Stefanie Seemann
Ähnliches Potenzial birgt die Förderung von Frauen in Führungspositionen auch in der Umwelt- und Energiebranche, in der Frauen nach wie vor unterrepräsentiert sind. Durch gezielte Förderung weiblicher Fach- und Führungskräfte gewinnen wir nicht nur fachliches Know-how für Branchen, die für eine starke Klimapolitik unerlässlich sind, sondern schärfen auch den Blick für die geschlechtsspezifischen Bedürfnisse von Frauen und Mädchen. Lassen Sie uns nun auf die Covid-19-Pandemie blicken, die sich in vielfältiger Weise spezifisch auf Frauen ausgewirkt hat. Sie sind in systemrelevanten Berufen, etwa im Gesundheitswesen, in der Pflege, im Handel, überrepräsentiert, und sie tragen die Hauptlast der unbezahlten Care-Arbeit. Das Ergebnis: höheres Infektionsrisiko, größere Arbeitsbelastung, geringere Möglichkeiten zur Erwerbstätigkeit. Während des Lockdowns nahm auch die häusliche Gewalt zu. Zudem haben überwiegend Frauen in Zeiten von Lockdown und Homeschooling ihre Arbeitszeiten reduziert, um die Kinderbetreuung zu stemmen. Diese Retraditionalisierung der Geschlechterrollen hat viele Frauen nicht nur an den Rand der Erschöpfung gebracht, sie hat auch Auswirkungen auf Erwerbseinkommen und Erspartes sowie in der Zukunft auf die Renten dieser Frauen. Während des Lockdowns wurde vom Land einiges auf die Beine gestellt, um Frauen zu unterstützen, beispielsweise eine Notbetreuung für Kinder, deren Eltern in systemrelevanten Berufen arbeiten oder aus anderen Gründen Kinderbetreuung benötigten. Auch wurden zusätzliche Mittel für mobile Teams und Onlineangebote bereitgestellt, die Frauen im Fall von häuslicher und sexueller Gewalt unterstützen. Die Auswirkungen von Kita- und Schulschließungen werden wir bei künftigen Krisen im Land mehr beachten müssen. Aber es ist auch eine immense gesellschaftliche Aufgabe, die traditionellen Rollenverständnisse und Rollenzuweisungen endlich aufzubrechen. (Beifall bei den Grünen und Abgeordneten der CDU) Die Krise hat uns allen aber auch bislang ungenutzte Potenziale im Arbeitsalltag vor Augen geführt. Wir sehen, dass flexible Arbeitsbedingungen, Digitalisierung und Anerkennung (Stefanie Seemann) unbezahlter Care-Arbeit dazu beitragen können, die Gleichstellung zu fördern und traditionelle Geschlechterrollen aufzubrechen. Dieses Wissen sollten wir nutzen, um insbesondere Frauen bei der individuellen Gestaltung ihres Arbeitsalltags zu unterstützen. Zum Schluss ein Blick auf Flucht und Migration. Auch hier ist die Genderperspektive sinnvoll und wichtig, denn wenn wir die geschlechtsspezifischen Auswirkungen der Krisen erst einmal identifiziert haben, können wir die Betroffenen effektiver unterstützen. (Zuruf von der AfD) Frauen, die gezwungen sind, ihre Heimatländer zu verlassen, sind einem höheren Risiko ausgesetzt, Opfer von Gewalt, Ausbeutung und Missbrauch zu werden. Außerdem sind sie oft stärker von Armut und Diskriminierung betroffen, vor allem, wenn sie als alleinerziehende Mütter oder in prekären Arbeitsverhältnissen leben. Vor diesem Hintergrund hat das Land Baden-Württemberg in den vergangenen Monaten zahlreiche Maßnahmen und Programme eingeführt, die speziell auf diese Bedarfe ausgerichtet sind. So werden etwa Sprachkurse, Integrationskurse, Angebote zur beruflichen Orientierung und Qualifikation finanziert, die geflüchteten Frauen dabei helfen, in Deutschland anzukommen. Darüber hinaus wurden Beratungs- und Unterstützungsangebote ins Leben gerufen, die speziell auf die Bedürfnisse dieser Frauen zugeschnitten sind. Liebe Kolleginnen und Kollegen, sichtbar ist, dass globale Krisen die Gleichstellung stark beeinträchtigen können. Gleichzeitig bergen sie aber auch eine große Chance, denn gerade diese Krisen können auch die Aufmerksamkeit auf bestehende Ungleichheiten lenken und die Notwendigkeit einer gerechten Verteilung von Ressourcen und Möglichkeiten betonen. (Beifall bei den Grünen und Abgeordneten der CDU) Diese Chance müssen wir gemeinsam ergreifen, denn Gleichstellung ist keine Schönwetterpolitik. Nicht nur die Klimakrise, sondern alle großen Krisen unserer Zeit können und sollten wir deshalb aus zweifacher Perspektive betrachten: als Herausforderung für die Geschlechtergerechtigkeit, aber auch als Chance für nachhaltige Veränderungen, die es zu nutzen gilt. Zu gewährleisten, dass die Stimmen und Perspektiven von Frauen und Mädchen in die Entscheidungsfindung und die Umsetzung von Maßnahmen einbezogen werden, ist eine große und ebenso wichtige Aufgabe. Die im Koalitionsvertrag vereinbarte und nun vom Sozialministerium in Angriff genommene ressortübergreifende Gleichstellungsstrategie für Baden-Württemberg ist ein entscheidender Schritt hin zu diesem Ziel: zur Förderung der Geschlechtergleichstellung und zur Stärkung der Frauen in allen Bereichen unserer Gesellschaft – auch in Krisenzeiten. (Beifall bei den Grünen und Abgeordneten der CDU)
