Reinhold Pix
Sehr geehrter Herr Präsident, meine Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen! Es freut mich außerordentlich, dass gerade jetzt der einzige vinophile Landtagspräsident in ganz Deutschland präsidiert. (Vereinzelt Heiterkeit – Abg. Andreas Schwarz GRÜ NE: „Vinophil“!) Ich glaube, wir haben hier eine gute Debatte angestoßen. Die meisten Coronabeschränkungen sind schließlich gelockert. (Abg. Dr. Hans-Ulrich Rülke FDP/DVP: Es gibt auch in der Regierung Vinophile!) Weinproben, Weinfeste und vieles mehr sind wieder möglich. Bienenfresser sorgen sich um ihren Nachwuchs, Smaragdei dechsen räkeln sich in der Sonne, das Wetter könnte besser nicht sein. Sollte es so weitergehen, steht einem exzellenten Jahrgang 2022 nichts mehr im Wege. (Beifall bei Abgeordneten der Grünen und der CDU) Baden-Württemberg ist nach Rheinland-Pfalz das Weinland mit der zweitgrößten Weinbaufläche in ganz Deutschland. Der Weinbau prägt unsere Kultur, unsere Traditionen, die Land schaft, die Artenvielfalt und ist auch Grundlage für den Tou rismus. Wenn man das alles hört, könnte man meinen, dem Weinbau in Baden-Württemberg ginge es prächtig. Doch so viel vor weg: Dem ist leider nicht so. Der Weinbau steht vor sehr großen Herausforderungen. Der Klimawandel bringt Extremwetterlagen, neue Schädlinge und Krankheiten mit sich. Die Coronalockdowns brachten enor me finanzielle Einbußen, die vielen Betrieben trotz Unterstüt zung sehr zugesetzt haben. Zudem steckt der Weinbau in ei nem Transformationsprozess. 50 % weniger Pflanzenschutz mittel setzt uns das Biodiversitätsstärkungsgesetz zum Ziel, das wir gemeinsam auch erreichen wollen. Das sind mehr als genug Gründe, um zu fragen, wie es um das Weinland Baden-Württemberg in Zukunft steht. Leider liegen keine Daten zu den Betriebsergebnissen vor, schon gar nicht differenziert nach öko oder konventionell. Fra gen Sie aber gern die einzelnen Betriebe, denen das Wasser noch immer buchstäblich bis zum Hals steht, oder die Wein bauberaterinnen und berater, die im letzten Jahr alles versucht haben, möglichst vielen Betrieben durch diese schwierige Zeit zu helfen. Zur allgemeinen Situation und zu Tendenzen beim Weinbau im Land liegen Zahlen vor, auf die ich ganz kurz eingehen möchte. Die Rebfläche in Baden-Württemberg ist in den letz ten zehn Jahren erfreulicherweise bei 27 000 ha gleich geblie ben. Der Strukturwandel macht allerdings auch vor dem Wein bau nicht halt. Die Zahl der Betriebe ist von 25 000 auf 20 000 gesunken. Wir Grünen nehmen die Herausforderungen, die durch den Strukturwandel entstehen, an. Denn eines ist klar: Mit dem kleinstrukturierten Weinbau haben die Winzerinnen und Win zer im Land seit der Zeit der Römer unsere wunderbare Kul turlandschaft geschaffen, die es jetzt zu erhalten gilt. periode – 39. Sitzung – Mittwoch, 1. Juni 2022 Zum Glück ist hier die Flurneuordnung mittlerweile Partner dabei, die Kulturlandschaft zu erhalten, Lagen besser erreich bar zu machen und einen ökologischen Mehrwert zu garan tieren. Ganz besonders gilt dies für den Terrassen- und Steillagen weinbau in Baden-Württemberg, der zusätzlich zur Erzeugung exzellenter Weine Garant für das Habitat seltener Tiere und Pflanzen ist. Für das Anbaugebiet Württemberg liegen zwar Zahlen vor, die einen negativen Trend andeuten – so hat die Weinbausteil lagenfläche seit 2016 um 4 % von 550 ha auf 530 ha abge nommen; ein Teil davon ist der Abwanderung in Flachlagen geschuldet; ähnliche Zahlen werden auch für das Weinbauge biet Baden erwartet –, aber positiv stimmen mich die Ergeb nisse aus der Forschung gerade im Bereich Mechanisierung in den Steillagen: Roboter zur mechanischen Unterstockbear beitung, Spritzdrohnen werden den Steillagenweinbau in Zu kunft viel rentabler und attraktiver machen. Wir lassen die Betriebe bei der Umstellung