Nese Erikli
Sehr geehrte Frau Präsidentin, liebe Kolleginnen und Kollegen! Kreativ, innovativ, mutig, dabei selbstbewusst und nachhaltig denkend – so sind viele Frauen in unserem Land. Wenn es früher hieß: „Hinter jedem erfolgreichen Mann steht eine starke Frau“, oder anders gesagt: „Ohne Bertha Benz kein Weltkonzern Mercedes-Benz“, so sind diese Zeiten nicht nur längst vorbei; es hat sie vermutlich so nie gegeben. In Wahrheit galt nämlich schon vor 150 Jahren: ohne Margarete Steiff kein „Knopf im Ohr“. (Vereinzelt Heiterkeit – Abg. Andreas Stoch SPD: So sieht es aus!) Die Leistungen von Frauen in innovativen Bereichen sind heute nicht minder herausragend. Nimmt man unser Nachbarbundesland in den Blick, kommt unwillkürlich Özlem Türeci in den Blick, die als Start-up-Unternehmerin bei BioNTech zusammen mit anderen schnell einen Coronaimpfstoff entwickelte. Viele Menschen verdanken ihr nichts weniger als ihr Leben. (Beifall bei den Grünen und der CDU sowie Abge- ordneten der SPD) Nicht alle Frauen stechen so heraus wie Özlem Türeci, aber sehr viele von ihnen stärken – manche von ihnen auch im Verborgenen – die wirtschaftliche Leistungskraft Deutschlands und Baden-Württembergs, und ihre Bedeutung wächst. Zur Wahrheit gehört auch: Wenn nur jedes siebte Start-up durch eine Frau gegründet wird, dann sollte das Anlass sein, hieran etwas zu ändern. Die Gründe sind so vielfältig wie komplex; das haben uns auch die Frauen bei der Start-up-Tour berichtet, die mein Kollege Tayfun Tok und ich unternommen haben. riode – 40. Sitzung – Mittwoch, 22. Juni 2022 Ein wesentlicher Faktor liegt sicherlich darin, dass Frauen einen höheren Einsatz bei der Betreuung von Kindern bzw. in den Familien erbringen – viele, weil sie es so wollen, viele aber auch, weil es nicht anders geht. Damit fehlt zahlreichen Frauen schlicht die Zeit für eine berufliche Karriere als Gründerin. Gleichzeitig haben sie zum Teil auch nicht den erforderlichen Zugang zu Netzwerken. Hier wirkt sich eine vor allem von Männern dominierte Wirtschaftswelt zu ihrem Nachteil aus, inklusive der bekannten bestehenden gesellschaftlichen Defizite wie der gläsernen Decke oder dem Gender-Pay-Gap. (Lachen des Abg. Rüdiger Klos AfD) Corona hat auch hier wie ein Brennglas gewirkt. Außerdem sind wir in der glücklichen Situation, einen gesunden Arbeitsmarkt zu haben. Viele Baden-Württembergerinnen haben einen gut bezahlten Job. Hohe Beschäftigungsquoten bringen mit sich, dass es niedrigere Gründungszahlen gibt. Bildlich gesprochen: Wer bei Daimler, Bosch oder Porsche schafft, ist weniger motiviert, das Wagnis einer Firmengründung einzugehen. Das gilt ganz unabhängig vom Geschlecht. Wagniskapital ist das nächste Stichwort: Hinter den meisten Start-ups stehen Businessmodelle, und zum erfolgreichen Wachsen braucht es Geld. Jedoch erhalten von Frauen geführte oder gegründete Start-ups deutlich seltener Wagniskapital. Diverse Studien lassen den Schluss zu, dass bei vergleichbaren Start-ups Männerteams den Zuschlag erhalten. Das ist nicht nur ungerecht und diskriminierend, das ist auch wirtschaftspolitisch Unfug. (Beifall bei den Grünen und Abgeordneten der CDU – Vereinzelt Beifall bei der SPD – Zuruf von der AfD) Schauen wir gemeinsam darauf, was gerade im Start-up-Land Baden-Württemberg passiert, um die bestehende Situation zu ändern. Wir Grünen haben gemeinsam mit unserem Koalitionspartner in den vergangenen Jahren nicht nur Probleme erkannt, wir gehen deren Lösung auch mit weitreichenden Maßnahmen an, gebündelt in einem eigenen Handlungsfeld innerhalb der landesweit erfolgreichen Kampagne für Start-ups in Baden-Württemberg: Start-up BW. Wir wollen mit dem vorliegenden Antrag die Situation verbessern und Dinge weiterentwickeln. Wir holen Gründerinnen in ihren spezifischen Lebenssituationen ab, bieten passgenaue Fördermaßnahmen an und bündeln sie auf einer zentralen Women-Plattform auf „startupbw.de“. Welche Veranstaltungen und Seminare, welche Kongresse und Tagungen richten sich auch oder ganz besonders an Frauen? Wo finden Frauenwirtschaftstage statt? Welches der landesweit 60 Unternehmerinnennetzwerke befindet sich vor der eigenen Haustür? Welcher Wettbewerb nimmt die Gründerinnen im Land in den Blick? Dank