Alena Trauschel
Sehr geehrter Herr Präsident, sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen! 17,7 % – das ist laut Deutschem Startup Monitor 2021 der Anteil von Startup-Gründerinnen. Damit ist der Anteil im Vergleich mit den Vorjahren zwar leicht gestiegen, liegt aber weiterhin 20 Prozentpunkte unter dem Frauenanteil bei den Existenzgründungen insgesamt. Da kann man sich schon mal die Fragen stellen, warum das so ist, ob das ein Problem ist und, wenn ja, was dagegen getan werden kann. periode – 40. Sitzung – Mittwoch, 22. Juni 2022 Zunächst der Blick auf die Daten. Im internationalen Vergleich gibt es nur sehr wenige Start-up-Ökosysteme, in denen der Anteil von Gründerinnen deutlich höher ist als in Deutschland. Insbesondere tun sich New York, Chicago und Shanghai hervor, während beispielweise Berlin und Paris noch deutlich unter dem Bundesschnitt liegen. Das könnte darauf hinweisen, dass wir es hier vor allem mit einer Folge individueller Lebensentscheidungen potenzieller Start-up-Gründerinnen zu tun haben. (Zuruf: Richtig!) Übrigens liegen für Baden-Württemberg keine Daten vor, wie aus der Stellungnahme der Landesregierung zu dem heute zur Debatte stehenden Antrag deutlich wird. Vielleicht wollen wir an diesem Punkt einmal ansetzen, Frau Hoffmeister-Kraut. (Beifall bei der FDP/DVP) Schauen wir weiter in die Daten, können wir feststellen, dass die Potenziale durchaus gegeben sind. Im Start-up-Bereich machen Menschen mit akademischem Hintergrund in Wirtschaftswissenschaften oder MINT den größten Anteil der Gründer aus. Unter den Absolventen der Wirtschaftswissenschaften sind Frauen heute schon in der Mehrheit, in den Naturwissenschaften nur knapp darunter. Selbst im männerdominierten Bereich der Informatik machen sie rund 22 % aus, also noch immer deutlich mehr als der Frauenanteil bei den Start-up-Gründern. Das fällt als primäre Ursache also schon einmal weg. Wenn wir uns die Finanzierungsquellen im Geschlechterunterschied anschauen, wird es jedoch richtig spannend. Während sich die Geschlechteranteile bei der Finanzierung aus eigenen Ersparnissen sowie durch „Family and Friends“ praktisch nicht unterscheiden, haben männliche Gründer in Deutschland anderthalb Mal so oft Zugang zu staatlichen Fördermitteln, mehr als dreimal so oft zu Business Angels und mehr als zehnmal so oft zu Venture-Capital. Genau hier liegt der Hase im Pfeffer; denn die Maßstäbe, die von solchen Gremien an Gründer angelegt werden, unterscheiden sich massiv zwischen männlichen und weiblichen Startup-Gründern. Selbst im vergleichsweise weiblichen New Yorker Start-up-Ökosystem werden männliche Gründer über ihre Visionen für die Zukunft befragt; Frauen hingegen sollen häufiger Auskunft zum aktuellen Kundenstamm und zu konkreten Finanzprognosen geben. In einer Studie über Venture-Capital-Investitionen in Schweden wurden männliche Gründer, die sich etwas weiter aus dem Fenster lehnten, wie das nun mal für Start-up-Gründer typisch ist, deutlich positiver bewertet als Frauen in derselben Situation. Denn bei Männern wird dieses Verhalten häufiger als mutig und risikofreudig interpretiert, bei Frauen als uninformiert und naiv. Das ist – man muss es so deutlich sagen – schlicht diskriminierend. (Beifall bei der FDP/DVP sowie Abgeordneten der Grünen und der SPD) Die Landesregierung unternimmt ausweislich ihrer Stellungnahme zu dem vorliegenden Antrag nichts, um an dieser Finanzierungssituation grundlegend und flächendeckend etwas zu ändern. Der Gründerinnenbonus aus dem Koalitionsver- (Alena Trauschel) trag ist nicht umgesetzt. Damit ist die Landesregierung mitverantwortlich für die ungenutzten individuellen, gesellschaftlichen und volkswirtschaftlichen Potenziale, die mit dem niedrigen Anteil von Start-up-Gründerinnen einhergehen. Wie Sie den Anteil von Start-up-Gründerinnen, wie im Koalitionsvertrag vereinbart, mit der Methode „Warme Worte und ein bisschen Vernetzung“ verdoppeln wollen, ist mir völlig schleierhaft. Aber vielleicht ist das auch einfach der Vorteil, wenn man keine Daten erhebt. Denn wenn niemand weiß, wie hoch der Frauenanteil heute bei den Start-up-Gründungen ist bzw. zu Beginn der Legislaturperiode war, kann auch niemand die Einhaltung des Ziels aus dem Koalitionsvertrag kontrollieren. (Abg. Dr. Timm Kern FDP/DVP: Hört, hört!) Da muss ich mich – abschließend – schon etwas wundern, dass nach fünf Jahren CDU-geführtem Wirtschaftsministerium wirtschaftspolitische Ziele in einen Koalitionsvertrag kommen, deren Einhaltung die Landesregierung gar nicht überprüfen kann, und auch ein Jahr später offenbar niemand auf die Idee kommt, zumindest einmal den Beginn der Datenerhebung anzustoßen. Seriös geht anders. Danke. (Beifall bei der FDP/DVP)
