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Katrin Steinhülb-Joos

SPD 21.07.2022 Sitzungen 17/44

Liebe Frau Schopper, herzlichen Dank für das Zulassen der Zwischenfrage. – Berufsorientierung ist sehr wichtig; das haben Sie gerade ausgeführt. Warum steigt dann das Land aus der Finanzierung der Berufseinstiegsbegleitung aus? Denn das ist auch ein sehr wichtiger Teil dieser ganzen Berufsorientierung. Ministerin für Kultus, Jugend und Sport Theresa Schopper: Frau Steinhülb-Joos, das haben wir im Ausschuss jetzt schon öfter diskutiert. Der Punkt ist: Wir sitzen daran, die jetzigen Maßnahmen noch im Haushalt zu verankern. Aber wir haben Alternativen dazu, und wir haben aufgrund dessen, dass es nicht überall angeboten wird – auch nicht in Städten, in denen ich es für dringend notwendig gehalten hätte –, gesagt: Wir müssen Prioritäten setzen. Der Haushalt wird uns leider auch dazu zwingen. Das ist ein Teil davon. Nichtsdestotrotz, in der Berufsorientierung sind an allen Ecken und Enden Maßnahmen notwendig. Auch im akademischen Bereich fehlen uns die Leute. Überall wird geklagt: Es fehlen Ingenieure, es fehlen Astrophysiker, wir haben einen Mangel im MINT-Bereich, und wir haben einen Mangel bei Lehrerinnen und Lehrern. Das sind akademische Berufe, aber wir haben natürlich auch eine riesige Lücke, was Handwerksbetriebe anbelangt. eriode – 44. Sitzung – Donnerstag, 21. Juli 2022 Frau Trauschel hat ja schon gesagt, dass wir im Bereich des klassischen Handwerks heutzutage trotz aller Maßnahmen Probleme haben. Ich sehe Martin Grath, einen Bäcker, in den Reihen der Abgeordneten – es ist ja nicht so häufig, dass hier Handwerker vertreten sind – und weiß: Es gibt Handwerksbetriebe, die schon seit Jahren niemanden mehr finden. Ich war etwa in Lörrach; dort werden indische Metzger für die Berufsschule vorbereitet. Wir sind also schon so weit, dass wir es mit ganz anderen Fachgruppen versuchen, weil wir im Handwerk eben niemanden mehr finden. Ich glaube, da sind wir, bei aller Berufsorientierung, schon relativ am Ende, weil wir nämlich insofern in einem demografischen Dilemma sind, als, wie Sie wissen, die Zahl der 15- bis 64-Jährigen bis zum Jahr 2030 um 11 % sinken wird. Auch ich gehöre ja zu denen, die in diesem Zeitraum irgendwann 64 werden. Noch sind wir sehr viele in diesem Alter, aber bei den nachfolgenden Jahrgängen kommen wir schon jetzt in eine andere Situation. Es werden immer weniger Schulabgängerinnen und Schulabgänger. Fachkräfte werden aber trotzdem dringend benötigt, und zwar in jedem Bereich, beispielsweise – da schaue ich Petra Krebs an – in der Altenpflege oder in der Krankenpflege. Das gilt aber auch bei den Erzieherinnen und Erziehern; in allen Bereichen werden händeringend Menschen gesucht, die in solche Berufe gehen. (Abg. Anton Baron AfD: Was Erzieher betrifft, gibt es doch genügend Studienabbrecher aus den Lehr- amtsstudiengängen! Die meisten Studienabbrecher gibt es doch in Ihrer Partei!) – Der Beruf der Erzieherin erfordert kein Studium, ebenso wenig wie die Altenpflege, Herr Baron. Sie hätten sich da besser ein wenig kundiger gemacht. Die Stärkung der beruflichen Orientierung in den Schulen ist ein sehr wichtiger Punkt. Das, was Sie angesprochen haben, zeigt sich leider sehr oft: Häufig sind die Eltern die erste Instanz bei der Frage, für welchen Beruf sich ein junger Mensch entscheidet. Eine Offenheit für eine berufliche Ausbildung ist dort nicht immer gegeben, gerade wenn man in den gymnasialen Bereich schaut. Die zweite Instanz ist dann die Schule; das ist der Bereich, in dem wir ansetzen können, wo wir entsprechend vorbereiten können. Tatsächlich sehen wir dort, dass es im gymnasialen Bereich noch Luft nach oben gibt. Zwar gibt es Tandempartner