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Dr. Rainer Balzer

AfD 01.02.2023 Sitzungen 17/56

Sehr geehrte Frau Präsidentin, sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete! Worüber reden wir hier eigentlich? 2004/2005 wurde G 8, der achtjährige Bildungsgang, flächendeckend an allen Gymnasien in Baden-Württemberg eingeführt, und seit fast 20 Jahren – es sind 19 Jahre – wird nun über dieses Thema herumdebattiert und mit der Feile optimiert. Also, ein großer Wurf kann es ja wohl nicht gewesen sein, und gut ist es auch nicht geworden. Erinnern wir uns nämlich an die Ziele: Erstens: Die Schulzeit sollte ohne Niveauverlust – das ist schon eine interessante Formulierung; das würde ja heißen, dass man in den neun Jahren vorher geschlafen hat – um ein Jahr verkürzt werden, und es sollte nach acht Jahren die allgemeine Hochschulreife erreicht werden. Zweitens: Die Ausbildungszeiten sollten an internationale Standards angepasst werden und so die Chancen der Abiturienten in einer weiteren Ausbildung und beim Einstieg in die Berufswelt verbessert werden. Das Problem wurde damals schon erkannt: Wir haben überall zu alte Absolventen. Deshalb haben wir unser „Guter Schulstart“-Gesetz vorgestellt und gesagt: Das Problem ist wie meist – diese Ausdrucksweise verwenden Sie ja gern –: Mit dem Anfang fängt es an. Wenn die Kinder erst mit sieben Jahren anfangen, in die Schule zu gehen, dann sind sie entsprechend alt, wenn sie wieder herauskommen. (Beifall bei der AfD) Das dritte Ziel war, mit einem neuen Bildungsplan bei Abschaffung der alten Lehrpläne – auch hier eine neue Wortschöpfung – eine neue Schul- und Unterrichtskultur zu schaffen, welche die Überlastung der Schüler – möglicherweise auch der Lehrkräfte – vermeiden sollte. (Dr. Rainer Balzer) Die geäußerten Kritikpunkte gegen diese Vorhaben waren damals wie heute dieselben; wir sprechen von einem Vorhaben, das fast 20 Jahre alt ist. Aber die damalige Landesregierung blieb taub – und die jetzige ist es anscheinend heute noch. Im April 2016 hat der Philologenverband Baden-Württemberg eine Petition verfasst und appelliert, in den Koalitionsverhandlungen weitere G-9-Standorte zu ermöglichen – wir reden nicht davon, dass man mit dem Rasenmäher drübergehen und alles gleichmachen muss; das möchte ich an dieser Stelle betonen –, wenn die Schulen, die Schulträger, die Schüler und die Eltern vor Ort dies wünschen. 15 000 Unterschriften zur Wahlfreiheit wurden an die damalige Kultusministerin Eisenmann übergeben. Doch die Landesregierung beharrt auf ihrer Linie, trotz Eltern- und Schülerwünschen, trotz offensichtlich negativer Folgen, die vorhin ja schon plastisch dargestellt worden sind: Die Schüler haben zu wenig Zeit für außerschulische Angebote. Auch Aushöhlung des Familienlebens, Verschärfung der sozialen Auslese – was Sie ja angeblich immer vermeiden wollen –, all diese Dinge sind schon diskutiert worden. Andere Bundesländer wie z. B. Bayern oder Sachsen waren da anscheinend lernfähiger – ich will nicht sagen schlauer, aber lernfähiger. Wir hingegen bleiben, obwohl sich die Leistungen der Schülerinnen und Schüler in unserem Land im internationalen Wettbewerb in den Vergleichstests rasant verschlechtert haben, weiter bei dieser Linie. Das nenne ich Verantwortungslosigkeit. (Beifall bei der AfD) Wir alle wissen: Das 21. Jahrhundert ist von Schnelllebigkeit und hoher Komplexität auch in der technischen Entwicklung geprägt. Wenn wir die Kinder in unserem Land auf eine komplexer werdende Welt gut vorbereiten wollen, muss es dann ausgerechnet die Verkürzung der Schul- und Ausbildungszeit sein? Ich erinnere noch einmal daran: vielleicht frühzeitiger anfangen. Ich will jetzt nicht sagen, dass wir uns Rezepte aus China oder anderen diktatorischen Staaten anschauen müssten, aber ein bisschen den Blick über die eigene Grenze zu weiten hat noch niemandem geschadet. (Beifall bei der AfD) Deswegen die Frage an die Landesregierung, aber auch an Sie alle: Ist Ihnen der Begriff „Bletting-Studies“ bekannt? Das sollten Sie eigentlich wissen. „Bletting-Studies“ sind ein Konzept, um die Differenzen zwischen fachlicher und menschlicher Entwicklung, also Qualifikation, zu kompensieren. Es sieht vor, bestimmte Defizite auszugleichen, die durch eine zügige Bildungskarriere beinahe zwangsläufig entstehen, z. B. Defizite im Bereich der musischen Bildung – der Musik, der Malerei, der bildenden Kunst –, der Betätigung im Sportverein usw. Dass das notwendig ist, sagt Ihnen jeder Personaler; ob Sie nun zu einer großen Versicherung oder zu einem Autohaus gehen, Sie hören überall mehr oder weniger dasselbe. Aber anscheinend kommt das bei Ihnen nicht an. Der ehemalige BDI-Präsident Grillo hat bilanziert: Den jungen Leuten fehlt ein gewisser Reifungsprozess. Ach nee! Meine Damen und Herren, es gibt klar motivierte, gut motivierte, begabte – das hören Sie ja nicht so gern – und leistungsstariode – 56. Sitzung – Mittwoch, 1. Februar 2023 ke Schüler, die mit G 8 klarkommen. Deswegen habe ich mich an dieser Stelle auch schon für den Erhalt desselben ausgesprochen. Dass die Mehrheit damit nicht klarkommt, ist eine andere Wahrheit. Aber für 10 % ist das richtig; vielleicht sind es auch 15 %. Deswegen macht ein Gymnasium mit zwei Geschwindigkeiten absolut Sinn und wird den Schülern mehr gerecht als das bisherige. Unter diesem sorgfältigen Abwägen muss man auch den Schnellschuss der SPD, den Antrag von heute, ablehnen. Übrigens: Es gibt natürlich genug Alternativen. Wir denken an dieser Stelle an die berufliche Orientierung, die ja hier auch immer gepriesen wird, also an die beruflichen Gymnasien, an sozialpädagogische Gymnasien, Wirtschaftsgymnasien, technische Gymnasien und andere. Meine Damen und Herren, mit Schnelldurchgängen werden wir weder Reife noch Durchdringung von Wissen erreichen, geschweige denn ein wirkliches Verstehen oder eine vertiefte Allgemeinbildung. In China sagt man: Nicht durch Aufschlagen, sondern durch Ausbrüten wird aus dem Ei ein Küken. Danke fürs Zuhören. (Beifall bei Abgeordneten der AfD)

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