des FEMALE FOUNDERS CUP haben sich in diesem Jahr bereits zum dritten Mal mehrheitlich weiblich geführte Jungunternehmen aus Baden-Württemberg mit einem Pitch in der Öffentlichkeit präsentiert. Über das digitale Portal stellt die bundesweite Gründerinnenagentur – die übrigens direkt hier um die Ecke am Landes- (Nese Erikli) wirtschaftsministerium angesiedelt ist – 200 Coaches, Mentorinnen und Mentoren oder auch Expertinnen und Experten zur Verfügung. Sie unterstützen bei der Gründung, und zwar unabhängig davon, in welcher Phase sich die jeweilige Idee gerade befindet oder in welcher Branche sich die künftigen Unternehmerinnen selbst betätigen wollen und dabei auch anderen Menschen in unserem Land eine Arbeit geben. Wir tun nicht nur im Wirtschaftsministerium viel, sondern auch im Wissenschaftsministerium. Ministerin Bauer, die heute leider nicht vor Ort sein kann – sie ist in Berlin auf der KMK –, und auch Staatssekretärin Olschowski haben beispielsweise die „Gründermotor“-Initiative an den Hochschulen in unserem Land etabliert. Es wurden allein im landesweiten Studierendenwettbewerb seit 2019 bereits mehr als 500 Gründungsideen aus Hochschulen validiert. Da ist richtig Zug dahinter, das ist richtig klasse. Demnächst stärken wir die Forschung noch an den HAWs mit dem Promotionsverbund. (Beifall bei den Grünen – Vereinzelt Beifall bei der CDU) Damit pushen wir die Attraktivität und intensivieren die Forschungstätigkeiten auch hochschulartübergreifend. Wie sich aus einschlägigen Untersuchungen ergibt, gründen Frauen nicht weniger erfolgreich als Männer, aber – so die bisherigen Erkenntnisse – Frauen gründen anders. Das hat uns auch die besagte Start-up-Tour von meinem Kollegen Tok und mir in den Pfingstferien gezeigt. Da waren wir eine Woche im ganzen Land unterwegs. Ich möchte noch anfügen: Frauen gründen auch anders, und nicht alle Frauen gründen gleich. Für uns heißt das: Wir holen Studierende oder frisch ausgebildete Berufsanfängerinnen in ihrer jeweiligen Lebensphase ab. Wir sprechen aber genauso fest im Beruf etablierte Frauen an – auch die haben wir auf unserer Start-up-Tour kennenlernen dürfen –, die ein eigenes Unternehmen gründen wollen, mit Highlights wie der demnächst stattfindenden Start-up BW Night am 21. Juli. Das kann ich Ihnen allen nur ans Herz legen. Da zeigt das Land, was Gründerinnen und Gründern bei uns im Südwesten, in „THE LÄND“, möglich ist. Das werden wir künftig auch noch weiter forcieren. (Beifall bei Abgeordneten der Grünen und der CDU) Neben der ökonomischen Fairness und dem grundlegenden Ziel der Gleichbehandlung geht es vor allem aber auch darum, bislang ungenutzte Potenziale abzuschöpfen und jeder Frau, die über eine erfolgversprechende Idee für eine wirtschaftliche Unternehmung verfügt, die Möglichkeit zu eröffnen, diese zu realisieren. Unsere Regierung nimmt sich in der Strategie erfolgreiche Start-ups zum Vorbild. Sie orientiert sich eng an den Bedürfnissen von Gründungswilligen, justiert immer wieder nach, wenn unsere Angebote nicht passgenau funktionieren, frei nach dem Motto – dem modernen Motto –: Ausprobieren, messen, lernen und beim nächsten Mal noch besser werden. So machen es nämlich auch die Start-ups. periode – 40. Sitzung – Mittwoch, 22. Juni 2022 Kürzlich veröffentlichte Bundeswirtschaftsminister Habeck die Pläne für eine Start-up-Strategie des Bundes. Darin hat er „Start-up-Gründerinnen und Diversität stärken“ als eigenständiges Handlungsfeld benannt und mit Maßnahmen hinterlegt, um hier auf Bundesebene schnell zu Fortschritten zu kommen. Das ist genau der richtige Ansatzpunkt für eine progressive Innovationspolitik. Wir Grünen werden nicht nachlassen mit Anträgen wie diesem, um die Themen Gleichstellung und Geschlechterverteilung auch bei der Start-up-Förderung in unserem Land voranzubringen. Ich sage nicht: „Starke Frauen braucht unser Land“, ich sage: Starke Frauen hat unser Land. Werben wir um sie, eröffnen wir ihnen den Raum zur Gründung von Unternehmen, lassen wir ihre Stärken, ihren Erfindungsreichtum und ihre Schaffenskraft auch in der Start-up-Initiative stärker zur Entfaltung kommen! Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit. (Beifall bei den Grünen und der CDU)