sowie Ausbildungsbotschafterinnen und Ausbildungsbotschafter, aber wenn mir dann der Ehrenvorsitzende der IHK Südbaden erzählt, er, selbst Betriebsinhaber, sei in einem beruflichen Gymnasium gewesen, und das sei wunderbar gewesen – es war vor Coronazeiten –; nachdem er sich jedoch verabschiedet gehabt habe und nach draußen gegangen sei, habe er gehört, wie die Lehrkraft gesagt habe: „Vergesst bitte, was er gesagt hat; ihr studiert sowieso“, dann weiß ich, dass es hier einen Handlungsbedarf gibt, denn das ist ein Mindset. (Zuruf des Abg. Daniel Born SPD) – Nein, das ist ein Mindset, lieber Kollege Daniel Born, und nur, weil wir es in ein Gesetz schreiben, ändert sich doch das Mindset nicht. (Zu- und Gegenrufe) (Ministerin Theresa Schopper) Das müssen wir doch zu ändern und zu leben versuchen. Das haben wir schon gemacht, indem wir die Leitperspektiven gemeinsam in den Bildungsplänen verankert haben. (Abg. Dr. Stefan Fulst-Blei SPD: Hat das funktio- niert?) – Und es funktioniert. Wir haben das BOGY, und wir haben jetzt – gerade nach Corona – auf der einen Seite noch einmal verschärft in den Bereich hineingegeben, was wir alles an beruflicher Orientierung haben. (Abg. Sascha Binder SPD: Das Parlament ist aber für Gesetze zuständig!) Auf der anderen Seite bekommen wir natürlich auch die Rückmeldungen – das stand auch in der Bertelsmann-Studie, die Sie sicher auch kennen und die erst letztens veröffentlicht wurde –, dass 37 % der Jugendlichen empfanden, dass sie bei der beruflichen Orientierung zu wenig unterstützt wurden. Auf der einen Seite fühlen sich manche zu wenig informiert, auf der anderen Seite manche wiederum zu viel. Ich habe die Rückmeldung aus Schulen bekommen, man sollte steuern, aber nicht übersteuern. Wir müssen das auch in der Balance entsprechend auf die Reihe bekommen. Die berufliche Orientierung verstärkt in den Fokus zu nehmen war letzten Herbst auch ein Thema mit der Wirtschaftsministerin. Wir haben einiges dazu getan, beispielsweise die Praktikumswochen. Wir haben die Initiative „BO durchstarten!“ auf den Weg gebracht. Vor den Pfingstferien haben wir gemeinsam mit dem Wirtschaftsministerium, mit den Unternehmen und Verbänden noch einmal das System Ausbildungsbündnis massiv in den Fokus genommen, damit die jungen Leute überhaupt wissen, welche Möglichkeiten es gibt, Praktika zu absolvieren. „Fünf Tage, fünf Berufe, fünf Unternehmen“, das ist nur ein kleines Dip-in – das ist mir klar –, aber man kann sehen, ob es etwas für einen ist oder nicht. Ich gebe Ihnen recht: Auch im MWK haben wir die Initiative „Was studiere ich?“ in dem bewährten Studienorientierungstest so modifiziert, dass genau auch passende Ausbildungsberufe aufgenommen wurden; denn auch dort finde ich es richtig, dass wir die berufliche Orientierung ebenfalls in den Fokus nehmen. Denn das Aufstiegsversprechen – ich weiß nicht mehr, wer es gesagt hat – bietet oftmals über Handwerks- und vor allem MINT-Berufe eine deutlich bessere Möglichkeit, um sich mit einem guten finanziellen Hintergrund seine Vorstellungen und Wünsche im Beruf zu verwirklichen. Ich sehe es von mehreren Seiten aus so – dies sagten Frau Trauschel und Herr Dr. Fulst-Blei, und ich gebe ihnen darin vollkommen recht –: Wer eine Lehre gemacht hat, studiert anders. Viele Abiturientinnen und Abiturienten, die eine Lehre machen, studieren danach noch. Es ist aber so, dass auch die Betriebe sagen: Das ist für uns auch okay, weil sie oftmals im Sinne eines Klebeeffekts wieder zurückkommen. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass man ganz anders studiert, wenn man eine Ausbildung gemacht hat, weil man eine ganz andere Prozessorientierung hat. Nur möchte ich das niemandem vorschreiben; ich möchte aber, dass wir es verstärkt in den Fokus nehmen, damit es gerade auch an den Gymnasien entsprechend beworben wird. riode – 44. Sitzung – Donnerstag, 21. Juli 2022 (Beifall bei den Grünen und Abgeordneten der CDU – Abg. Martin Grath GRÜNE: Sehr gut!) Wir haben aber auch die andere Erfahrung, dass Leute, die ein Studium beginnen, dann merken, dass es nichts für sie ist, das Studium abbrechen und dann in eine Lehre gehen. Über eine berufliche Orientierung kann man zum Teil wesentlich besser erkennen – es sind ja keine einfachen Erfahrungen, wenn jemand gescheitert ist –: Ein Studium ist vielleicht nicht das Richtige. Ich denke aber trotzdem zum Gesetzentwurf der SPD: Allein dadurch, dass man etwas in ein Gesetz hineinschreibt, haben wir noch nichts geändert. Es müssen Taten folgen. Ich sage Ihnen: Im Schulgesetz – § 1 Absatz 2 – ist es bereits verankert. Die Kollegen Mettenleiter und Sturm haben noch einmal deutlich gemacht, dass alle Schularten den Auftrag haben, die jungen Menschen im Land auf die Mannigfaltigkeit der Lebensaufgaben sowie die Anforderungen der Berufs- und Arbeitswelt mit ihren unterschiedlichen Aufgaben und Entwicklungen vorzubereiten. Das ist Gesetzestext, und wenn sich alle an diesen halten, haben wir in dieser Richtung schon einiges erreicht. Die berufliche Orientierung, auch mit der Perspektive Ausbildung, ist zentrale Aufgabe aller Schularten sowie der allgemeinbildenden Gymnasien. In der Verwaltungsvorschrift Berufliche Orientierung von 2017 wird dazu noch weiter ausgeführt, dass die berufliche Orientierung an allen Schulen „sowohl Maßnahmen der Ausbildungsorientierung als auch der Studienorientierung“ umfasst. Also, auch da ist es sozusagen mit auf den Weg gebracht: Die Schule vermittelt Kenntnisse über Berufs-, Ausbildungs- und Studienfelder, informiert über Strukturen der Berufswelt sowie Anforderungen und Perspektiven der beruflichen und akademischen Bildung und ermöglicht Einblicke und erste Erfahrungen in der Arbeitswelt. Daher ist es so: Wir müssen es leben, und wir müssen installieren, dass dies wirklich ein fester Bestandteil wird: dass wir neben der Studierfähigkeit, neben dem, was nach dem Abitur an einer Universität stattfinden kann, die berufliche Orientierung massiv, zentral mit ins Feld nehmen. Wir werden aber trotzdem dem demografischen Dilemma nicht entkommen, dass wir momentan einen Kampf um alle Köpfe haben. Das Gute ist, sage ich einmal – – Ich war am letzten Montag in einer „AV Dual“-Klasse in Heilbronn. Da bekommen alle eine Ausbildung, die vorher niemand von hinten angeschaut hat. Da muss man noch mal schauen, dass sie dann auch die richtige Ausbildung bekommen. Es darf nicht der Fall eintreten, dass man z. B. die Ausbildung zum Anlagen- und Systemtechniker machen soll, diese aber vielleicht aufgrund der Sprachkenntnisse nicht packt, obwohl man eine andere Ausbildung erfolgreich absolvieren könnte. Da brauchen wir das Matching. Deswegen bin ich so froh, dass wir auch Tandempartner an den Schulen haben, damit dort der Erwartungshorizont entsprechend gemanagt wird. Denn nichts ist schlimmer, als tatsächlich in einen Irrlauf zu gehen. Daher freue ich mich, dass wir bei den Maßnahmen zur beruflichen Bildung an einem Strang ziehen, auch wenn wir dem (Ministerin Theresa Schopper) Anliegen der SPD, dies jetzt in den Gesetzestext aufzunehmen, nicht nachkommen. Aber ich sage es einmal so: Da halte ich es lieber mit Konfuzius: Wähle einen Beruf, den du liebst, und du brauchst keinen Tag in deinem Leben mehr zu arbeiten. (Abg. Dr. Alexander Becker CDU: Sehr schön!) In diesem Sinn hoffe ich, dass Sie alle hier danach arbeiten können. (Beifall bei den Grünen und Abgeordneten der CDU)

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