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Stefanie Seemann

GRÜNE 23.06.2022 Sitzungen 17/41

Sehr geehrte Frau Präsidentin, liebe Kolleginnen und Kollegen! Unentgeltlich, ja wirklich unbezahlbar, so ist das Ehrenamt in Baden-Württemberg. Auch wenn der Begriff „Ehrenamt“ eher etwas altertümlich und fast aus der Zeit gefallen scheint, so ist ehrenamtliches, freiwilliges und unentgeltliches Engagement dies keineswegs. So vielfältig wie unser Land sieht auch die Landschaft des Ehrenamts aus. Das Ehrenamt blüht und gedeiht, treibt neue Pflänzchen und braucht natürlich auch Pflege. Aber das Land Baden-Württemberg wässert und düngt mit Zuschüssen, und es kümmert sich auch um die Bedingungen, unter denen die Ehrenamtslandschaft weiter gedeihen kann. Aus dem Freiwilligensurvey 2019 wissen wir: Auf dem Land engagieren sich mehr Menschen als in der Stadt. Es engagieren sich auch deutlich mehr Menschen mit hoher Bildung. Das Fazit des Freiwilligensurveys 2019 muss uns allen zu denken geben: Längst nicht alle Bevölkerungsgruppen können in gleichem Maß im Rahmen freiwilligen Engagements an der Gesellschaft teilhaben, sich beteiligen und einbringen. Vielfach fehlen die Menschen mit Migrationshintergrund, und weniger Menschen mit niedrigem Bildungsabschluss sind dabei. Aber freiwilliges Engagement darf keine Frage der Bildung oder der Herkunft sein; denn ein Ehrenamt zu übernehmen, sich gesellschaftlich zu engagieren ist schlichtweg unbezahlbar. (Beifall bei den Grünen und Abgeordneten der CDU) Dieses „Unbezahlbare“ ist für die Gesellschaft, in deren Sphäre das Engagement stattfindet, ein Wert an sich, und genauso auch für all diejenigen, die ihre Kraft, ihre Lebensenergie und ihr Wissen im sozialen Miteinander leben lassen. Sie wollen einen Teil des gesellschaftlichen Lebens mitgestalten. Sie wollen helfen. Sie wollen ihre Passion weitervermitteln. Sie wollen Teilhabe für sich und für ihnen Anvertraute erreichen, und das immer gemeinsam mit anderen. So schaffen sie den so wichtigen Zusammenhalt der Gesellschaft. All dies ist unbezahlbar, ebenso wie das Lernen aneinander und miteinander, das gemeinsame Gestalten von Erfahrungsräumen, die gemeinsame Spielfreude und Fürsorge, das Ausdrücken von Protest sowie das Aktivieren sozialer Spielräume und Aufbrüche. Denn egal, ob wir es jetzt freiwilliges Engagement, Ehrenamt oder Teilhabe nennen, im Kern geht es darum, dass Menschen in ihrer Freizeit aus innerem Antrieb unser Zusammenleben gestalten, weil sie es wichtig finden, weil es ihnen selbst Spaß macht und weil es sie auch selbst bereichert. So wird Gemeinschaft gelebt. Gemeinsames, freiwilliges Engagement ist ein entgeltfreier Raum. Er entzieht sich den Bewertungen einer zahlen-, bilanz- und konsumorientierten Gesellschaft. Die Unentgeltlichkeit ist ein wichtiger Bestandteil, um frei und unabhängig für etwas einzutreten, um Spielräume auszuloten, Traditionen zu bewahren oder Neues auf den Weg zu bringen. Freiwilliges Engagement ist weitaus mehr als ein Hobby, mehr als eigene Vorlieben zu pflegen, mehr als Brauchtumspflege. Freiwilliges Engagement ist systemtragender und marktunabhängiger Bestandteil unseres sozialen Miteinanders. (Stefanie Seemann) (Beifall bei den Grünen und Abgeordneten der CDU sowie der Abg. Andreas Kenner und Gernot Gruber SPD) Freiwilliges Engagement braucht aber Unterstützung, egal, in welchem Rahmen es stattfindet. Einiges an Unterstützung haben wir im Land schon auf den Weg gebracht. Beim Abbau von Bürokratie und bei der Schaffung finanzieller Erleichterungen ist schon etliches erreicht worden. Dass so viele der Empfehlungen des Normenkontrollrats angegangen wurden und teilweise auch schon umgesetzt sind, ist wirklich positiv zu vermerken. Mir persönlich ist es besonders wichtig, junge Menschen zu motivieren und Räume für Engagement bereitzuhalten. Wichtig ist aber auch, Offenheit für eigene Wege von jungen Menschen zu zeigen. Wir brauchen deshalb kein Pflichtjahr, sondern Anerkennung, auch Verständnis dafür, dass sich junge Menschen nicht mehr über lange Zeit binden wollen und das oft auch gar nicht mehr können, sondern eher für kurzfristige Projekte zu gewinnen sind. Eine gute Nachricht ist, dass in Baden-Württemberg jede zweite Person ehrenamtlich tätig ist. So viele Menschen engagieren sich im Laufe ihres Lebens für oder auch gegen etwas, und das genau zu dem Zeitpunkt, an dem es für sie selbst