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Sandra Boser

01.02.2023 Sitzungen 17/56

Ich habe ja auch nur eine begrenzte Redezeit. (Zurufe: Nein! – Abg. Andreas Schwarz GRÜNE: Freie Redezeit! – Abg. Dr. Stefan Fulst-Blei SPD: Sie haben eine Orientierungszeit!) Wenn die Frage am Ende nicht beantwortet sein sollte, lasse ich sie gern zu. Jetzt möchte ich zunächst sagen – auch als Signal –: Natürlich werden wir uns auch angesichts der Initiative zu G 9 der Debatte zur Zukunft des Gymnasiums stellen. Wir werden diese Debatte annehmen. Aber ich bin auch davon überzeugt, dass wir in einer Demokratie eine fachlich fundierte Auseinandersetzung brauchen. In einer so komplexen Thematik wie der Bildungspolitik greift der Fokus auf ein Thema eben zu (Staatssekretärin Sandra Boser) kurz. Deswegen werden wir – egal, ob aus Ressourcengründen oder aus qualitativen Gründen – den Fokus immer auf das Gesamte legen. An manchen Stellen wurden auch die Auswirkungen von G 8/G 9 thematisiert. Wenn man das Ganze nochmals aus wissenschaftlicher Sicht betrachtet, so kann man sagen, dass es anscheinend – zumindest nach dem, was uns Wissenschaftler in den vergangenen Jahren mit auf den Weg gegeben haben – erst einmal keine Kritik an G 8 gibt. Nach der Studie von Professor Trautwein, der 2015 die Konsequenzen der G-8-Reform untersucht hat, gab es, was das Freizeitverhalten, die Abiturnoten oder Ähnliches angeht, zunächst keine Auswirkungen auf die Schülerinnen und Schüler in G 8 (Abg. Dr. Stefan Fulst-Blei SPD: Wenn sie bis dahin überlebt haben!) oder G 9. – Also, mir ist kein Todesfall an einem Gymnasium im Zusammenhang mit G 8 bekannt, Herr Kollege Fulst-Blei. Ich finde schon, dass das jetzt etwas zu weit geht, Ihre Formulierung hier: dass es Menschen gebe, die im Zusammenhang mit G 8 nicht – – (Beifall bei den Grünen und Abgeordneten der CDU – Abg. Dr. Stefan Fulst-Blei SPD: Das habe ich nicht gemeint!) Die Untersuchung der Stiftung Mercator kam 2017 zu ähnlichen Ergebnissen. Wenn ich jetzt die aktuellen Empfehlungen der Wissenschaft noch aufgreifen darf: Auch zu den aktuellen Themen hat uns die Wissenschaft an keiner Stelle den Vorschlag gemacht, den Fokus auf die Frage „G 8 oder G 9?“ zu lenken. Dennoch, wir wissen: Der Wunsch vieler Eltern nach G 9 ist da. Wir wollen diesen auch nicht wegdiskutieren. Wir werden uns dieser Debatte natürlich stellen. Aber wir müssen diese Diskussion ehrlich und offen führen und am Ende auch klar benennen, welche Auswirkungen das auf unsere Strukturen im Bildungsbereich hat. Grundlage der heutigen Debatte ist ein Antrag mit der Frage, welche Auswirkungen dies ressourcentechnisch habe. Egal, wie man es rechnet – ob man eine Wahlfreiheit aufwachsend nimmt, ob man es den Schülerinnen und Schülern freistellt, ob sie an der jeweiligen Schule G 8 oder G 9 wählen, oder in welcher Konstellation auch immer –: Am Ende braucht es zusätzliche Ressourcen. Sie haben lesen können, dass je nach Modell und Umfang etwa 1 400 zusätzliche Lehrerstellen gebraucht würden; das entspricht ca. 115 Millionen €. Aber es geht hier vor allem um das Personal, das uns fehlt. Wenn Sie jetzt sagen, wir hätten an den Gymnasien keinen Personalmangel, (Abg. Andreas Stoch SPD: Das habe ich nicht gesagt! Ich habe gesagt, Gymnasien stehen im Vergleich am besten da!) dann gehen Sie bitte einmal an die Gymnasien; denn wir haben auch mit einer sehr guten Versorgung Probleme, an Gymnasien Lehrkräfte im Bereich Naturwissenschaften zu bekommen, wir haben regional Probleme, Lehrkräfte an Gymnasien zu bekommen. Deswegen können Sie nicht sagen, dass es – iode – 56. Sitzung – Mittwoch, 1. Februar 2023 unabhängig von allem anderen, worüber wir derzeit zum Fachkräftemangel diskutieren – möglich wäre, diese Ressourcen ganz einfach in G 9 zu investieren. Das geht so leider nicht. (Beifall bei den Grünen und