Dorothea Wehinger
Sehr geehrter Herr Präsident, verehrte Kolleginnen und Kollegen! Die AfD will heute in der zweiten Lesung mit ihrem Entwurf eines Gesetzes zur Verbesserung der Rahmenbedingungen für einen erfolgreichen Schulstart bzw. dem Entwurf eines Gesetzes zur Änderung des Kindertagesbetreuungsgesetzes erreichen, dass die Kinder im letzten Kindergartenjahr schulreif gemacht werden. Die AfD hat aber nicht verstanden, dass Lernen nicht erst in ihrer sogenannten Vorschulklasse beginnt. Lernen beginnt bei null. Mit Eintritt des Kindes in den Kindergarten wird es dort dem kindlichen Lernvermögen entsprechend gefördert. Die AfD verlangt in ihrem Gesetzentwurf mit festgelegter Stundenzahl und unter einem Leistungsprinzip den Unterricht in Deutsch und Rechnen sowie in Sport und Heimatkunde. Das i-Tüpfelchen ihrer Vorstellungen ist, dass es am Schluss, also am Ende des Kindergartenjahrs, am Ende der Kindergartenzeit, eine Abschlussprüfung geben soll, bei der Lernerfolg, Verhalten und Mitarbeit benotet werden sollen. Wir lehnen mit mehrheitlicher Zustimmung des Bildungsausschusses diesen Gesetzentwurf der AfD ab. Denn erstens entspricht dieser Leistungsdruck nicht der frühkindlichen Pädagogik. (Abg. Emil Sänze AfD: Das sieht man an der aktuel- len Umfrage!) Zweitens werden mit Ihrem Gesetzentwurf keine verbesserten Rahmenbedingungen für einen erfolgreichen Schulstart geschaffen. Vielmehr würden Kinder dadurch ausgemustert, weil sie vielleicht nicht bestanden haben, vielleicht die Note „Fünf“ haben. Das würde genau das bewirken, was Sie, die AfD, beanstanden – und Sie fordern in Ihrem Gesetzentwurf auch, dass es keine Zurückstellungen gibt –: Die Kinder müssten zurückgestellt werden. Drittens: Tatsächlich müssen die Sprachförderung und das Sprachverständnis gestärkt und gefördert werden. Deshalb kämpfen wir auch entschieden dafür, dass die Sprachkitas vonseiten des Bundes verlängert werden. Denn die müssen Bestandteil der Kitas bleiben. Daneben aber muss die alltagsintegrierte Sprachförderung verstärkt werden. Ihre Forderungen – die Forderungen der AfD – nach Sprachförderung im Stundentakt entsprechen nicht einer zeitgemäßen und kindgerechten Pädagogik. Viertens: Mathematische Vorläuferkompetenzen wie Mengen Begreifen haben ebenso Platz im Kindergartenalltag und sind dort fest verankert – sei es nun bei Fingerspielen, sei es nun bei Tischspielen, wo Zahlen einfach gang und gäbe sind, sei es im Einteilen von Gruppen, also Zahlengruppen von eins bis zehn; sogar bis 100 sind sie dort an der Tagesordnung. Wenn man dann auch sieht, wie viele Häuser der kleinen Forscher es gibt, wo das Zahlenverständnis, die Mengenbegreifung vorn anstehen, stellt man fest: Auch diesbezüglich ist Ihre Forderung nicht gerechtfertigt. (Beifall bei den Grünen und Abgeordneten der CDU) (Dorothea Wehinger) Fünftens: Was die Feinmotorik anbetrifft, so wird die beim Basteln, beim Malen, beim Werken, selbst beim selbstständigen Anziehen eingeübt. Wenn ich einen Knopf zumachen muss, brauche ich die Feinmotorik, brauche ich meine Finger dazu. Das wird also mit Spaß und Freude im alltäglichen Tun eingeübt, ohne dass ich darauf Druck ausüben müsste. Ich möchte auch das Sandkastenspiel, das vorhin genannt wurde, kurz ansprechen. Sandkastenspiele haben vielleicht Männer, die hier im Raum sitzen, in der Kindheit zu wenig gespielt. (Heiterkeit – Beifall bei Abgeordneten der Grünen und der CDU) Deswegen plädiere ich entschieden dafür, dass das Sandkastenspiel in allen Kitas weiterhin eine ganz hohe Priorität haben muss. Denn dort werden sowohl die Grobmotorik – wenn ich schaufle – als auch die Feinmotorik – wenn ich Burgen baue; dazu brauche ich nun einmal meine zehn Finger, wenn ich daran arbeite – im höchsten Sinn gestärkt. Der letzte Punkt, warum wir den Gesetzentwurf ablehnen, ist – das beanstanden Sie ja – die räumliche Orientierung. Die bekommen die Kinder in einer Bewegungsbaustelle oder in angeleiteten Turnstunden, was regelmäßig in den Kitas gemacht wird, aber auch beim Draußenspielen und beim Bauen – wie ich es gerade genannt habe –, bei Wald- und Wiesenspaziergängen. Daher ist die räumliche Orientierung, ohne dass ich dafür eine Schulstunde brauche, gang und gäbe. (Beifall bei den Grünen und Abgeordneten der CDU) Kinder werden im letzten Kindergartenjahr gut auf die Schule vorbereitet. Sie werden in der Gruppe, aber auch individuell durch vielfältige Angebote und Aktivitäten, die ihrem Alter, ihrem Können, aber auch, wenn nötig, ihrem Unterstützungsbedarf entsprechen, gefördert. Das wird auch durch die Kooperation mit den Grundschulen sehr unterstützt, aber auch durch den zeitnahen Austausch mit den Eltern. Abstriche bei Standards, wie es heute in den „Stuttgarter Nachrichten“ steht, dadurch, dass das Kultusministerium erlaubt, (Glocke des Präsidenten) Gruppen um zwei Kinder zu vergrößern, darf es nicht geben. Wir arbeiten noch mehr an der Qualität, indem wir hoffentlich auch den Orientierungsplan im neuen Haushalt implementieren. Denn die Qualität brauchen wir dringendst. Aber wir brauchen umso mehr gut ausgebildete Fachkräfte, die die Kinder mit Freude, aber auch mit hohem Fachwissen unterstützen.
