Dr. Rainer Balzer
Sehr geehrte Frau Präsidentin, sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete! Der Begriff „Digitalisierung“ – halleluja! – begleitet uns hier seit über 30 Jahren. Besonders bewusst wurde uns oder Ihnen von den Regierungsfraktionen die digitale Relevanz im Jahr 2020, als dümmliche Coronapanik weite Teile der Politik erfasste. Die unnötigen Schulschließungen und der schlechte Fernunterricht haben den Digitalisierungsprozess in den Schulen durchaus beschleunigt. Mit dieser Aufgabe war die Landesregierung schon damals überfordert. Es muss generell differenziert werden. Digitalisierung der Verwaltung ist natürlich erforderlich, damit Arbeitsabläufe schneller und unkomplizierter bearbeitet werden können. Dieses Ziel wurde teilweise sogar durchaus Wirklichkeit. Die Schulen in unserem Land sollten über eine funktionsfähige, benutzerfreundliche, datenschutzkonforme Bildungsplattform verfügen. Das hat die Landesregierung in ihrer unendlichen Weisheit Gott sei Dank erkannt (Vereinzelt Heiterkeit bei der AfD) und ist – man glaubt es kaum – 2015 – Sie können ja nachrechnen, wie lange das her ist – tätig geworden. Die Überforderung dieser Regierung ist aber wie beim Thema Energieversorgung oder auch beim Thema Verkehr wieder einmal offensichtlich erkennbar. Das gescheiterte Kind, das gescheite Kind hieß „ella“. Damit wurden „nur“ 9 Millionen € in den Sand gesetzt. Können Sie eigentlich ausrechnen, wie viel Prozent vom Landeshaushalt dies sind? Wahrscheinlich nicht. Aber das ist auch nicht wirklich wichtig. Summa summarum war der Weg zur Bildungsplattform ziemlich steinig, ziemlich steil, aber grundsätzlich möglich, grundsätzlich richtig. Vielleicht ist ja dabei auch etwas gelernt worden. Aktuell benutzen die baden-württembergischen Schulen die Lernplattform Moodle. Diese wurde mit Beginn der sogenannten Pandemie und der Umstellung auf Fernunterricht damals allen Schulen in Baden-Württemberg zur Verfügung gestellt. Funktionen wie die Schulorganisation, die Nutzung der Dokumentenablage, die Organisation der Schülerschaft in Kursund Klassenräumen und vieles andere mehr waren dadurch erleichtert. Der Anfang war wie üblich wackelig. Aber Moodle lebt und wird von der Zielgruppe angenommen. „Umstritten“, schreiben manche kritischen Lehrer, kopflos die Landesregierung. Denn warum der zusätzliche Invest des Kultusministeriums in die kommerzielle Alternative itslearning? Warum investiert die Landesregierung in möglicherweise überflüssige teure kommerzielle Parallelstrukturen? In der Funktionalität sei die Open-Source-Bildungsplattform Moodle der kommerziellen Lösung itslearning mehr als gewachsen, erklärt der Landesvorsitzende des Philologenverbands Scholl. Und weiter: Moodle kann leicht um notwendige zusätzliche Funktionen erweitert werden, und wo dies nicht nötig ist, beispielsweise bei den Grundschulen, kann man für diese Schulen optimierte, angepasste Oberflächen einsetzen. „Viel hilft viel“ ist das Motto der Landesregierung. Das stimmt ja irgendwo auch, ist aber unter Kostenaspekten betrachtet uneriode – 62. Sitzung – Mittwoch, 19. April 2023 verantwortlich. Frau Ministerin, ich gehe davon aus – das ist ja selbstverständlich –, dass wir darüber alsbald konkrete Aufklärung erhalten. Eines ist klar, sehr geehrte Damen und Herren: Über die Digitalisierung an sich brauchen wir nicht weiter zu diskutieren. Der technische Fortschritt läuft sowieso, auch wenn Sie, die Grünen, wie es die Verkehrs- und Energiepolitik heute schon wieder gezeigt hat, den technischen Fortschritt an sich ja ablehnen. Aber ganz wichtig für die Digitalisierung gerade der Schulen – speziell des Unterrichts, weniger der Verwaltung – ist, dass man rechnen und schreiben kann. Das setzt das eigentlich voraus. (Beifall bei der AfD) Ich bin mir ziemlich sicher, dass nicht nur meine Fraktion einer Sache zustimmt: Den relevanten Begründungslinien, dass die Schüler auf eine digital geprägte Kultur und Gesellschaft vorbereitet werden müssen, stimmt doch wohl – zumindest im Geiste – jeder zu. Das gilt auch für berufsbezogene Argumentationen. Natürlich kann man die Potenziale digitaler Medien, didaktisch sinnvoll genutzt, nicht in Abrede stellen. Unklar ist aber – jetzt konzentrieren wir uns auf das Wichtige in der Schule: nicht auf die Verwaltung, sondern auf den eigentlichen Unterricht für die Schüler; der sollte im Vordergrund stehen –: Ab welchem Alter? In welcher Dosis? Wofür? Wie viel Digitalisierung verträgt die Schule wirklich? Müssen alle Schüler mit einem Tablet ausgerüstet werden? Wo liegt tatsächlich der Mehrwert? Wo ist das sinnvoll, wo ist es eher kontraproduktiv? Ich meine: Digitalisierung ja, aber bis zur sechsten Klasse eher nicht. Warum? Ich nenne den Erlebnisraum Farbe, den