzielorientierte Rückmeldungen haben demnach einen höheren Effekt und tragen zu einer höheren Motivation als Noten bei. Professor Zierer empfiehlt sogar ein Minimum an Noten. Die neuesten Hattie-Erkenntnisse passen allerdings nicht zu Ihren Plänen, liebe FDP/DVP. (Beifall bei der SPD) Es gibt viel zu tun, und zwar an allen Schularten. Keine Bildungsstudie gibt Grund zur Entwarnung. Wenn Sie, liebe Kolleginnen und Kollegen der FDP/DVP, ernsthaft zurück zur verbindlichen Grundschulempfehlung wollen, begehen Sie einen Irrweg. (Abg. Dr. Timm Kern FDP/DVP: Was ist besser?) Sie lenken von wirklich wichtigen Aufgaben ab, welche die Landesregierung bereits seit Jahren verschläft. Ein Großteil der Lehrkräfte hält nichts von Ihrem Vorschlag und Gesetzentwurf. Auch die Studie, die Sie immer wieder anführen, liefert nicht, was sie verspricht. Ich hoffe, Sie können dies wenigstens nach der Debatte einsehen. Früher war nicht alles besser. Wollen Sie lieber wieder ein Handy aus dem Jahr 2000 oder ein Auto wie vor 30 Jahren? Warum denken Sie, dass eine Schule von vorgestern auf morgen vorbereiten kann? (Beifall bei der SPD – Zuruf des Abg. Dr. Alexander Becker CDU) Unsere Gesellschaft ändert sich, (Zuruf des Abg. Dr. Alexander Becker CDU) die Schulen werden heterogener, auch wenn Sie noch so gern die Lehrkräfte als allwissende Lehrmeister sehen möchten, die ihre Pennäler ohne Wenn und Aber einer weiterführenden Schule zuteilen sollen – voll überzeugt von einer Scheinobjektivität. (Zuruf des Abg. Dr. Timm Kern FDP/DVP) Die Schulwelt ist heterogener. Das sind Tatsachen, und wer darauf nicht reagiert, steckt einfach nur den Kopf in den Sand. (Beifall bei der SPD) Die meisten Lehrergewerkschaften und -verbände – im Übrigen auch die GEW – wollen nicht zurück zu einer verbindlichen Grundschulempfehlung. Wir verstehen den Frust vieler Lehrkräfte. Sie brauchen dringend Unterstützung, und dafür setzen wir uns vehement und unermüdlich ein, (Beifall bei der SPD) aber eben nicht für eine Scheinlösung, bei der Kinder nach der vierten Klasse separiert werden, weil der Unterricht dann angeblich besser und für Lehrkräfte leichter sein soll. Das stimmt schlicht und ergreifend nicht. ode – 76. Sitzung – Mittwoch, 25. Oktober 2023 Natürlich können nicht alle denselben Schulabschluss machen; logisch. Entwicklungsschritte werden zu unterschiedlichen Zeiten gemacht, damit jedes Kind den bestmöglichen Abschluss erreicht. Moderne Pädagogik begleitet diese möglichst individuell. Diese Bildungsgerechtigkeit ist keine milde Gabe, sondern eine dringend nötige Investition in unser Land, allein schon für die Fachkräfte von morgen. Eines ist auch klar: Bildung von gestern können wir uns gar nicht mehr leisten. Deswegen hilft da keine verbindliche Grundschulempfehlung, sondern nur ausreichend Ressourcen und Zeit für individuelle Förderung an den Schulen in unserem Land, und genau daran hapert es unter dieser grünschwarzen Landesregierung. Die Probleme sind bekannt, die Lösungen liegen auf dem Tisch, und das Geld liegt in der Kasse. (Beifall bei der SPD) Wir brauchen endlich mehr Lehrkräfte und weniger Unterrichtsausfall, wir brauchen mehr Förder- und Poolstunden, wir brauchen mehr Unterstützungskräfte, wir brauchen multiprofessionelle Teams, und zwar nicht nur an 16 Grundschulen, sondern überall – und das nicht am Sankt-Nimmerleins-Tag, sondern jetzt. (Beifall bei der SPD) Wir brauchen mehr Fachleute für Schulpsychologie und mehr Schulsozialarbeit, und wir brauchen IT-Fachleute, damit die Lehrkräfte in unserem Land während ihrer Arbeitszeit keine Router resetten müssen, sondern unterrichten können. Wir benötigen dringend längst überfällige Verwaltungsassistenzen. Ja, das ist alles teuer – teurer als eine verbindliche Grundschulempfehlung –, aber dafür hilft es. Deshalb lehnen wir den Gesetzentwurf ab. Zuletzt: Aussagen wie aus der „Feuerzangenbowle“, dass es mit der Schule wie mit der Medizin sei – sie müsse bitter schmecken, sonst nütze sie nichts –, sollten wir doch bitte hoffentlich längst überwunden haben. (Zuruf des Abg. Thomas Poreski GRÜNE) Ohne das ernst gemeinte Mitnehmen von Schülerinnen und Schülern sowie Eltern, fundiertes Beraten, das Einbeziehen in den Lernprozess bleiben Sie, liebe FDP/DVP, eine rückwärtsgewandte Partei. Danke schön. (Beifall bei der SPD und des Abg. Thomas Poreski GRÜNE)