als Person und auch in den eigenen Lebensentwurf passt. Ein soziales Pflichtjahr, wie es derzeit diskutiert wird, lehne ich aus diesem Grund auch ab. (Beifall bei den Grünen und der Abg. Dr. Dorothea Kliche-Behnke SPD) Stattdessen sollten wir die Freiwilligendienste attraktiver machen und besser honorieren, damit sich auch alle ein solches Jahr leisten können und dabei nicht von den Eltern finanziell unterstützt werden müssen, um über die Runden zu kommen. Eine Ehrenamtskarte, die all den Bürgerinnen und Bürgern, die sich engagieren, einen Bonus einräumt, mit dem man z. B. kostenlos in ein Museum, ein Freibad kommt oder den Nahverkehr für sein Engagement nutzen kann, ist ein guter Schritt und bedeutet Anerkennung für alle Engagierten. Durch meine Gespräche mit den Verbänden weiß ich, dass sich viele davon noch mehr Wertschätzung des Landes und auch einen neuen Schub erhoffen. Deshalb haben wir die Karte auch im Koalitionsvertrag festgehalten – Kollege Sturm hat gerade schon darauf hingewiesen –, und wir arbeiten mit Hochdruck an der Umsetzung. Unnötige Bürokratie sollten wir dabei vermeiden. Auch das wurde gerade schon genannt. Der Aufwand für die Karte muss für Verwaltung und Engagierte so gering wie möglich gehalten werden. Wichtig ist es mir auch, dass bestehende Nachweise, seien es pädagogische oder andere fachliche Qualifikationen im Sport, im Rettungswesen oder im Naturschutz, auch als Ehrenamtskarte gewertet werden. Denn wer beispielsweise mit der Juleica einen Nachweis führt, dass sie oder er Kinder und Jugendliche in Jugendgruppen oder Ferienfreizeiten pädagogisch betreut, wer sich beispielsweise im Naturschutz beim Projekt StEiN – übersetzt heißt das: Stärkung des Ehrenamts im Naturschutz – fachlich bildet oder wer im Sport Übungsleiterlizenzen erwirbt, dessen Engagement liegt ja wirklich auf der Hand. eriode – 41. Sitzung – Donnerstag, 23. Juni 2022 Eine App, ein QR-Code auf dem Handy sowie eine Ausweiskarte für diejenigen, die das eben lieber haben, sollten genügen. So kann diese Karte ein Erfolgsmodell und eine leicht erreichbare Anerkennung für alle Engagierten werden. Wichtig ist mir aber auch, dass wir schwerer erreichbare Organisationen nicht aus den Augen verlieren, ebenso wie das Engagementfeld außerhalb der Vereine. Wer sich für Seenotrettung, Flüchtlinge, Klimaschutz, CSD oder eine Jugendbude draußen auf dem Land engagiert, darf nicht vergessen werden. Für jemanden, der oder die sich in einer Flüchtlingsunterkunft mit Engagement hervortut, soll es genauso Anerkennung geben wie für die Menschen, die in der freiwilligen Feuerwehr, beim DRK oder beim THW ihren verdienstvollen und stetigen Einsatz bringen. Genau deshalb trete ich dafür ein, dass die regionalen Freiwilligenagenturen weiter ausgebaut werden. Sie sollen vorhandene Strukturen stabilisieren sowie mehr Menschen und unterschiedliche Gruppen für das Engagement begeistern und miteinander vernetzen. Ich sehe sie als Orte der Begegnung, des Austauschs, der Qualifizierung und Beratung. Beispielsweise könnten die Freiwilligenagenturen – ähnlich einer Versicherungsagentur – bei all dem unterstützen und vorbereiten, was mit Verwaltung und Recht zu tun hat. Niemand soll von freiwilligem Engagement ausgeschlossen werden. Herkunft, Bildung oder persönliche Belastungen dürfen kein Hindernis sein. (Beifall bei den Grünen sowie Abgeordneten der CDU und der SPD) Vernetzungsstrukturen sollen integrativ sein und eben nicht in Sektoren wirken. Wir brauchen eine Unterstützung aller gesellschaftlich Engagierten. Wir brauchen einen politischen Rahmen, der gesellschaftliches Engagement schützt, Teilhabe für alle fördert, Menschen in ihrem Engagement unterstützt und anerkennt. Gerade die nicht in verbandlichen oder kirchlichen Strukturen Engagierten brauchen unterstützende Angebote und, damit verbunden, gesellschaftliche Anerkennung. Sichtbarkeit und Anerkennung von freiwilligem Engagement dürfen keine Sache der rechtlichen Verfasstheit sein. Deshalb wollen wir die Ehrenamtslandschaft weiter in einer einfachen, überschaubaren Förderlandschaft pflegen, in der projektorientiert alle Engagementfelder unterstützt werden, mit regionalen Unterstützungsagenturen, die für alle Engagementfelder zuständig sind und für alle Menschen Türen öffnen. Und die Ehrenamtskarte: Sie kommt. (Beifall bei den Grünen und der CDU)

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