Umgang mit Fingerfarbe und Bleistift, die Haptik, die Entfaltung der Sinne, die Entwicklung der Motorik. Über den Mangel an derselben haben auch Sie – auch wenn Sie jetzt wieder einmal nicht zuhören – schon oft sprechen müssen. An Kunst und Musik, an das Lernen eines Instruments möchte ich an dieser Stelle nur erinnern. Natürlich ist auch das Schönschreiben und „Reden üben“ Sache der Schule – und das erfolgt nun einmal nicht digitalisiert. Das alles ist ohne Digitalisierung wichtig und richtig. Ich habe, als ich mir diese Sonntagsreden speziell aus Ihrer Ecke heute wieder anhören musste, (Heiterkeit bei Abgeordneten der AfD) den Eindruck gewonnen: Das wird von Ihnen völlig ausgeblendet in der Euphorie. Euphorie ist ja etwas Wichtiges – wenn sie zielgerichtet und sinnvoll eingeführt wird. Deswegen gilt es, dies multiperspektivisch zu betrachten und vielleicht auch einmal über den Tellerrand von Baden-Württemberg hinauszuschauen. Ich darf zitieren: Durch den Gebrauch von Laptops und Handys habe ... die Konzentration der Schülerinnen und Schüler ... nachgelassen, sagt die Kinder- und Schulforscherin Louise Klinge. Und weiter: (Dr. Rainer Balzer) Der Gebrauch von Laptops und Handys zerstört die Konzentration. Die ist immer von einem sinnvollen, abwechslungsreichen und spannenden Unterricht abhängig. Auch der alte Satz „Auf den Lehrer kommt es an!“ stimmt noch immer. Ein Vertreter der pädagogischen Universität in Aarhus, J. M., hat gesagt: Mobiltelefone sind oft ein Ersatz für echte Kommunikation. Sie kennen das – alle Eltern können davon ein Lied singen –: Wenn Sie im Park sitzen oder mit dem Zug fahren oder sonst etwas machen, überall dasselbe Bild – bei jungen Leuten, aber auch bei älteren Erwachsenen –: Alle glotzen auf den Bildschirm, alle glotzen ins Handy, statt miteinander zu reden, statt miteinander zu erzählen. Interessant ist daher – das sei Ihnen ins Stammbuch geschrieben – der Lösungsansatz einer Schule in Tondern in Dänemark; ich meine, sie hat einen privaten Schulträger. Durchaus schlüssig: ein mehrwöchiger Versuch, Handys und Laptops aus dem Unterricht zu entfernen. Das setzt natürlich voraus, dass die Digitalisierung dort zuvor stattgefunden hat, was bei uns ja, wie Kollege Fulst-Blei schön beschrieben hat, noch längst nicht überall der Fall ist. Man kann ja nur etwas wegsperren, was man bereits hat. Bei den Kindern hat die Reduktion der Zeit vor dem Bildschirm die Konzentration gesteigert. So haben die Lehrer gesagt: Seit längerer Zeit wurden damit erstmals die negativen Folgen einer übertriebenen Nutzung von Handys, nämlich Defizite im Lernvermögen und im sozialen Miteinander – wen wundert es denn: im sozialen Miteinander! –, reduziert. (Beifall bei der AfD) Konkretes Beispiel: die Schüler in den höheren Klassen – auch bei uns; wenn Sie einmal in eine Schule gehen würden, wüssten Sie das. In den höheren Klassen kann man kaum noch abwarten, bis die nächste Snapchat-Nachricht gelesen und verarbeitet ist – oder auch nur beantwortet, ohne verarbeitet zu sein. Die Jüngeren befürchten – was befürchten die denn? –, dass sie beim Computerspielen ins Hintertreffen geraten. Das ist ja auch normal. – So jedenfalls haben es die Lehrer und die Schulleitung dieser Schule in Tondern mitgeteilt. Was folgern Sie seitens der Regierung eigentlich daraus? Nach meiner Erkenntnis nichts. Die digitalen Endgeräte als Beitrag zur Methodenvielfalt sind sicherlich sinnvoll und an geeigneter Stelle gut einzusetzen. Aber sie ersetzen nicht das Wissen oder gar die Fähigkeitsentwicklung der Schüler. Also ist das, ehrlich gesagt, kein wirklicher Vorteil in der Didaktik als Lehre von der Vermittlung des Wissens. Das sollten Sie wissen. Das hat eben eine Studie in Dänemark erbracht. Diese hat erwiesen – das können Sie selbst googeln –: Handschriftliche Notizen sind gedächtniswirksamer – hier – (Der Redner hält einen Zettel hoch.) als reines Wischen und Tippen. Daher teile ich die Sicht des Philologenverbands und fordere einen zusätzlichen Fachinformatiker – nicht das Entlasten der Lehrer vom Unterricht; bösartige Menschen sagen: ein digitaler Hausmeister für die Schule – riode – 62. Sitzung – Mittwoch, 19. April 2023 (Beifall bei der AfD) und zusätzliche Lehrkräfte, um möglicherweise die Klassen leistungsgerecht nach Fähigkeiten zu verkleinern, statt zu viel in Hard- und Software zu investieren. Dies ermöglicht einen schnelleren, stärkeren und größeren Lernzuwachs. Das haben wir in der Coronazeit gelernt. Alle Lehrkräfte und Schüler haben genau dies in der Zeit des Wechselunterrichts, des Unterrichts mit halbierten Klassen erleben können und dürfen. Das sollte allen hier im Saal bekannt sein. Ich danke fürs Zuhören. (Beifall bei der AfD – Zurufe von der AfD: Sehr gut!)
