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Alena Trauschel

FDP 21.07.2022 Sitzungen 17/44

Sehr geehrter Herr Präsident, liebe Kolleginnen und Kollegen! Stellen Sie sich vor, Sie sind 16 Jahre alt und besuchen die Oberstufe eines Gymnasiums. Sie müssen sich allmählich überlegen, wohin Sie im Leben wollen; das ist die Anspruchshaltung Ihres Umfelds an Sie. Die Pubertät stellt Sie vor die üblichen Herausforderungen eines Teenagers. Dann sollen Sie in Ihrer Schulklasse vor all Ihren Klassenkameraden sagen, was Sie einmal beruflich machen wollen. Sie antworten ehrlich: „Irgendetwas Praktisches, im Handwerk. Vielleicht Kfz-Mechatroniker.“ So weit, so gut. Dann fragt Sie der Lehrer oder die Lehrerin: „Aber warum besuchst du dann die Oberstufe eines Gymnasiums?“ Die klare Botschaft lautet, das Handwerk sei nichts für Gymnasiasten, es sei die falsche Entscheidung, mit Abitur eine Lehre zu machen. Wie würden Sie sich in einer solchen Situation fühlen? (Abg. Thomas Poreski GRÜNE: Schlechter Lehrer!) Wahrscheinlich nicht bestätigt in Ihrem Lebensweg und in Ihrer persönlichen Entscheidungsfindung, sondern verunsichert. Diese Situation hat sich so bei meinem Bruder zugetragen, der heute Schreinermeister ist und seinen Ausbildungsbetrieb übernommen hat. Aber bei wie vielen Tausend anderen Schülerinnen und Schülern trägt sich das jedes Jahr so zu, die sich dann von ihrem Weg abbringen lassen und unglücklich studieren, nur um studiert zu haben? Wie viele handwerkliche Talente gehen uns dadurch verloren? Die Realität ist doch folgende: Die deutschen Handwerker sind die besten der Welt. Sie sind das Rückgrat der deutschen Wirtschaft. Das duale Ausbildungssystem ist ein phänomenaler Erfolg, denn es bringt hervorragende Fachkräfte hervor (Alena Trauschel) und sorgt für eine der geringsten Jugendarbeitslosenquoten der Welt. Dennoch haben wir uns über Jahre von der OECD, aber auch von gewissen politischen Strömungen einreden lassen, unsere Akademikerinnen- und Akademikerquote sei zu gering. Erinnern Sie sich noch an die Überschriften „OECD rügt Deutschland für geringe Akademikerrate“ oder „Bildung: Akademikernotstand?“? So wurde die Zielsetzung geboren, die Hälfte eines Jahrgangs müsse Abitur machen. Meinetwegen können wir das so machen; das führt auch zu mehr Entscheidungsfreiheit für die Menschen, auch wenn ich der dahinter stehenden Grundhaltung, der Mensch fange erst beim Abitur an, entschieden widersprechen möchte. (Beifall bei der FDP/DVP sowie Abgeordneten der Grünen, der CDU und der SPD) Aber dann müssen wir doch so ehrlich sein und den Jugendlichen sagen, dass am Ende nicht jede oder jeder von ihnen auf einem Lehrstuhl an der Uni sitzt oder in einem Café im Prenzlauer Berg und die zehnte Dating-App erfindet. Irgendwer muss auch noch etwas anpacken. Wenn ich mir die Stundensätze anschaue, die teilweise aufgerufen werden, dann stelle ich fest, dass die Menschen in diesem Land bereit sind, für die hohe Handwerksqualität ordentlich zu bezahlen. Davon könnte so manche Akademikerin und so mancher Akademiker träumen. Das größte Problem ist inzwischen eher, überhaupt einen Handwerker zu bekommen. Die Wartezeiten erstrecken sich nicht selten über viele Monate. Gleichzeitig bleibt fast die Hälfte der Ausbildungsplätze in Baden-Württemberg unbesetzt. Übrigens geht die Geringschätzung des Handwerks mit der Geringschätzung der Selbstständigkeit Hand in Hand. Denn besonders viele kleine Unternehmen sind Handwerksunternehmen; der Anteil der Selbstständigen ist hier besonders hoch. Wie der deutsche Staat auf die Selbstständigkeit schaut, wurde dieser Tage im Jobcenter Kaiserslautern deutlich, wo es in einer Ausschreibung, über die Fachleute zur Eingliederung von Migranten in den deutschen Arbeitsmarkt gesucht wurden, hieß – ich zitiere –: Die Selbstständigkeit als Alternative zu einem regulären Arbeitsverhältnis soll während der Maßnahme sehr kritisch betrachtet werden. ... Hierbei sollen die Nachteile der Selbstständigkeit deutlich hervorgehoben werden. … Insgesamt ist verstärkt auf die negativen Seiten der Selbstständigkeit einzugehen. Gegebenenfalls können während der Maßnahme zur Verdeutlichung der Nachteile Gastredner hinzugezogen werden, die von ihren negativen Erfahrungen mit der Selbständigkeit berichten. Sehr geehrte Damen und Herren, diesem negativen Bild von beruflicher Bildung, Handwerk und Selbstständigkeit entgegenzuwirken ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, der wir uns auch als Parlamentarier geschlossen stellen müssen. Die Steigerung der Attraktivität und vor allem der Sichtbarkeit der beruflichen Ausbildung insbesondere in der gymnasialen Oberstufe tut daher dringend not. Die Gesetzesändeeriode – 44. Sitzung – Donnerstag, 21. Juli 2022 rung, die die SPD heute vorschlägt, ist dafür ein richtiger erster Schritt, den die Freien Demokraten unterstützen. Dabei darf es aber nicht bleiben. Das muss der Urknall sein, der sich dann in gelebte Praxis ausdehnt. Nur dann wird in der Mehrheitsgesellschaft auch langfristig ankommen, dass Ausbildung und Studium gleichermaßen tolle berufliche Perspektiven bieten. Lassen Sie uns weiter gemeinsam daran arbeiten, damit jeder nach seiner Fasson glücklich werden kann. Danke schön. (Beifall bei der FDP/DVP)

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