Bernd Mettenleiter
Sehr geehrte Frau Präsi dentin, werte Kolleginnen und Kollegen! 2,3 Grad Anstieg der Lufttemperatur seit Beginn der Industrialisierung: Das ist laut Klima-Sachverständigenrat der Stand der Dinge in Baden-Württemberg hier und jetzt. Davon entfallen allein 1,6 Grad auf die letzten 40 Jahre. Das heißt, wir sind mitten in der Kli makrise. Mitteleuropa ist weltweit die Region, die sich am stärksten erhitzt. Auch hier spricht die Wissenschaft eine kla re Sprache: Wir in Baden-Württemberg müssen mit einem doppelt so hohen Temperaturanstieg rechnen wie im globalen Vergleich. Die gute Nachricht dazu lautet: Wir können etwas dagegen tun. Dafür müssen wir aber jetzt konsequent handeln. Genau dies tun wir. (Beifall bei den Grünen und der CDU) Baden-Württemberg gut auf die Zukunft vorzubereiten bedeu tet also, den menschengemachten Temperaturanstieg mit al ler Kraft einzugrenzen. Jedes zehntel Grad zählt dabei, gera de weil sich die Temperatur bei uns überproportional erhöht. Jede Tonne Treibhausgas, die wir einsparen, macht die Fol gen der Klimakatastrophe erträglicher. (Zuruf des Abg. Dr. Uwe Hellstern AfD) Im Klartext heißt das: Klimaschutz, Klimaschutz und noch mals Klimaschutz, und zwar in allen Sektoren. (Beifall bei den Grünen – Vereinzelt Beifall bei der CDU) Genau dies tun wir mit dem beschleunigten Ausbau der er neuerbaren Energien. Mehr als 400 Windräder sind in der Pla nung, gut 100 davon genehmigt. Bei der PV-Pflicht und der kommunalen Wärmeplanung ist Baden-Württemberg bundes weit Vorreiter. (Beifall bei den Grünen) Die Anstrengungen rechnen sich. Es ist vielfach belegt: Jeder Euro, den wir in die Verringerung der Treibhausgasemissio nen stecken, spart uns mindestens 4 € an Anpassungsmaßnah men – das ist noch konservativ geschätzt. Baden-Württemberg auf die Zukunft vorzubereiten heißt zum anderen aber auch: Wir müssen uns an die Auswirkungen des Klimawandels anpassen. Klimaschutz muss mit der Anpas sung an Veränderungen Hand in Hand gehen; denn die nega tiven Folgen der Klimakrise sind schon jetzt spürbar, und sie werden zunehmen. Natürlich beherrschen dabei Stürme und Hochwasser die Nachrichten. Aktuell sind es die Überschwem mungen in Italien. Leider fügen sich diese in Katastrophen in der ganzen Welt ein – von Bangladesch bis Brasilien, von Ka nada bis in den Kongo. Aber: Gerade im Hintergrund laufen Veränderungen ab, die zwar weniger Schlagzeilen produzieren, aber trotzdem ele eriode – 65. Sitzung – Mittwoch, 24. Mai 2023 mentare Auswirkungen besitzen. Massive Ernteverluste durch Dürre oder Temperaturen in unseren Städten im Sommer, in Ulm, in Stuttgart, in Tübingen, von bis zu 40 Grad über meh rere Tage hinweg sind nur zwei Beispiele dafür, dass der Kli mawandel für Mensch und Umwelt zu immensen Belastun gen führt. (Beifall bei den Grünen – Vereinzelt Beifall bei der CDU) Allein in den Jahren 2018, 2019 und 2020 wurden in Deutsch land durch Hitze und Trockenheit, durch Hochwasser, Sturz fluten und Sturm Kosten von rund 80 Milliarden € verursacht. Hinzu kommt – fatalerweise –: Sie fordern Menschenleben. Die Folgen des Klimawandels sind also schon jetzt gravie rend. Deshalb ist für uns klar: Wir müssen uns diesen Heraus forderungen stellen, damit Baden-Württemberg auch in Zu kunft eine lebenswerte Region und ein starker Wirtschafts standort bleibt. (Beifall bei den Grünen – Vereinzelt Beifall bei der CDU – Zuruf des Abg. Anton Baron AfD) Genau hier setzt die Strategie zur Anpassung an die Folgen des Klimawandels in Baden-Württemberg an. (Der Redner hält das Titelblatt der „Strategie zur An passung an die Folgen des Klimawandels in