nicht allein und werden sie – wie es auch im Koalitionsvertrag steht – bei der Anschaffung unterstützen. Als Ergänzung zum Investitionsförderungsprogramm des Bun des wird auch das Land ab dem kommenden Doppelhaushalt für die Jahre 2023/2024 kleinere Geräte zur Mechanisierung und vor allem zur Einsparung von Pflanzenschutzmitteln zu 40 % fördern. Insbesondere gilt dies hier für Recyclingsprit zen, die mir ein besonderes Anliegen sind und die mit unse rer Hilfe in den Koalitionsvertrag aufgenommen werden konn ten. Diese Förderung nutzt allen Betrieben. Denn es kommt gera de beim aktuellen Marktanteil selbstverständlich vor allem auf die konventionellen bzw. integriert wirtschaftenden Be triebe an. Diese müssen es schaffen, Ökologie und Ökonomie zu verbinden und den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln zu reduzieren. Gelingt dies, profitiert nicht nur die Artenvielfalt, sondern pro fitieren vor allem die Betriebe selbst. Durch Effizienzsteige rung und Reduzierung der Abhängigkeit von externen Be triebsmitteln sichern sich die Betriebe mittel- und langfristig ihre Wettbewerbsfähigkeit. Zudem sind die genannten Spritzen ein wichtiger Baustein, um das beschlossene Biodiversitätsstärkungsgesetz umzuset zen. Die Ziele sind klar und gelten auch weiterhin: Bis 2030 werden wir den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln um 50 % reduzieren und den Anteil des Biolandbaus auf 40 % erhöhen. Dazu muss auch der Weinbau seinen Beitrag leisten. (Beifall bei den Grünen und Abgeordneten der CDU) Es geht auch darum, den attraktiven und wachsenden Markt im Bioweinsegment regional zu bedienen und diesen nicht nur Akteuren aus Spanien, Italien oder Frankreich zu überlassen. Mir ist dabei sehr wichtig, festzuhalten, dass vieles, was dem ökologischen Anbau hilft, auch den konventionellen Anbau voranbringt und den Weinbau allgemein in unserer kleinstruk turierten Landwirtschaft rentabler macht – seien es moderne Spritztechnik, mechanische Unterstockbearbeitung, Schad prognosemodelle wie VitiMeteo oder sei es selbstverständlich (Reinhold Pix) die Weinbauberatung, die wir auch in Zukunft ausbauen und weiter verbessern müssen. Für diejenigen, die sich für ökologischen Weinbau entschei den, müssen wir den Umstieg so einfach wie möglich gestal ten und endlich eine Ausnahmegenehmigung für den Einsatz von Phosphonaten im Bioweinbau erreichen. In Baden-Württemberg haben wir auch im Weinbau auf dem Weg zur Umsetzung des Biodiversitätsstärkungsgesetzes schon einiges geschafft. Seit 2010 hat sich beispielsweise die öko logisch bewirtschaftete Fläche von 750 ha auf 1 500 ha ver doppelt. Das ist vor allem auf die Vergrößerung der bestehen den Betriebe zurückzuführen. Zur Wahrheit gehört jedoch auch, dass da bei einem Ökoanteil von gerade einmal 6 % noch sehr viel Luft nach oben ist. Frankreich, Spanien, Italien haben alle mehr als 12 % Bioflä che. Die Biofläche allein in Spanien beträgt über 100 000 ha. Das ist so viel wie ganz Deutschland an Weinbaufläche zu bie ten hat. Die drängen alle in unsere Märkte, in unsere Regale. Deswegen müssen wir dem etwas entgegensetzen. Hier haben wir eine riesige Chance. (Beifall bei den Grünen und Abgeordneten der CDU) Die während der Coronakrise gestiegene Wertschätzung vie ler Verbraucherinnen und Verbraucher für hochwertige und regionale Lebensmittel gibt uns recht. Es braucht Klasse statt Masse. (Beifall bei Abgeordneten der Grünen und der CDU) Wein war und ist Kulturgut sowie prägender Bestandteil un serer Esskultur. Explizit meine ich damit den moderaten Wein konsum oder, wie es der Deutsche Weinbauverband nennt, das „bewusste Genießen“. Was könnte also besser passen als ein Glas exzellenten Weins aus Baden oder Württemberg? Vielen Dank. (Beifall bei den Grünen sowie Abgeordneten der CDU und der SPD)