Abgeordneten der CDU) Ein Punkt, der bisher noch gar nicht angesprochen wurde: Das bedeutet natürlich auch Investitionen bei den Schulträgern. Ich weiß nicht, ob Sie sich einmal mit Schulträgern darüber unterhalten haben, welche Konsequenzen das hat. Nordrhein-Westfalen und Bayern planen derzeit mit Investitionen von ca. 500 Millionen € in Schulgebäude, denn ein Wechsel von G 8 auf G 9 bedeutet natürlich auch mehr Züge an den Gymnasien. Dafür sind unsere Schulgebäude derzeit an vielen Stellen überhaupt nicht ausgerüstet. Somit müssen wir diese Frage nicht nur unter Berücksichtigung der quantitativen oder monetären Ressourcen im Bereich Lehrkräfte führen, sondern auch überlegen, was das für unsere Schulträger bedeutet. Da muss ich ganz deutlich sagen: Diese Gespräche müssen erst einmal geführt werden. Können die Schulträger das bei uns im Land überhaupt umsetzen? (Abg. Dr. Stefan Fulst-Blei SPD: Können sie!) Wir haben genügend Rückmeldungen, die besagen, dass bei der Sanierung von Schulgebäuden nach wie vor großer Mangel besteht. (Abg. Dr. Stefan Fulst-Blei SPD: Klar! Bei Ihrer Po- litik! – Lachen der Abg. Daniel Lede Abal und And- reas Schwarz GRÜNE – Gegenruf des Abg. Dr. Stefan Fulst-Blei SPD: Ist doch so! – Abg. Daniel Lede Abal GRÜNE schüttelt den Kopf.) Daher müssen wir auch das in diese Debatte mit einbeziehen. Nochmals ganz konkret: Der wichtigste Bereich, auf den wir uns derzeit konzentrieren, ist die Frage, wie wir Lehrkräfte gewinnen können. Ich möchte wirklich deutlich darauf hinweisen, dass wir es in Baden-Württemberg in den vergangenen Jahren an vielen Stellen geschafft haben, G 9 umzusetzen und entsprechende Möglichkeiten zu schaffen. Man kann auch nicht sagen, dass die G-8-Gymnasien derzeit unter einem Mangel an Schülerinnen und Schülern leiden würden; ganz im Gegenteil. Sie haben oftmals auch kritisiert, dass es zu hohe Übergangszahlen in die Gymnasien gebe. Wir werden uns der Debatte natürlich stellen, aber – das möchte ich zum Schluss ganz deutlich sagen – wir werden uns vor allem dem stellen, was uns die Wissenschaft als Aufgabe mit auf den Weg gegeben hat. Wir werden die IQB-Ergebnisse ganz deutlich in den Blick nehmen. Wir haben dazu bereits viele wichtige Aspekte im Haushalt auf den Weg gebracht. Wir haben die sozialindexbasierte Ressourcensteuerung auf den Weg gebracht, (Abg. Andreas Stoch SPD: Vier Modellversuche! Wie viele Schulen?) wir haben Modellversuche mit multiprofessionellen Teams auf den Weg gebracht. Wir haben mit BiSS und „Starke BA-SIS!“ Konzepte auf den Weg gebracht, um die Grundschulen zu stärken. Da werden wir auch weiterhin ansetzen. (Staatssekretärin Sandra Boser) Und ja, das sind alles Ansätze, lieber Herr Kollege Stoch, und deswegen darf ich Ihnen ganz deutlich sagen: Wir sind mit diesen Maßnahmen erst am Anfang – das heißt, wir müssen auch da weiter investieren. (Abg. Dr. Stefan Fulst-Blei SPD: Wie lange regieren Sie schon?) Die Frage wird sich am Ende auch für Sie stellen: Wo wollen Sie investieren im Zusammenhang mit Lehrkräftemangel, im Zusammenhang mit einem Ressourcenmangel? Wir wissen, wo unser Fokus liegen muss; wir legen unseren Fokus auf die Lehrkräfteausbildung, auf die Frage, wie wir die sozialen Unterschiede im Bereich des Bildungssystems angehen können. Wir wollen die Bildungsgerechtigkeit angehen, wir wollen die Stärkung der Grundschulen angehen, wir wollen die Basiskompetenzen bei den Schülerinnen und Schülern in unserem Land angehen, wir wollen, (Abg. Andreas Stoch SPD: „Wir wollen“! „Wir wol- len“! „Wir wollen“!) dass die Schülerinnen und Schüler in unserem Land alle eine Chance haben, um in ihrem Leben am Ende das Bestmögliche zu erreichen. Dazu brauchen wir den Fokus, und diesen werden wir auch darauf legen. (Beifall bei den Grünen – Vereinzelt Beifall bei der CDU)

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