Baden- Württemberg“ hoch.) Ich habe hier das Titelblatt. Es gibt den Entwurf. Es handelt sich um eine Überarbeitung, denn die Strategie wurde erst mals im Jahr 2015 erarbeitet und wird jetzt fortgeschrieben – wohlgemerkt: unter Einbindung der Öffentlichkeit. Im Betei ligungsportal Baden-Württemberg konnten die Bürgerinnen und Bürger den Entwurf vollumfänglich einsehen, kommen tieren und bewerten. Das nenne ich Politik des Gehörtwer dens. In der Strategie gibt es vier zentrale Bereiche. Es gibt Maß nahmen zum Hochwasser und zum Niedrigwasser, Maßnah men zum Hitzeproblem und zum Wandel von Lebensräumen und den Arten in diesen Lebensräumen. Jeder Bereich besitzt konkrete Handlungsfelder, und alle Bereiche sind untereinan der und miteinander vernetzt. Lassen Sie uns gemeinsam auf ein Thema im Detail schauen: Trockenheit. Die Folgen von Wassermangel gehen weit über trockene Blumenbeete hinaus und betreffen uns alle. Landund Forstwirtschaft verzeichnen große wirtschaftliche Verlus te. Fruchtbare Böden gehen verloren. Die Energieproduktion in Großkraftwerken und die Fertigungen in der Industrie müs sen eingeschränkt werden. Für die Bewältigung von Trockenheit sind deshalb eine gan ze Reihe von Zielen festgelegt: Zuallererst müssen wir unse re Datengrundlage ausweiten. Mit diesem Wissen ermögli chen wir dann einen nachhaltigen Umgang mit Wasser: weg vom Aus-dem-Vollen-Schöpfen, hin zum „Was ist wo und wann noch verfügbar?“. Wir sichern damit unsere Lebens grundlage Wasser, indem wir das Wasser in der Landschaft halten, in die Böden bringen und dabei auch neue Wege bei der Bewässerung in der Land- und Forstwirtschaft gehen. Damit wir diese Ziele erreichen, haben wir sie mit konkreten Maßnahmen hinterlegt – vom Übergeordneten, vom Großen, (Bernd Mettenleiter) etwa dem Ausbau vom Moorschutz, bis ins Detail, z. B. die Förderung von Tröpfchenbewässerungsanlagen im Weinbau. Neben neuen Maßnahmen sind auch bereits laufende Vorha ben in diesem Papier verzahnt. Damit ist die Anpassungsstra tegie der zentrale Schaltplan. Dort laufen alle Fäden zusam men und werden darüber koordiniert. (Beifall bei den Grünen – Vereinzelt Beifall bei der CDU) Das ist wichtig, damit wir das Wesentliche im Auge behalten und damit die steigenden Risiken möglichst klein halten kön nen. Ja, dafür nehmen wir richtig Geld in die Hand. Das ist notwendig, um Baden-Württemberg für alle lebenswert zu er halten. Risiken minimieren und dabei gleichzeitig Chancen nutzen: Neben den Herausforderungen bietet die notwendige Anpas sung viele Chancen für Innovationen. Ein Beispiel sind Schwammstädte. In diesen wird Regenwasser wie in einem Schwamm vor Ort aufgenommen und gespeichert, anstatt es schnellstmöglich abzuleiten. Dies führt zu mehr Grün- und mehr Wasserflächen, die im Sommer für Abkühlung sorgen. Chancen liegen auch in der Landwirtschaft. Durch eine ange passte Sortenwahl, innovative Bewässerungstechnik und Wet terfrühwarnsysteme sichern wir die Erträge, schützen die Bö den vor Erosion und fördern die Artenvielfalt. Das sind Chan cen, nicht nur, um die Anpassung an den Klimawandel zu schaffen, sondern das sind Chancen für lebenswerte Dörfer und Städte, für eine gesunde Umwelt, an der alle Menschen teilhaben können. (Beifall bei den Grünen und der CDU) Verpflichtung und Möglichkeiten, Risiken minimieren und Chancen nutzen – dies geht bei der Strategie zur Anpassung an den Klimawandel Hand in Hand. Wir müssen handeln zum Schutz, zum Wohl unserer Generation und aller Generationen, die nach uns kommen. Vielen herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. (Beifall bei den Grünen und Abgeordneten der CDU)
